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Leiser Visionär

Neuauflagen der Entwürfe von Pierre Guariche bei Ligne Roset

Zwischen Rationalismus und den sinnlichen Kurven des Space Age: Ligne Roset reeditiert die Arbeiten des französischen Designers Pierre Guariche. Es sind wegweisende Entwürfe aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, die auffallend gut in unsere heutige Zeit passen.

von Norman Kietzmann, 14.01.2026

Auch Stars geraten machmal in Vergessenheit. So erging es dem Pariser Designer Pierre Guariche (1926-1995), der in den Fünfzigerjahren die Moderne vorantrieb. Es ist eine Phase, die in Frankreich immer ein wenig übersehen wird. Zu groß ist die Strahlkraft des Art déco, das 1925 seinen Durchbruch erlebte und in den späten Vierzigerjahren abebbte. Danach wurde auch in Frankreich ein neuer gestalterischer Ausdruck gesucht. Der Bedarf war riesig an Möbeln für Schulen, Universitäten, Unternehmen, Kultureinrichtungen – und natürlich private Wohnungen. Für den Glamour und die Opulenz des Art déco war keine Zeit mehr. Es musste schneller, sparsamer und industrieller produziert werden – nicht nur für eine kleine Gruppe, sondern für die Masse. Genau an dieser Stelle war Pierre Guariche in seinem Element. Er zeigte, dass demokratisches Design nicht mit Abstrichen verbunden ist, sondern eine eigene Qualität entwickeln kann – mit Entwürfen von zurückhaltender Eleganz und Klarheit, die im besten Sinne zeitlos sind.

Kompakt, aber komfortabel
„Pierre Guariche steht für Möbel, Sitzmöbel, Leuchten, Empfangshallen und Seilbahnkabinen, die ihrer Zeit so weit voraus sind, dass man sich noch immer kaum vorstellen kann, dass sie größtenteils in den frühen Sechzigerjahren entworfen wurden“, erklärt Michel Roset, Kreativdirektor von Ligne Roset. 2024 hat das französische Familienunternehmen elf Möbel neu editiert, die gestalterisch auf Reduktion und Materialeffizienz setzen. Deutlich wird dies beim Sessel und Zweisitzer aus der Serie G10 (1953). Die Armlehnen sind aus gebogenem Schichtholz gefertigt. Wie zwei Klammern fassen sie die Polsterkissen für Sitzfläche und Rückenlehne ein. Die gesamte Konstruktion ruht auf einem filigranen Metallgestell, das einen schwebend leichten Eindruck erzeugt.

Der Clou: Die Sitzfläche ist auffällig nach hinten geneigt, was den Sitzkomfort erhöht. Sessel und Zweisitzer brauchen keine ausladenden Dimensionen, um bequem zu sein. Sie können auch in kleinen Wohnungen bella figura machen – ein Punkt, der heute umso mehr erhält. Denn aufgrund steigender Immobilienpreise wird Wohnraum zunehmend knapper. „Der Geist der Leichtigkeit und der Materialersparnis waren Pierre Guariches Antwort auf den Bedarf an Großserienmöbeln, die das im Wiederaufbau befindliche Frankreich verlangte. Das entspricht unserer Philosophie: Für lange Zeit, intelligent, respektvoll und dabei schön einrichten“, ist Michel Roset überzeugt.

Poesie des Alltags
Auch der Stuhl Tonneau (1954) besitzt eine Schale aus Formholz. Am Übergang von Sitzfläche und Rückenlehne wartet sie mit einer runden Öffnung auf. Diese lässt keineswegs nur die Blicke passieren, sondern dient auch als konstruktive Grundlage für die starke Verbiegung der Schale. Das Schöne und das Funktionale – sie gehen souverän Hand in Hand. „Als Ingenieur, Designer und Innenarchitekt hat Pierre Guariche den Stil seiner Zeit durch seine unersättliche Lust an Innovationen und neuen Materialien mitgeprägt. Er wechselte mit großer Leichtigkeit von einer Schaffensstufe zu der anderen, aber immer mit Blick auf die Funktion und den Gebrauch, was seinen Kreationen ihre Zeitlosigkeit verleiht“, erklärt Jean-Marc Villiers. Als Leiter und Mitbegründer von Éditions Pierre Guariche hat er die Neuauflagen der Entwürfe maßgeblich vorangetrieben.

