SUVs im Kaufhaus
Der Salone del Mobile 2026 und die Rückkehr der großen Gesten
Der Salone del Mobile macht einen deutlichen Schritt zurück in die Vergangenheit und kommt damit ein Stück weiter aus der Krise. Das muss einem nicht gefallen, auch wenn es dem Zeitgeist entspricht. So ganz falsch liegt die Branche damit jedenfalls nicht.
Konsumgütermessen leiden unter ähnlichen Problemen wie Kaufhäuser. Was einstmals ihre große Stärke war, gereicht ihnen heute zum Nachteil: Viele Marken an einem Ort, universell bespielbare Ausstellungsflächen und die bequeme Erreichbarkeit per Auto – all das hat nun nicht mehr dieselbe Anziehungskraft wie noch vor einem Vierteljahrhundert. Diese Erfahrung musste auch der Salone del Mobile machen. In den letzten Jahren hat die Milan Design Week, die parallel zur eigentlichen Messe an mittlerweile Hunderten von Orten im Mailänder Zentrum stattfindet, dem Salone zunehmend den Rang abgelaufen. Der Fuorisalone war anfänglich eher ein „Salone des Refusés“ für junge Unternehmen, die keine Chance auf einen der wie Gold gehandelten Plätze in den Messehallen hatten. Oder eine Alternative für italienische Möbelfirmen, die sich der Messepolitik widersetzen wollten. Längst aber finden die Besucher*innen – und selbst international operierende Großunternehmen – diese urbanen Pop-up-Inszenierungen viel reizvoller als einen Stand auf dem Salone del Mobile.
Die wirtschaftlichen Einbrüche der letzten Jahre haben dazu geführt, dass sich mehrere der großen italienischen Möbelhersteller, die eigentlich das Rückgrat des Salone bilden, auf ihre ohnehin vorhandenen Markenshowrooms in der Innenstadt beschränken – und sich nicht zusätzlich für Millionensummen einen Messeauftritt leisten wollen. So haben Schwergewichte wie Cassina, Molteni&C oder Moroso 2026 keinen Stand mehr. Die Milan Design Week wächst derweil ungebremst weiter, mit der Folge, dass eine gesamte Messewoche kaum ausreicht, um alle Ausstellungsorte zu besuchen.
Erste Zeichen der Erholung
Wie alle Möbelmessen hat auch der Salone del Mobile mit unterschiedlichen Formaten und Konzepten versucht, der Krise entgegenzuwirken – in den letzten Jahren mit mäßigem Erfolg. Im April 2026 aber – und darin waren sich viele Fachbesucher*innen einig – ging es wieder aufwärts. Man profitierte dabei paradoxerweise nicht zuletzt davon, dass die Anzahl der Besucher*innen immer noch deutlich unter den Rekorden der Vergangenheit lag, auch wenn sich dieses Jahr wieder viele Schlangen vor den Ständen bildeten. Doch man konnte sich in den Hallen, anders als vor der Coronapandemie, halbwegs zügig voran bewegen.
Außerdem hat das Salone-Management ein recht glückliches Händchen mit den diesjährigen Sonderschauen bewiesen: Vor allen Dingen Aurea, das Mock-up eines fiktiven Grandhotels, entworfen vom Pariser Designbüro Maison Numéro 20, war ein kleiner Geniestreich. Die Designer*innen schufen ein charmant-schwülstiges Neo-Fin-de-Siècle-Interieur, das in seiner Opulenz und Verspieltheit den historistischen Vorbildern in nichts nachstand. Gleichzeitig konnte Maison Numéro 20 zwischen all dem roten Damast und glitzernden Kristall viele Produkte von Möbel- und Dekorproduzenten unterbringen, deren Portfolio mit zeitgenössischem Design wenig zu tun hat. Obwohl diese auf dem Salone wie auf vielen anderen Möbelmessen das Gros der Aussteller bilden, finden sie in den Sonderschauen sonst kaum Berücksichtigung.
Auch die kleine, von Roberto Palomba und Ludovica Serafini gestaltete Ausstellung Abito machte Spaß: Sie brachte in zwölf Displays Mode- und Möbeldesign zwischen 1900 und 2026 zusammen. Der Salone Raritas schließlich war eine Messe in der Messe: Dort zeigten Galerien, Manufakturen und Designer*innen Einzelstücke, Kleinserien- und Vintage-Objekte. Damit bediente die Messe den wachsenden Markt des Collectible Designs – eigentlich ein Thema, das fest mit dem Fuorisalone verbunden ist. (Mehr dazu in unserem Bericht über den Salone Raritas.)
Nachhaltigkeit nur Randthema
Was 2026 in den Messehallen besonders ins Auge stach: Das Thema Nachhaltigkeit spielte in diesem Jahr praktisch keine Rolle mehr. Vergessen schienen der Supersalone von 2021 und sein wegweisendes Standdesign mit Re-Use-Konzept. Von den ambitionierten Nachhaltigkeitszielen, die Veranstalter und Aussteller zwischenzeitlich erreichen wollten, sprach dieses Jahr auch kaum ein Verantwortlicher.
