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Oper der Stühle

Ausstellung A Chair and You im Grassi-Museum

Der Genfer Unternehmer Thierry Barbier-Mueller hinterließ eine einmalige Sammlung zeitgenössischer Stühle von Künstler*innen, Designer*innen und Architekt*innen. Das Grassi-Museum für Angewandte Kunst holte 140 davon nach Leipzig. Inszeniert wurde „A Chair and You“ von dem weltbekannten US-amerikanischen Regisseur, Künstler und Architekten Robert Wilson.

von Karin Henjes, 26.06.2024

Sie sind alle da, in der Reihenfolge ihres Auftretens: der Pylon Chair von Tom Dixon (1992), der A.Y.O.R. von Ron Arad. (1991), der Consumer’s Rest von Stiletto Studios (1981), der Favela Chair von Humberto und Fernando Campana (2003). Die Ausstellung in Leipzig zeigt noch viele andere expressive Charaktere, die wir in unserem kollektiven Design-Gedächtnis tragen. Meist sind sie nicht besonders funktional, fast immer dafür spektakulär. Gemeinsam stehen oder hängen sie in sich spiegelnden, tiefschwarzen, dämmrigen oder unglaublich hellen Räumen. Sie befinden sich in Zwiesprache miteinander und den Besucher*innen, zu schrillen Gitarrenklängen, elegischer Klaviermusik, mechanischen Trommelsounds oder Gesang. Ihre Charaktere entfalten sich in vier Räumen: vom Kaleidoscope Space bis zum Dark, Medium und Bright Space.

Reines Erleben
Robert „Bob“ Wilson erweckt die Stühle der Sammlung wie Protagonist*innen nach allen Regeln seiner Theater-, Licht-, Sound- und Bühnenkunst zum Leben und zeigt sie in Interaktion. Das Ergebnis ist ein Erlebnis, in dem sämtliche sinnlichen und geistigen Kanäle der Besucher*innen aktiviert werden. Auf die Beschriftung der Räume und Exponate habe Wilson zugunsten des reinen Erlebens bewusst verzichtet, berichtet der Museumsdirektor Olaf Thormann. Ein kleines Heftchen begleitet stattdessen still und klug. Thormann sagt selbst über A Chair and You: „Ich bin immer wieder überrascht, wie humorvoll-locker die Ausstellung wirkt und wie präzise Bob zugleich arbeitet und sein gesamtes Instrumentarium einsetzt.“

Vom Dunkel ins Licht
Olaf Thormann hatte die Ausstellung Anfang 2023 im Kunst- und Designmuseum Mudac in Lausanne gesehen und sofort deren Strahlkraft erfasst. Er konnte den 82-jährigen Robert Wilson dafür gewinnen, mit dem Projekt nach Leipzig zu kommen. Die Inszenierung hat Wilson für den wunderschönen Jugendstilbau des Grassi völlig umgekrempelt und auf die Besonderheiten der Sonderausstellungsräume abgestimmt. Der Tanz der Stühle führt im Grassi, andersherum als in Lausanne, vom Dunklen ins Licht. Baubedingt kommen ein Eingangsbereich und ein Korridor hinzu.

Eingang: Diamanten im Himmel
Im quaderförmigen, schwarz gestrichenen Eingangsbereich ist es dunkel. An der Decke leuchtet der Stuhl Gio Ponti in the Sky with Diamonds (2004) von Ingo Maurer. Schon hier zeigt sich, wie locker-leicht Bob Wilson kulturelle und spirituelle Bezüge von beträchtlicher Tiefe spinnt. Der Lichtdesigner Ingo Maurer, der einst diese Hommage an den italienischen Gestalter Gio Ponti und die Beatles entwarf, ist inzwischen tot. Ebenso wie der Stuhlsammler Thierry Barbier-Mueller, der Anfang 2023 plötzlich verstarb.

