Revisiting the Classics
Unsere Eindrücke von der Maison & Objet und der Déco Off in Paris
Auf der Maison & Objet und der Déco Off 2026 zeigte sich ein veränderter Blick auf Geschichte: Klassische Motive, Materialien und Typologien werden jetzt nicht nur zitiert, sondern zeitgemäß weiterentwickelt. Design versteht sich dabei als bewusster Prozess der Transformation.
In der Designgeschichte galt Fortschritt lange als Akt der Abgrenzung. Neue Haltungen entstanden aus dem Bruch mit dem Vorherigen, aus dem Wunsch, sich von tradierten Formen, Ornamenten und Bedeutungen zu lösen. Bewegungen wie das Bauhaus oder später Memphis stehen sinnbildlich für diesen Gestus: Gestaltung als Gegenentwurf, als radikale Neupositionierung gegenüber dem Bestehenden.
Heute scheint sich dieser Mechanismus verschoben zu haben. Große Teile des zeitgenössischen Designs leben weniger vom Bruch als vom Rückgriff. Die Vergangenheit gilt nicht als Bürde, sondern als Quelle – und liefert Ideen, aus denen neue Entwürfe entstehen.
Zeitgenössische Interpretationen
Besonders deutlich wurde dieser Umgang mit Stilgeschichte auf der Maison & Objet und der Déco Off bei Textilien sowie Wandbelägen. Der Rückgriff auf historische Muster, Techniken und Materialien diente dabei nicht der Nostalgie, sondern wurde zur Grundlage der Gestaltung. Stoffe interpretierten kulturell verwurzelte Referenzen neu und verbanden sie mit spürbarer Haptik und handwerklicher Präzision. Die klassischen Anklänge reichten von ornamentalen Motiven und erzählerischen Elementen bis zu stiller Materialität oder moderner Abstraktion.
Kultureller Resonanzraum
Dedar, Thevenon, Fischbacher 1819 und Loro Piana Interiors zeigten, wie historische Muster zeitgemäß übersetzt werden können. Bei Pierre Frey und Sahco erschienen klassische Streifen, Karos und Geometrien neu proportioniert und grafisch geschärft. Rubelli wiederum setzte auf Klassik, gedacht durch die italienische Moderne und den Rationalismus: Stoffe wurden zu architektonischen, lichtformenden Elementen – bewusst ohne nostalgisches Dekor.
Auch Wandbeläge folgten diesem Prinzip. Arte, CMO Paris und The House of Liberty präsentierten botanische Motiven, grafische Strukturen und aufwendig verarbeitete Naturmaterialien wie Holz, Sisal, Raffia oder gepressten Pflanzen. Historische Anklänge wurden nicht reproduziert, sondern in moderne Oberflächen mit Tiefe und Präsenz übersetzt. Hommage statt ZitatIm Möbelbereich wirkte der Rückbezug persönlicher. An die Stelle abstrakter Referenzen trat die bewusste Hommage: Klassische Typologien, vertraute Proportionen und ikonische Gesten wurden aufgegriffen und weiterentwickelt – ohne sie zu kopieren.
Hersteller wie Ginori, Pierre Yovanovitch, Anobjct und Valerie Objects zeigten in Paris, wie Geschichte als Dialog verstanden werden kann. Gestalterische Elemente erinnerten an historische Vorbilder, wurden jedoch reduziert, verschoben oder neu kombiniert. Hommage bedeutete hier nicht Nostalgie, sondern Anerkennung – und die Freiheit, Bekanntes weiterzudenken.
Re-Edition als Haltung
Daneben nehmen Neuauflagen weiterhin eine eigene Rolle ein. Sie verzichten bewusst auf Interpretation und setzen stattdessen auf sorgfältige Verarbeitung, Authentizität und Respekt gegenüber dem Original. Agapecasa, Écart – mit Entwürfen von Paul László – sowie Boråstapeter – mit Re-Editionen von Alvar Aalto – verstehen Gestaltung als kulturelle Verantwortung und Kontinuität als bewusste Haltung.
Ob zeitgenössische Interpretation, Hommage oder Re-Edition: Was die Maison & Objet und Déco Off 2026 verband, war ein neues Verhältnis zur Geschichte. Design zeigte sich weniger als Abgrenzung, mehr als Weiterführung. Die Klassiker kehren nun zurück – nicht als reines Zitat, sondern als Grundlage für Neues. Vive la transformation!
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