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Unter Spannung

Textile Bezüge für Mart Stams Freischwinger-Legende von Thonet

Vor hundert Jahren erfand Mart Stam den Freischwinger – einen Stuhl, der zur Ikone der Moderne wurde. Zum runden Geburtstag interpretiert Thonet den Klassiker neu: mit einer innovativen textilen Bespannung und pulverbeschichteten Gestellen.

von Tanja Pabelick, 12.03.2026

Vor über hundert Jahren inspirierten ein paar Gasrohre den jungen Tischler und Zeichenlehrer Mart Stam zu einer schnellen Skizze: einem Stuhl ohne Hinterbeine. Der Entwurf basierte auf einer geschlossenen Linie, die Sitzfläche und Rückenlehne trägt und eine quadratische Standfläche formuliert. Das erste Modell baute Stam mit gewöhnlichen Bauhalbzeugen wie Stahlrohren und gebogenen Schraubverbindern. Es wirkte kühn und kantig, verhielt sich aber starr.

Wenig später traf Stam bei einer Ausstellungsvorbereitung auf Mies van der Rohe, dem er seine Idee beiläufig auf die Rückseite einer herumliegenden Einladungskarte skizzierte. Mies van der Rohe war begeistert vom Grundprinzip, fand Stams Ausführung aber kaum elegant. Der Legende nach urteilte er: „Ziemlich hässlich mit diesen Muffen – man müsste das Rohr einfach biegen.“ Kurz darauf baute er eine eigene Version. Beim ersten Probesitzen gab das Gestell leicht nach hinten nach und ließ den Sitz federn. Dieses neue Sitzgefühl wurde namensgebend für einen neuen Möbeltypus: den Freischwinger. Dieser war nicht nur ein Pionier einer neuen Sitzmöbelkategorie, sondern gilt bis heute als Symbol der Moderne und des Bauhaus-Gedankens. Im Laufe der Designgeschichte wurde er immer wieder von Gestalter*innen aufgegriffen, weiterentwickelt und interpretiert – unter anderem von Marcel Breuer.

Eisernes Gewebe
Im Jahr 2026 wird die Idee zur Stuhlrevolution aus der Feder von Mart Stam hundert Jahre alt, ebenso wie das Bauhaus-Gebäude in Dessau. Thonet hat den Freischwinger S 33 und das Modell S 34, die Variante mit Armlehnen, seit ihrem Programmlaunch bis heute im Sortiment. Anlässlich der Jubiläen hat der deutsche Hersteller dieser Designikonen als Hommage eine Bespannungsinnovation entwickelt, die auf historischen Varianten beruht.

Die ersten Modelle der 1920er-Jahre zeigten sich häufig mit textilen Bespannungen wie Hanfgurten oder dem sogenannten Eisengarnstoff, der allerdings gar kein Eisen enthielt, sondern lediglich besonders widerstandsfähiges Garn mit quasi eisernem Charakter. Und mehr noch: Eisengarnstoff hat dasselbe Elternhaus wie der Freischwinger. Denn die Weberin Margaretha Reichardt beschäftigte sich am Bauhaus mit mehrfach gezwirnten Garnen, die dicht gewebt, sehr leicht, reißfest und elastisch waren und sich damit besonders gut für die Bespannung von Stahlrohrstühlen eigneten. Gleichzeitig brachten sie – als Alternative zu Leder und Korbgeflecht – Farbe in die Interieurs der Moderne. Rote, blaue, gelbe oder grüne Bespannungen wurden teils mit satt bunt lackierten Gestellen kombiniert und machten die Möbel zu einem aktiven Element der Raumgestaltung.

Federnd unter Zug
Zuletzt konnte man die textilen Bespannungen aus Eisengarn nur noch auf historischen Modellen finden, die nach langen Nutzungsjahren meist aufwendig zu restaurieren waren. Eisengarnstoffe sind selten geworden. Ihre Herstellung ist teuer und es gibt mittlerweile viele synthetische Alternativen im Bereich der Möbelbezugsstoffe, die sich einfacher und günstiger produzieren lassen. Für die Anwendung auf bespannten Freischwingern, bei denen Sitz und Rückenlehne aufgrund der federnden Nutzung permanenten Zug-, Druck- und Nahtbelastungen standhalten müssen, eignen sich diese jedoch nicht. Thonet ist deshalb in die Materialforschung gegangen, um Alternativen zu entwickeln, die die technologischen Potenziale moderner Produktion nutzen und gleichzeitig der zeitlosen Anmutung und industriellen Ästhetik der freischwingenden Designklassiker gerecht werden.  Die neue „Soft“-Serie lässt die Stuhlfamilie des S 33 und S 34 um neue Charaktere mit weicheren und wohnlicheren Eigenschaften wachsen.

Ein Jahr Materialforschung
Thonet wünschte sich, die vielen verschiedenen Stoffe, die bereits für die bestehende Kollektion verwendet wurden, auch für die Bespannung der Freischwinger nutzen zu können. Doch wie ließen sich ihre unterschiedlichen Eigenschaften und Texturen – von Mischgeweben aus Baumwolle und Wolle bis hin zu dichtem Leinen – zu einer Bespannungslösung mit einheitlichen Eigenschaften zusammenführen? Der Hersteller tüftelte ein Jahr lang an der Lösung. Die unterschiedlichen Stoffe werden nun mithilfe eines speziellen Verfahrens mit einem Trägermaterial stabilisiert. Die Sandwich-Konstruktion sorgt dafür, dass sich die Stoffe nicht verziehen, dehnen oder ausbeulen.

Alle Bezüge werden nach individueller Konfiguration des Gestells, Lacks und Textils von Mitarbeiter*innen in Thonets Produktion in Frankenberg hergestellt. Dabei ist viel Erfahrung und Geschick erforderlich, denn jeder Stoff verhält sich beim Nähen und der Montage anders. Besonders in Kombination mit einer Pulverbeschichtung des Stahlrohrs in Farben wie Perlweiß, Beigegrau oder Tomatenrot werden die Klassiker zu Statement-Möbeln, die sich als Akzent oder farblich angepasst inszenieren lassen.

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