Zwischen Laufsteg und Leuchte
Unsere Highlights der Milan Design Week 2026
Neben Möbeln und Prototypen prägten vor allem Modehäuser die Milan Design Week 2026 mit groß angelegten Installationen im Stadtraum. Innerhalb des visuell dichten Programms haben wir nach spannenden Projekten Ausschau gehalten, die sich über Material, Konstruktion und Nutzung definierten.
Karimoku: Holz als Tradition und Experiment
Es gibt Unternehmen, die in Mailand ein Produkt zeigen, und solche, die ein System vorstellen. Karimoku gehört zur zweiten Kategorie. Der 1940 gegründete japanische Hersteller produziert Holzmöbel in integrierten Prozessen und verfolgt einen Ansatz, der die systematische Weiterentwicklung von Prototypen ins Zentrum rückt. Dies wurde in der Ausstellung Research Published as Furniture im Capsule Plaza deutlich. Die Präsentation war als Lounge angelegt: Sitzlandschaften, Klanginstallationen und Verweise auf die eigene Unternehmensgeschichte bildeten den Rahmen für mehrere Möbelserien aus internationalen Kooperationen.
Ein Beispiel ist wagetsu, gemeinsam entwickelt mit dem Studio WAKA WAKA. Die Möbel dieser Karimoku-Marke greifen Elemente japanischer Innenräume auf – niedrige Proportionen, gestufte Flächen, das Spiel von Licht und Schatten – und übersetzen sie in präzise gefügte, hochglänzende Objekte in teils leuchtenden Farben. Die lackartigen Oberflächen bilden einen bewussten Kontrast zur klassischen Holzästhetik. Parallel dazu zeigte Karimoku Re:issue überarbeitete Entwürfe aus den 1980er-Jahren. Besonders präsent: das ZE Sofa. Üppig gepolstert und mit tief gestepptem Leder bezogen wird es von einigen als ein neues Togo gehandelt. Besucher*innen konnten dort Platz nehmen und in Originalkatalogen die Vorläufer der aktuellen Modelle entdecken.
Paper Logs: Die zweite Form des Plissees
Inmitten der Vielzahl aufwendig produzierter, aber inhaltlich dünner Installationen großer Modehäuser hob sich die Ausstellung The Paper Log: Shell and Core von Issey Miyake deutlich ab, die weniger auf Effekt und vielmehr auf Materialforschung setzte. Aus komprimierten Rollen hauchdünnen Papiers – einem Abfallprodukt des Plissierprozesses, in dem sich die Silhouetten der bearbeiteten Kleidungsstücke als feine Abdrücke eingeschrieben haben – entwickelten Satoshi Kondo, Chefdesigner von Issey Miyake, und das spanische Architekturbüro Ensamble Studio die sogenannten Paper Logs („Papierstämme“).
Entstanden sind Hocker, Sessel und Tische, die in Wachs getaucht, mit Kleber fixiert oder zu Bündeln zusammengefügt wurden. Ergänzt wird die Serie durch Accessoires aus Papier, das mit Härtungsmitteln behandelt ist und dessen Faltenstruktur dadurch dauerhaft konserviert bleibt, sodass die ursprünglich instabile Textur nahezu stein- oder holzartig wirkt.
Shared Matter: Prototypen mit Kontext
Im Spaziovento in Brera setzte die Gruppenausstellung Shared Matter Presented by Switzerland einen Gegenpol zum üblichen Übermaß der Design Week. Gezeigt wurden sechs Projekte junger Designer*innen – fast alle davon noch im Stadium zwischen Prototyp und erstem Produktrelease begriffen. Gerade daraus ergab sich eine andere Form der Auseinandersetzung: Die Objekte erklärten sich nicht über Perfektion, sondern über die Geschichte ihrer Entstehung. So hat etwa Silvio Rebholz mit Paper Glasses eine Alternative zu Einwegbechern aus Kunststoff entwickelt. Das Material basiert auf geformtem Papier, das mit Bienenwachs beschichtet wird. Dadurch erhält es eine transluzente, kunststoffähnliche Anmutung, ist aber vollständig biologisch abbaubar. Entwickelt wurde es im Rahmen einer Forschungsresidenz in China, in Zusammenarbeit mit lokalen Papiermacher*innen.
