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Olympia und Design

Ausstellung White Out in der Mailänder Triennale

Begleitend zu den Olympischen Winterspielen Milano Cortina 2026 nimmt die Ausstellung „White Out“ das Thema aus Designsicht unter die Lupe. Kuratiert wurde die Schau in der Triennale Milano von Konstantin Grcic und Marco Sammicheli – nicht als Retrospektive oder Bestandsaufnahme, sondern mit dem Blick voraus.

von Norman Kietzmann, 05.02.2026

Design und Sport stehen in Verbindung – zumindest dort, wo es effizient zugehen soll. Formen, die für den Windkanal optimiert wurden, holen bei Wettkämpfen nicht nur Sekundenbruchteile an Schnelligkeit heraus. Performance ist darüber hinaus ein Schlüssel zur Schönheit, Ausdruck einer inhärenten Eleganz. Und genau die ist auch in der Mailänder Triennale zu sehen, wo in der vergangenen Woche die Ausstellung White Out eröffnet hat. Eine Evolution von Skiern, Snowboards und Helmen wird präsentiert. Ebenso ein Bob, der schon im Stehen einen Eindruck davon vermittelt, auf welch rasante Geschwindigkeit er in der Eisbahn zu beschleunigen vermag.


Blick hinter die Sportkulissen
Doch es geht um mehr: „Der interessanteste Bereich der Ausstellung ist der, wo wir über Infrastruktur sprechen. Also: Was steckt alles dahinter, um überhaupt Wintersport in den Bergregionen auszuüben, von Liften und Beschneiungsanlagen bis hin zu Sicherheits- oder Bezahlsystemen“, sagt Konstantin Grcic. Bereits für die Olympischen Sommerspiele in Paris 2024 hat der in Berlin ansässige Designer eine Ausstellung kuratiert und gestaltet. In Mailand legt er nun den Fokus auf den Wintersport, zusammen mit Ko-Kurator Marco Sammicheli, Direktor des Museo del Design Italiano sowie der Triennale Milano. Und tatsächlich: Es ist faszinierend, sich die Düsen genau anzuschauen, mit denen ganze Skipisten unter einer artifiziellen Schneedecke verschwinden. Diese Geräte besitzen eine ganz eigene Ästhetik, obwohl sie unter normalen Umständen niemand aus der Nähe zu Gesicht bekommt.

„Natürlich kann man das alles total abtun und sagen, genau das ist das Problem. Künstlicher Schnee bedeutet einen irren Energieaufwand. Was soll das alles? Aber das ist keine Zukunft, sondern längst schon Realität“, erklärt Konstantin Grcic, der selbst seit Jahren nach Südtirol zum Skifahren fährt. In der Ausstellung ist eine Grafik zu sehen, die den Rückgang der Wintersportsaison in den Alpen von derzeit knapp 100 Tagen auf 59 Tage im Jahr 2030 und 24 Tage im Jahr 2050 prognostiziert. Und die sind nur noch in Höhen von über 2.080 Metern möglich. Was also passiert mit den Regionen?


Von der Piste in die Stadt
„Wasser ist eine Ressource, die sich in dieser Projektion schon multipliziert. Und dafür müssen Systeme gefunden werden. Wo kommt das Wasser her? Wo wird es gesammelt und aufbereitet? Und wie nutzt man es für anderes? Das ist eine harte Realität“, sagt der Designer. In vielen Regionen verliert der Wintersport bereits an Bedeutung. Mit Beginn des Frühlings tummeln sich Wandersleute , Radfahrer*innen oder Gleitschirmflieger*innen in den Bergen. Für die Produzenten alpiner Ausrüstung erlaubt der Klimawandel andere Spielfelder. „Die Hersteller von Schneekanonen könnten Wasserdunst erzeugen, um urbane Zentren zu kühlen. Die Liftanlagen sind interessante Transportsysteme für den öffentlichen Nahverkehr in den Städten“, sagt Konstantin Grcic. Die Bezahlsysteme für Skianlagen könnten vielleicht auch bei der Bahn eingeführt werden. „Hier ist überall Intelligenz zu sehen, die übertragbar und nicht an einen Wirtschaftszweig gebunden ist“, betont der 61-Jährige.