In den Messehallen bewies vor allem das Sitzmöbel Triangolo von Stefan Diez für Maxdesign eine gewisse ästhetische Unangepasstheit. Die dreieckige Sperrholzkonstruktion mit Polsterauflage demonstriert erneut den unermüdlichen Einsatz des Münchener Designers für nachhaltige Produkte: Triangolo ist nach Angaben des Herstellers größtenteils einfach kompostierbar. Daneben war der Büromöbelspezialist Arper, der das sortenrein trennbare Sofa Aom von Jean-Marie Massaud präsentierte, der einzige Hersteller, der bei einer Neuheit das Thema Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellte.
Reise in die Vergangenheit
Stattdessen konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele der ausstellenden Unternehmen mit Begeisterung zu einem „Normalzustand“ zurückgekehrt waren, bei dem man nicht bei jeder Neuheit und jedem Standkonzept über Wiederverwertungsmöglichkeiten und den ökologischen Fußabdruck Rechenschaft abzulegen hat. Da waren sie nun wieder: die großformatigen Messearchitekturen aus Gips, Glas und Metall. Tausende und abertausende Quadratmeter Auslegeware dämpften jeden Schritt. Was damit nach der Messe geschehen ist? Man will es nicht wirklich wissen.
Dunkelbraun, Dunkelgrün und Dunkelrot als Trendfarben zogen sich durch alle Hallen. Die Farbigkeit der späten Siebziger und frühen Achtziger war Programm: Vieles von dem, was als Neuheit gezeigt wurde, hätte in sehr ähnlicher Form auch gut in den Wohnzimmern deutscher Neubausiedlungen der Schmidt- und frühen Kohl-Jahre stehen können. Schwere Ledergarnituren fanden sich fast überall und der Trend zur modularen Sitzgruppe blieb ungebrochen. Auch Systemwände, die verdächtig an die gute alte Fernsehschrankwand erinnerten, waren hier und dort wiederzufinden. Die eigenen Stärken in der Verarbeitung von Holz, Stein und Leder wurden überall herausgestellt. Lackoberflächen, vorzugsweise in Ochsenblutrot, waren omnipräsent. Zahlreiche Klassiker der Siebziger und Achtziger, Blütezeit des italienischen Designs, wurden vielerorts neu aufgelegt oder aufgefrischt. Es scheint, als habe sich die Möbelindustrie 2026 in die eigene Komfortzone zurückgezogen. Die Sehnsucht scheint auch dort groß zu sein nach einer Zeit, in der die Welt vermeintlich noch nicht aus den Fugen geraten war. Ein Hauch Sentimentalität lag 2026 über dem Salone und der Milan Design Week.
In den Messehallen fand sich dennoch mehr bemerkenswert Neues als in den letzten Jahren. Allen voran die Möbelmarke B&B Italia, die zum 60-jährigen Firmenjubiläum nach Rho zurückgekehrt war. Mit dem wahrscheinlich schönsten Stand der Messe – eine großartige Mies-van-der-Rohe-Reminiszenz von Formafantasma – bekräftigte das Unternehmen seinen Ehrgeiz, an die großen Erfolge der Vergangenheit anzuknüpfen. Herausragend war der Abaco-Tisch von Erwan Bouroullec. Der französische Designer zeigte sich damit in diesem Jahr in Mailand auf dem Höhepunkt seines Könnens. Tischplatte und Aussteifungen sind höchst elegant in die geschlitzten Beine eingepasst und geben dem Tisch eine japanische Anmutung. Die Ausführung in rotem Lack steht ihm deshalb besonders gut. Ebenfalls exzellent: der extrem leichte Stuhl Metric von Michael Anastassiades. Der vielbeschäftigte Vincent Van Duysen hat für B&B Italia ein modulares Sofasystem entworfen, dessen Design ein wenig an Carlo Scarpas berühmtes Cornaro-Sofa erinnert.
SUVs für das Wohnzimmer
Nahezu jeder größere Hersteller präsentierte in diesem Jahr ein modulares Polstermöbelsystem. Auf den Messeständen und in den Showrooms wurden diese Sofamodule zu teils monströsen Sitzlandschaften verbunden – und damit die ohnehin großformatigen Designs ins Überdimensionale gesteigert. Diese Sofasysteme sind ein wenig wie SUVs. Sie stehen für vieles, was in einer aufgeklärten Konsumgesellschaft eigentlich keinen Platz mehr haben sollte: übermäßiger Ressourcenverbrauch, Flächenverschwendung, Unbescheidenheit. Aber offenbar bedienen sie den hartnäckigen Wunsch der Verbraucher*innen nach Größe. Ähnlich wie beim frei stehenden Einfamilienhaus, dem natürlichen Habitat dieser Riesensofas, pfeifen die Konsument*innen schlicht auf Ratschläge zur Selbstbeschränkung – und wie bei den SUVs freuen sich die Unternehmen über die guten Margen dieser Produkte.