Ein anderes Projekt, Re27 von iiode, versteht die LED als gestaltbares Material und übersetzt sie in eine reparierbare, zirkulär gedachte Glühbirne. Besonders narrativ ist der Umgang mit Material bei Noelani Rutz: Ihre Fliesen übertragen die Struktur von Schnee in keramische Oberflächen – entwickelt in Zusammenarbeit mit den japanischen Herstellern Tajimi Custom Tiles und Sugiura Seito. Hier geht es nicht nur um Dekor, sondern um die Übersetzung eines flüchtigen Naturphänomens in ein dauerhaftes Material.
Interni Venosta: Dialog mit dem Bestand
Der Ausstellungsort des italienischen Möbellabels Interni Venosta funktionierte anders. Dort standen die Objekte im direkten Verhältnis zum Raum: ein Apartment von Osvaldo Borsani aus den Jahren 1947/48 unweit der Via Montenapoleone, das erstmals zugänglich gemacht wurde. Borsani, Mitbegründer von Tecno, steht für eine Nachkriegsmoderne, in der Architektur und Möbel als Einheit gedacht sind. Das zeigte sich in maßgefertigten Einbauten aus Materialien wie Leder, poliertem Messing und edlen Hölzern sowie in einem ausgeprägten Gespür für Proportion.
Unvergessen: die ungewöhnlich hohen Türrahmen und eine glockenförmige Sitznische mit Kamin. Zum Bestand gehörten auch ausgewählte Antiquitäten, darunter kostbare Objekte von Carlo Bugatti, die sich nahtlos mit den Exponaten von Interni Venosta verbanden. Die räumliche Umsetzung übernahmen Britt Moran und Emiliano Salci von Dimorestudio, die auch die Gründer von Interno Venosta sind. Ihr Ansatz: nicht inszenieren, sondern integrieren. Neue Objekte griffen Materialien und Lichtstimmungen des Bestands auf – etwa durch Materialien wie Messing, Stahl oder lackierte Hölzer – und wurden gezielt entlang von Blickachsen und im Dialog mit architektonischen Details platziert.
B&B Italia: Architektur der Essenz
Wer in diesem Jahr im Showroom von B&B Italia in der Via Durini nach neuen Produkten suchte, traf stattdessen auf eine Ausstellung zur eigenen Geschichte anlässlich des 60. Firmenjubiläums. Diese präsentierte auch das neue Branding, das die ursprüngliche grafische Identität des Unternehmens zeitgemäß weiterführt, und gab einen Vorgeschmack auf die Neupositionierung sowie auf den Auftritt auf der Messe. Dort war B&B Italia erstmals nach 25 Jahren wieder vertreten – mit einer Inszenierung, die durch ihre Klarheit überzeugte.
Der von Formafantasma entworfene Messestand war nicht als nachempfundene Wohnwelt gedacht, sondern erinnerte in seiner Strenge an die Architektur eines Mies van der Rohe. Unter einer monumentalen Kassettendecke, die den Raum in ein gleichmäßig gefiltertes Licht tauchte, gaben Wände und Böden aus Marmor, Holz und Naturfasern einen Rhythmus vor. Jedem neuen Entwurf – von Michael Anastassiades, Ronan Bouroullec oder Jasper Morrison – war ein eigener, räumlich definierter Bereich gewidmet. So konnten die Möbelstücke als autonome Solitäre hervortreten. Es war ein Auftritt, der seine Wirkung nicht aus der Lautstärke bezog, sondern aus der Erkenntnis, dass Weglassen die konsequenteste Form der Inszenierung sein kann.
Der Artikel ist Teil unseres Dossiers Milan Design Week 2026.
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