Eine Designerin, die vermisst wird
Konstantin Grcic und Caroline Perret erinnern sich an Pauline Deltour
Das Designmuseum MADD in Bordeaux ehrt die viel zu früh verstorbene Gestalterin Pauline Deltour derzeit mit einer Ausstellung ihres Gesamtwerks, die von Konstantin Grcic und Caroline Perret co-kuratiert wurde. Wir haben mit den beiden über Deltours Arbeit, die legendäre Münchener Zeit und ihr lebendiges Vermächtnis gesprochen.
September 2021, mitten in der Pandemie: Die Designszene traf sich zum Supersalone in Mailand. Statt im April gab es eine Mini-Ausgabe der Möbelmesse im Spätsommer. Die Zahl der Aussteller*innen und Besucher*innen blieb zwar überschaubar, aber es war warm und sonnig – und die Stimmung war heiter. Man freute sich, dass das Leben weiterging. Bis plötzlich eine Nachricht die Runde machte: „Hast du schon gehört, Pauline ist tot!“. Mit einem Schlag war die Heiterkeit dahin. Kaum zu glauben, aber eine Botschaft auf ihrem Instagram-Account bestätigte es: Die Designerin Pauline Deltour war unerwartet verstorben, mit 38 Jahren.
Elf Jahre lag da die Gründung ihres eigenen Studios zurück. Nach ersten Erfolgen wie der Korbserie A Tempo für Alessi, einem Geschirr für den japanischen Hersteller Arita oder Möbeln für COR hatte sie gerade eine Reihe größerer Aufträge erhalten. Wer der Französin in dieser Zeit begegnete, erlebte eine gut gelaunte, energiegeladene Frau im Aufbruch, voller Tatendrang. „Für sie fing die nächste Phase an“, sagt Konstantin Grcic. „Die ersten Jahre sind fast leicht, man ist das junge Talent. Doch dann kommt der nächste Schritt. Er ist nicht einfach, aber den hatte sie gerade genommen.“ Deltour war vier Jahre in Grcics Münchener Studio tätig gewesen, bevor sie sich selbständig machte. „Sie arbeitete damals an vielen, auch vom Maßstab her umfangreichen Projekten“, erinnert sich Caroline Perret an das Jahr 2021. Die Gestalterin war mit Deltour befreundet und ebenfalls zeitweise Mitarbeiterin in Grcics Studio.
Münchener Jahre
Konstantin Grcic und Caroline Perret gehören zu einem vierköpfigen kuratorischen Team, das eine Ausstellung über die Designerin konzipiert hat. Pauline Deltour. Une apparente simplicité („Eine scheinbare Einfachheit“) ist seit letzter Woche im Musée des Arts décoratifs et du Design de Bordeaux (MADD) zu sehen. Vom Fahrrad bis zum Outdoor-Stuhl, vom Schmuckstück bis zum Bonbon: Die Ausstellung nimmt eine so materialreiche wie persönliche Bestandsaufnahme des Gesamtwerks von Deltour als selbstständige Gestalterin vor. „Pauline war ein Arbeitstier, sie war sich für nichts zu schade“, sagt Konstantin Grcic. Caroline Perret ergänzt, dass Deltour oft morgens vor der Arbeit bei Grcic noch bei Freunden im Büro an ihren eigenen Projekten saß. Und nach Feierabend dann wieder. Unter anderem gestaltete sie Schreibtischutensilien für Muji.
In dieser Zeit habe sich zwischen ihnen eine enge Freundschaft entwickelt. Perret ist halb Französin, halb Deutsche, und schon die gemeinsame Sprache verband sie. An einem sonnigen Frühlingstag sitzen Grcic und Perret in der Küche seines Studios in Berlin am Tisch und erinnern sich aus Anlass der Ausstellung an ihre Mitarbeiterin und Freundin. „Pauline hatte so eine Ausstrahlung, man musste sie einfach mögen“, sagt Grcic. „Pauline war zwar sehr ehrgeizig und diszipliniert“, fügt Perret hinzu, „aber dabei gar nicht verbissen. Sie hatte eine Leichtigkeit und war sehr neugierig. Neugierig auf Menschen, auf Kulturen. Sie war offen und unvoreingenommen.“
Fundament für die Zukunft
Eine Professorin von Pauline Deltour an der Pariser Hochschule ENSAD hatte Grcic 2005 auf ihre Studentin aufmerksam gemacht und brachte sie zu einem ersten Gespräch zusammen. Grcic engagierte Deltour als Praktikantin, sie zog für ein Jahr nach München. Nachdem sie 2007 ihr Diplom an der ENSAD absolviert hatte, kam sie zurück in die bayerische Hauptstadt, arbeitete für weitere drei Jahre als Designerin in seinem Studio. In dieser Zeit lernte sie auch Caroline Perret kennen und gehörte zu einem Kreis Münchener Gestalter*innen, zu dem auch Nitzan Cohen, Ayzit Bostan und Gerhardt Kellermann zählen.