Vielfach ließen sich die Sofaelemente in diesem Jahr zu Kreis- oder Polygonalformen zusammenstellen – auch das ein Rückgriff auf die Siebziger- und Achtzigerjahre. Der deutsche Hersteller ClassiCon etwa hat mit dem von Gabriel Tan entworfenen Soft Stone Sofa einen schönen Entwurf auf dem Salone vorgestellt. Tetrisartig sind hier die Lehnen-, Armlehnen- und Sitzflächenmodule ineinander gestapelt, sodass Rück- und Seitenansichten rhythmisch gegliedert wirken.
Der fraglos überragende Beitrag in dieser Kategorie fand sich jedoch nicht auf der Messe. Moroso stellte ihn als Prototyp auf der Milan Design Week vor. Geometriæ ist ein Entwurf des schwedischen Duos Front und setzt konsequent auf stereometrische Grundformen. Zusammengesetzt aus Würfel, Quader, Zylinder und Trommel ergeben sich zahllose Konfigurationsmöglichkeiten. Doch die Reduktion auf Elementarformen ist nur die eine Qualität des Entwurfs. Die beiden Designerinnen gestalteten auch zwei raffinierte Bezugsvarianten, die die Entwurfszeichnungen für das Sofasystem in die Dreidimensionalität übertragen. Die eine Variante simuliert Schattenwurf auf den Modulen, die andere verlaufende Aquarellfarben. Es bleibt abzuwarten, ob die Serienausführung den Reiz der Prototypen bewahren kann.
Etwas Leichtes zum Sitzen
„Urbane Nomad*innen“, die Hersteller zwischenzeitlich als Kundschaft entdeckt hatten, werden mit all diesen Großmöbeln wohl kaum etwas anfangen können. Vielleicht finden sie aber Gefallen an einem der leichten neuen Stühle, die in Mailand gezeigt wurden. Neben dem schon erwähnten Metric von Michael Anastassiades wären hier zu nennen: Snyk von Erwan Bouroullec und Savoia von Barber & Osgerby für Kartell, der Klappstuhl Theo von Matteo Thun und Benedetto Fasciana für Plank sowie der Stapelstuhl Linnéa von Luca Nichetto für Infiniti. Einen schönen Loungechair aus Sperrholz entwarf Nathan Martell für Established & Sons. Ebenfalls bemerkenswert ist der Loungechair Hinode von Vincent Van Duysen für den japanischen Holzspezialisten Koyori. Auch Erwan Bouroullec hat für den Hersteller einen Stuhl gestaltet: Ichirin überzeugt durch seine raffinierten Holzverbindungen.
Die derzeit in der Designszene beliebten polierten Edelstahloberflächen fanden sich interessanterweise kaum auf diesem Salone und blieben fast ausschließlich der Kleinserie auf dem Fuorisalone vorbehalten. Eine Ausnahme: das gelungene Regal Ryo von Nao Tamura für Porro. Für Established & Sons hat die Designerin auch zwei originelle Beistelltische namens Fez mit exzentrisch drehbarer Platte entworfen.
Kaum vertreten waren dagegen Produkte, die eine gewisse „Edginess“ besitzen. Selbst Konstantin Grcics neuer Stuhl Apsis für Mattiazzi – diese Paarung stand bislang fast sinnbildlich für Avantgardeformen – ist nahezu klassisch zu nennen. Und auch die diesjährigen Arbeiten der großartigen Faye Toogood fielen eher brav aus. Hatte die Designerin mit dem Butter-Sofa für Tacchini einen der markantesten Entwürfe des Designjahrs 2025 geliefert, ist ihre neue Polsterserie Crease für Meritalia etwas nichtssagend. Nachahmungen ihres Butter-Sofas fanden sich überall auf den Messeständen und in den Showrooms der Stadt. Auch den ersten Großserienprodukten der talentierten Linde Freya Tangelder für Cassina fehlt die wunderbare Rauheit ihrer vorangegangenen Arbeiten. Einige Straßen vom riesigen Cassina-Showroom entfernt zeigte dagegen das junge Label Odd Universe seine höchst originelle, mit großen „Augen“ dreinblickende Hocker- und Stuhlserie The Peepers – als Außenmobiliar einer Mailänder Bar. Mit drei Grundelementen ergeben sich die unterschiedlichsten informellen Sitz- und Tischformen: Hocker, Beistelltisch, Hochtisch, Barstuhl.
In der Komfortzone
Dass Ausreißer wie Odd Universe in Mailand auffielen, sagt vielleicht am meisten über die Stimmung in diesem Jahr aus – nicht weil es an guten Entwürfen fehlte, sondern weil formale Kühnheit und Nachhaltigkeit als Haltung kaum eine Rolle spielten. Stattdessen versicherten sich viele traditionsreiche Unternehmen der eigenen DNA und antworteten auf die Krisen der Gegenwart mit einem Blick zurück – passend zum Zeitgeist.
Der Artikel ist Teil unseres Dossiers Milan Design Week 2026.
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