Schluss mit Schluss mit lustig?
Die Rückkehr des Humorvollen auf der Dutch Design Week
Das Designjahr 2026 liegt vor uns. Welche Entwicklungen wird es bringen? Erste Hinweise darauf hat bereits die Dutch Design Week in Eindhoven gegeben. Junge Designerinnen und Designer zeigten dort im vergangenen Herbst Entwürfe, deren Formen ein fröhliches Augenzwinkern klar erkennen ließen.
Kaum ein Faktor hat die Entwicklung des Designs im vergangenen Jahrzehnt so sehr beeinflusst wie die Klimakrise. Eine ganze Generation von Designschaffenden hat ihre gesamte Ausbildung, ihren Fähigkeitserwerb, unter diesen Vorzeichen absolviert. Nur selten zuvor hat eine gesellschaftliche Krise einen so direkten Ausdruck im Design gefunden wie die globale Erwärmung. Wenn man einen Vergleich suchen müsste, kämen einem am ehesten die Wohnungsnot und Armutsproblematik in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts in den Sinn.
Auch damals fühlte sich eine Generation von jungen Gestalterinnen und Gestaltern berufen, zur Lösung dieser Krisen unmittelbar beizutragen – etwa in Form von Produkten für kleinste Einkommen, die mit geringsten Herstellungskosten zu produzieren waren. Im Unterschied zur Zwischenkriegszeit ist die Industrialisierung der Produktion heute aber nicht mehr Teil des Lösungswegs, sondern Teil des Problems. Die berühmte Devise des zweiten Bauhaus-Direktors Hannes Meyer „Volksbedarf statt Luxusbedarf“, die darauf abzielte, dass seine Studierenden billige Industrieprodukte statt teurer Handwerksprodukte entwerfen sollten, müsste man im Sinne der Nachhaltigkeit heute umkehren. Das aber stellt die Designzunft vor ein Dilemma. Denn Design im heutigen Verständnis ist in der Regel Industriedesign.
Verantwortungsbewusstes Design
Unter den Vorzeichen industrieller Produzierbarkeit bemühen sich Designerinnen und Designer seit einem Jahrzehnt darum, Produkte zu entwickeln, die so nachhaltig wie möglich sein sollen. Nachwachsende Rohstoffe, Recycling, Upcycling, Trennbarkeit der Materialien, Wiederverwertung, Reparaturfähigkeit – all das und mehr gehört inzwischen zum immer weiter wachsenden Handwerkskasten eines verantwortungsbewussten Designs. Nachhaltigkeit bestimmt aber nicht nur Materialauswahl und Produktionsmethoden, als Haltung wird sie auch häufig durch die Formgebung deutlich zur Schau getragen. Gerade im Avantgardedesign soll die Gestaltung nicht selten eine Geste der Widerständigkeit gegen die herrschende Konsumgesellschaft mit ihrer zerstörerischen Logik sein. Das Ergebnis ist ein Anti-Design, das sich oftmals roh, minimal und sperrig gibt. Ihm haftet ein hohes Maß an Ernsthaftigkeit und auch Freudlosigkeit an.
Junges Design mit Witz und Ironie
Doch beginnt sich das gerade zu ändern? Wer im vergangenen Oktober die Dutch Design Week in Eindhoven besuchte, konnte Hinweise darauf entdecken. Die DDW ist eines der wichtigsten Schaufenster für Jungdesignerinnen und -designer und ebenso für die großen europäischen Designhochschulen, die dort mit Ausstellungen von Arbeiten ihrer Studierenden vertreten sind. Gerade die deutschen Universitäten zeigten bei der Ausgabe 2025 Beiträge, die einen unerwarteten Schuss Humor und Frechheit unter Beweis stellten. Waiting for the bus etwa von Luca Ortmann, Student an der UdK Berlin. Ortmanns Beitrag war ein zentrales Exponat der Schau German Design Graduates des Rats für Formgebung auf der DDW. Waiting for the bus ist offiziell als Serie von Stadtmobiliar für Ersatzhaltestellen im Nahverkehr gedacht, begeistert jedoch in erster Linie als fröhlich gelbe Formerfindung, deren spielerischer Zug sich in wolkenförmigen Standfüßen und gebogenen Trichterleuchten manifestiert. Ähnlich gelb und ähnlich originell: Eine große Wachskerze mit integriertem Griff von Florian Post, der an der ABK Stuttgart studiert.
Spielerische Herangehensweisen
Ihre an Jugendstilformen erinnernde Leuchte Bloem hat Lydia Nieuwmeijer sowohl mit handwerklichen als auch mit digitalen Produktionsmethoden hergestellt. Die Absolventin der Kunsthochschule Utrecht fertigte ihren Entwurf zum einen als 3D-Druck und zum anderen als Metallguss. Mit Wachs arbeitet Lotte Bruinink, Absolventin der Kunstuniversität Arnheim, die einen Heizkörper als Kerze entworfen hat – Teil ihres Projekts Heiß unter den Füßen, das sich mit dem Klimawandel befasst. Ebenso spielerisch in der Herangehensweise an das Thema ist der Entwurf Use it or lose it von Jan Forray und Lukas Bauer von der ABK Stuttgart, die eine schicke knallrote Gießkanne mit passendem Regensammler entworfen haben – ein simpler Weg, um Trinkwasser zu sparen. Weitere Arbeiten wie die rosa Liegeskulptur Sumo von Emma Mende (UdK Berlin) und die an Memphis-Design erinnernden modularen Kerzenleuchter Screw it von Valentina Zuniga Ortiz, Vanessa Alicia Cupal und Tim Trotner (ABK Stuttgart) wollen dagegen nicht mehr sein als spielerisches und überraschendes Design.
Dagegen stellten die in Eindhoven präsenten Unternehmen weiterhin die „grünen“ Themen ins Zentrum ihrer Kommunikation. Nachhaltiges Handeln hat in der Industrie bei Weitem noch nicht eine solche Selbstverständlichkeit, als dass es sich erübrigen würde, darüber zu reden. Deshalb kann man sich mit ökologisch und sozial vorbildlichem Handeln deutlich von den Mitbewerbern absetzen. Das wird wohl auch noch eine ganze Weile so bleiben. Die spielerischen Entwürfe der Studierenden auf der DDW zeigen aber, dass das junge Design beginnt, trotz aller Herausforderungen durch die Klimakrise wieder stärker den Aspekt der Formerfindung in den Mittelpunkt zu stellen. Vielleicht gerade weil die industrielle Produktion vor der Folie des Klimawandels grundsätzlich hinterfragt werden muss, kommt den künstlerischen Facetten des Berufs wieder mehr Bedeutung zu. Es wird spannend zu beobachten, ob die neue Leichtigkeit, die sich im jungen Design andeutet, im Verlauf des Jahrs 2026 an Kontur gewinnt.
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