Inspiration für das Design
Dabei berührt die Ausstellung verschiedene Polaritäten und Extreme, von der Unterhaltung bis zur wissenschaftlichen Expedition. Eine rotierende Figurine zeigt ein Kleid, das die Eiskunstläuferin Katarina Witt 1989 bei einem Wettkampf in Montreal getragen hat. Direkt gegenüber ist in einer Vitrine der eigens von Prada Linea Rossa angefertigte Neopren-Anzug zu sehen, mit dem der japanische Skispringer Ryōyū Kobayashi 2024 einen neuen Weltrekord aufstellte. An anderer Stelle wird Schutzkleidung von Bergsteiger*innen präsentiert, passend platziert hinter einem Foto, das die Umweltverschmutzung am Basislager des Mount Everest zeigt. „Rund 90 Prozent der Exponate sind zeitgenössisch, mit Ausnahme einiger weniger, darunter ein Buch mit Anleitungen zum Skifahren von Carlo Mollino und ein Alpenbiwak von Charlotte Perriand aus dem Jahr 1938. Sie zeigen, wie sehr die Berge seit jeher eine Inspiration für Designer waren und immer noch sind“, erklärt Marco Sammicheli.


Neue Transportwege
Um einen Ausblick in die Zukunft zu geben, darf der Einsatz von KI nicht fehlen. „Die Ausstellung endet mit einem Video, das wir bei dem amerikanischen Designer und Künstler Scott Cannon in Auftrag gegeben haben, der in Berlin lebt. Er scheint eine ferne Zukunft zu skizzieren, während er die Daten der Gegenwart mit künstlicher Intelligenz auswertet“, sagt Marco Sammicheli. Gleich am Anfang des Films sieht man einen Hoch geschwindigkeitszug auf einer Trasse direkt an die Skipiste fahren, die Fahrgäste sind bereits in kompletter Ski-Montur. „Was wir bei unseren Recherchen gemerkt haben: Das allergrößte Problem beim Wintersport sind nicht die Schnee- oder Liftanlagen. Es ist der Verkehr. Dafür zu sorgen, dass nicht jeder mit dem Auto, sondern irgendwann mit dem Zug in die Berge fährt, ist eine echte Designaufgabe. Und die hätte großen Impact“, ergänzt Konstantin Grcic.

Seine Ausstellungsgestaltung spielt mit einer Vielzahl an Hintergründen. So werden die Skier und Snowboards vor Furnieren aus der Ettore Sottsass-Kollektion von Alpi gezeigt, die die Maserung des Holzes mit tiefen Farben überbetonen. An anderer Stelle wählte er raffinierte Mesh-Strukturen oder von LED-Bändern rückseitig durchleuchtete Kunststoffpaneele, um Schuhe oder Schutzausrüstung zu präsentieren. Ein riesiges Foto, das den Verlauf einer Bob-Eisbahn zeigt, ist auf eine Wand aus vor- und zurückspringenden Metallpaneelen aufgetragen. Der Tisch Reale CM von Carlo Mollino aus dem Jahr 1948 (heute editiert von Zanotta) wurde mit der Fläche an die Wand montiert. So ragen die Beine nun direkt in den Raum und geben eine von Bewegung und Skifahrt inspirierte Konstruktion frei.


Erweiterter Zugang
Und noch etwas ist Konstantin Grcic wichtig: „Wir sehen im Film hauptsächlich volle Pisten. Wintersport soll nicht nur ein exklusives Erlebnis für die ausgewählten Wenigen sein. Wir sehen in Zukunft auch eine Demokratisierung von Wintersport: In dem viel mehr Leute daran teilhaben können, wenn man neue Systeme schafft, die den Zugang erleichtern.“ In der Ausstellung sind Exoskelette zu sehen, die älteren Menschen ebenso wie Menschen mit Behinderungen die Möglichkeiten geben, Ski zu fahren. Der Ausstellungstitel White Out steht eigentlich für ein Wetterphänomen, bei dem aufgewirbelter Schnee den Horizont verschwinden lässt und so die Orientierung trübt. Dabei tut die Schau genau das Gegenteil: Sie verschleiert nicht den Blick, sondern öffnet neue Perspektiven.

White Out. The Future of Winter Sports
Noch bis zum 15. März 2026 in der Triennale Milano zu sehen.

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Ausstellung White Out

triennale.org

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