Mit Konstantin Grcic arbeitete sie an Projekten für Vitra, Thonet, Muji und Serafino Zani – aus heutiger Sicht wegweisende Projekte für das Studio. „Das waren die ersten Projekte, in denen wir als Designer eine völlig andere Rolle einnahmen“, sagt Grcic. Es sei nicht nur um ein einzelnes Objekt gegangen. „Wir entwickelten ein ganzes Themenfeld, die Strategie für eine ganze Produktlinie.“ Dabei entstand eine neue Methodik, von der er bis heute zehre. „Ich denke, ich spreche für alle, die damals bei dir im Büro waren: Das hat uns sehr geprägt“, sagt Caroline Perret. „Mit viel Zeit und viel Intensität an Projekten zu arbeiten. Das haben wir als Fundament mitgenommen.“ Als Perret zur Vorbereitung der Ausstellung Pauline Deltours Archiv durchgegangen ist, habe sie gemerkt, dass das auch für Deltour gelte, denn sie habe später ähnlich gearbeitet.
Pariser Jahre
„Pauline Deltour war offensichtlich sehr talentiert und extrem lernbegierig. Sie hat alles aufgesaugt“, sagt Konstantin Grcic. „Mir war klar, sie ist eine Mitarbeiterin, die eine gewisse Zeit da ist und dann weiterzieht, um ihre eigenen Sachen zu machen.“ 2010 ging Deltour dann tatsächlich zurück nach Paris. Neben ihrem eigenem Designbüro gründete sie gemeinsam mit Anne-Laure Gautier und Gwenaëlle Girard auch En Bande Organisée, ein Studio für Innenarchitektur. Deltour entwarf Objekte für Puiforcat, Lexon und Trudon, Schmuck für Jem, die Medaille für den Paris-Marathon 2019, daneben Möbel für COR, Ames, Tolix, Hem und Offecct.
Außerdem wurde sie 2016 als erste Professorin für Produktdesign an die renommierte Schweizer Hochschule Ecal in Lausanne berufen. In der Zeit heiratete sie auch ihren Partner, den Filmproduzenten Nicolas Tiry, und bekam zwei Töchter. Die Jahre seit ihrer Rückkehr nach Paris waren intensiv, erfolgreich – und nicht immer einfach, wie Deltour Caroline Perret einmal erzählte. Im Sommer 2021, kurz vor ihrem Tod, verbrachten sie mit ihren Familien gemeinsam die Ferien. Die Arbeit mit manchen Auftraggebern sei schwierig gewesen und Deltour habe entschieden, sich den Bedingungen nicht mehr unterwerfen zu wollen. „Sie sagte: ‚Ich mache das jetzt so, wie ich das möchte.‘ Und da ist sie dann herausgerissen worden“, so Perret.
Das Vermächtnis
Nach Pauline Deltours Tod bat Nicolas Tiry Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen um Unterstützung, denn die unvollendeten Projekte ihres Studios sollten noch fertiggestellt werden. So sind posthum unter anderem eine Outdoor-Möbelserie für Tolix und eine Polstermöbelserie für Offecct auf den Markt gekommen. Tiry war auch eine der treibenden Kräfte hinter der Ausstellung. Zudem wird er demnächst einen Prix Pauline Deltour ausloben, geplant als Auszeichnung für junge Designer*innen. So soll das Vermächtnis der Gestalterin lebendig gehalten werden, denn – da sind sich Caroline Perret und Konstantin Grcic einig – „sie fehlt“. Beide halten kurz inne, überwältigt von der Erinnerung. „Bei aller Tragik“, fährt Grcic nach einer Pause fort, „war sie ein Role Model. Sie ist als junge Frau ihren Weg gegangen.“ Als Vorbild für die Jüngeren wäre sie heute eigentlich sehr wichtig, so Grcic. Zumal Deltour sich auch sehr für andere eingesetzt habe, wie Perret ergänzt. „Sie hat sich ausgetauscht, sie hat Leute miteinander verknüpft.“ Diese Lücke soll der Preis wenigstens zum Teil füllen.
Am Ende des Gesprächs kommen beide auf einen anderen Salone del Mobile zu sprechen: 2010 muss es gewesen sein, als Alessi zur Vorstellung von Deltours A Tempo-Kollektion die Drahtkörbe überlebensgroß auf Textil drucken und damit die Wand eines Messestands verkleiden ließ. Caroline Perret hat die damals 27-jährige Pauline Deltour davor fotografiert, in hellem Trench über dunkler Kleidung. Und über ihr schweben die riesengroßen Körbe.
Studio Pauline Deltour
paulinedeltour.comMusée des Arts décoratifs et du Design de Bordeaux (MADD)
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