Kaleidoscope Space: Alarm im Spiegelsaal
Schwache Deckenscheinwerfer fokussieren Stühle auf dem Weg zum Kaleidoscope Space, wo ein schriller Gitarrenriff von Lou Reed die Besucher*innen in einen leichten Alarmzustand versetzt. Sie können durch kreisförmige Öffnungen in den großen, geschlossenen, von innen mit Aluverbundplatten verspiegelten und wechselnd beleuchteten Kubus schauen. Mit etwas Konzentration lassen sich zehn metallische Stühle ausmachen – am einfachsten, auf Grund der roten Kugel als Sockel, der Peak Too von Friedrich Schilcher.

Dark Space: Drama, Baby
Durch eine von hinten beleuchtete Zwergentür geht es geduckt in den Dark Space, wiederum schwarz gestaltet. Hier sind markante Exponate auf Podesten in verschiedenen Höhen platziert. Bewegliche Scheinwerfer wandern die Protagonist*innen dieses Raums mit wechselndem Licht ab – unter anderem den Redesigned ZigZag (1978) von Alessandro Mendini. Der Rücken des Stuhls wirft einen dramatischen Kreuz-Schatten an die Wand und passt zu der übersinnlichen Klaviermusik von Arvo Pärt. Mendini hatte den Zickzack-Stuhl von Gerrit Rietveld  (1932) mit einem Kreuz versehen, um auf die religiöse Überhöhung von Design anzuspielen.

Medium Space: Karawane der Stühle
Im Medium Space geht es geordnet und visuell ruhig zu. Inspiriert von Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon (1929), hat Wilson die Architektur mit semitransparenten Wänden strukturiert. Hier werden die Stühle zu rhythmischen Klängen auf grauen Teppichen und weißem PVC-Boden präsentiert – im Regal, auf einer Treppe, als Sitzgruppe oder nebeneinander auf Podesten. Das Licht ist diffus und gedämpft. Es gibt streng geometrische Stühle wie Stefan Zwickys brutalistische Beton-Hommage an den LC2 namens Grand Confort, sans confort, dommage à Corbu (1980), aber auch vegetabile wie Robert Wilsons Amadeus Chairs (1991) für eine Inszenierung von Mozarts Oper Die Zauberflöte. Hier findet sich auch Arik Levys Stacheldrahtstuhl (2012), mit dem dieser auf gesellschaftliche Codes anspielt, die unser Sozialverhalten bestimmen.

Korridor: Hommage an den Freund
Und noch eine Hommage, diesmal direkt von Robert Wilson selbst. Die bauliche Besonderheit in Leipzig, der Korridor zum Bright Space, bleibt nicht einfach ein Gang. Er ist eine überaus fröhliche, gut gelaunte Würdigung des Stuhlsammlers selbst. Liebevoll wurden bunte Pompons an den Wänden befestigt und bunt gerahmte Abbildungen von Stühlen aufgehängt. Zur akustischen Untermalung hat Robert Wilson Zitate von seinem Freund Thierry Barbier-Mueller eingesprochen und zu Hörkunst verarbeitet.

Bright Space: Bunte Überraschung
So werden die Besucher*innen angemessen auf das Finale im überbordenden Bright Space vorbereitet. Intuitiv wurden hier Stuhlverwandtschaften geschaffen und auf Inseln aus Papier zu Assoziationsräumen wie „animalisch“, „dual“, „skulptural“, „poppig“ oder „witzig“ gruppiert. Überschwänglich scheinen Lebende und Tote gemeinsam zu Paul Reeves’ Song Happy Chappie ein großes Fest der Kunst, des Designs, der Form, der Farbe, des Materials, der Erinnerung, der Vision, des Raums und des Lichts zu feiern. Unvorstellbar, dass diese Ausstellung auch nur einen Menschen unberührt hinaus in den Garten entlässt.

Die Ausstellung A Chair and You ist noch bis zum 06.10.2024 im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig zu sehen.

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