Vom Slalom zum Liegen
Bestes Beispiel für die Evolution im Werk des französischen Designers ist die Chaiselongue Vallée aus dem Jahr 1963. Die Formensprache ist weicher, runder, organischer geworden. Auf Schichtholz wird verzichtet. Stattdessen ist die Liegefläche durchgehend gepolstert und mit einem weißen, nahtlosen Stretchgewebe bezogen. Wie eine kleine Wolke schwebt die Liege über dem gekreuzten Metallfuß – zum Abheben in andere Sphären bereit. Inspiration für den Einsatz von Polyurethanschaum lieferte nicht nur die zunehmende Eroberung des Weltraums. 1961 war Pierre Guariche in die Gründung des französischen Skiorts La Plagne involviert und richtete zusammen mit dem Architekten Michel Bezançon zahlreiche Wohnungen und öffentliche Galerien ein. So liegt es durchaus auf der Hand, dass auch schneebedeckte Pisten ihre Spuren in diesem Möbel hinterlassen haben, dessen Name im Deutschen „Tal“ bedeutet.

In den darauffolgenden Jahren fokussierte sich Guariche weiter auf das Thema Interieur. 1974 richtete er den Athena-Hafen in Bandol gemeinsam mit dem Architekten Jean Dubuisson ein. In den Achtzigerjahren gestaltete er mehrere Hotels in Frankreich und im Ausland, darunter in Kamerun, Indonesien und Singapur. 1992 stellte das Pariser Centre Pompidou fünfzehn Entwürfe von Pierre Guariche aus, darunter die Chaiselongue Vallée, den Sessel Jupiter (1966), den Beistelltisch Prefacto (1952) sowie mehrere Leuchten. Letztere sind nun ebenfalls wieder erhältlich – dank einer Kooperation des französischen Leuchtenherstellers Sammode mit Ligne Roset.

Neu im Fokus
Von raumbildender Präsenz sind die Leuchten G21 (1953) und G30 (1954), die jeweils mit einem V-förmigen Metallfuß auf dem Boden aufsitzen. Die Pendelleuchte G13 AM (1952) verdeckt den gläsernen Schirm mit einer Schicht aus perforiertem Metallblech – und mildert so die Intensität des Lichts. Von skulpturaler Qualität ist die dreibeinige Tischleuchte G24 aus dem Jahr 1953. Der Metallschirm verfügt über eine kreisförmige Öffnung, die für eine indirekte Beleuchtung des Tischs sowie eine direkte Beleuchtung der Decke sorgt. „Pierre Guariche hat ein ausgezeichnetes Image in akademischen und designaffinen Kreisen. Er ist aber leider zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geraten. Es lag mir am Herzen, dass man ihn (wieder) entdeckt, und zwar in einer Qualität, die seiner Vision und seiner Liebe zum Detail entspricht“, sagt Jean-Marc Villiers. Mit den Reeditionen von Ligne Roset und Sammode ist das nun gleich auf doppelte Weise gelungen.

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Ligne Roset

Fertigungsstandorte von Ligne Roset mit ca 800 Mitarbeitern. 95% der Sitz-, Kasten-, Kleinmöbel und Accessoires werden hier gefertigt. Das seit 1860 bestehende Familienunternehmen exportiert in 5. Generation weltweit in 70 Länder und begeistert überall Menschen für hochwertige französische Möbel. Anspruchsvolle und zeitlose Ästhetik prägen die Marke sowie ein hohes Maß an Innovation und Kreativität. Möbel von Ligne Roset werden im gehobenen stationären Handel, in Exklusivgeschäften sowie über einen eigenen Onlineshop vertrieben. Darüber hinaus sind Hotels, Sternerestaurants, Kreuzfahrtschiffe und Luxusboutiquen ein wichtiges Geschäftsfeld.

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