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Kosmos aus Kristall

Ausstellung Die Farbe von Glas in München

Was Glas so alles kann: schimmern, irisieren, glitzern und glänzen – von einer reichen Handwerkstradition erzählen, Kunst mit Bedeutung transportieren oder Markenbotschafter sein. Die Neue Sammlung in München zeigt mit ihrer Ausstellung „Die Farbe von Glas“ Facetten und Wirkungskreise eines faszinierenden Werkstoffs.

von Franziska Horn, 10.07.2024

Kobaltblau, Vulkanrot oder Smaragdgrün – manchmal ist es nicht die Farbgebung von Glas selbst, welche die stärksten Impressionen hervorruft: Wer vor der Prismenplastik des niederbayerischen Künstlers Aloys F. Gangkofner steht, ein Herzstück der Ausstellung, staunt über die Leuchtkraft jener Töne, die farbloses Glas durch einfaches Ablenken und Brechen von Licht hervorrufen kann. Unter der feintarierten Bestrahlung des Lichtdesigners Matthias Singer spiegelt die für die Osram-Werke entworfene Installation aus dem Jahr 1965 alle Farben des Regenbogens wider. Wie viele weitere Exponate der neuen Ausstellung Die Farbe von Glas wird Gangkofners Prismenplastik nun erstmals der musealen Öffentlichkeit präsentiert.

Umfangreiches Museumsarchiv
Rund 120.000 Modelle umfasst das Archiv der Neuen Sammlung, die größte und älteste Designsammlung der Welt. Sie lagern in fünf Depots rund um die Metropole München. „5.000 davon sind dem Material Glas zuzurechnen, sei es als freie künstlerische oder als architektonische Arbeit, als Gebrauchsgut oder Verpackungsglas, ob Serie oder Unikat“, sagt der Kurator Josef Strasser. Aus diesen Segmenten rekrutieren sich die rund 250 Exponate, die seit dem 5. Juli in eigens dafür umgebauten Räumen zu sehen sind. Das Ausstellungsdesign stammt vom Münchner Büro OHA – Jan Heinzelmann und Sami Ayadi entwarfen unter dem Motto „enlightment“ einen zielgerichtet ausgeleuchteten Rundgang. Für die Display-Architektur verwendeten sie zum Beispiel industrielle Profilbausteine der Glasfabrik Lamberts in Wunsiedel.

120 Jahre Glasgeschichte
„1926 wurde die Neue Sammlung eröffnet, knapp 100 Jahre ist das also her. Seit den Anfängen wurde Glas gesammelt“, sagt die Direktorin Angelika Nollert bei der Eröffnung. „Die Ausstellung bildet den Zeitraum von 1900 bis heute ab, mit einer Rückschau auf Arts and Crafts“. Nollert zeigt auf ein Exponat des US-amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright: Das Fenster gehörte einst zum von Wright erbauten Coonley House in Illinois. Es nimmt Bezug auf Mondrians Kompositionen und dessen Vorliebe für Primärfarben – ein Stück auf das man hier besonders stolz ist, auch weil es ein Original ist, keine Replik.

Wegbereiter der Studioglas-Bewegung
Eine dreiteilige monumentale Gussglasplastik des tschechischen Künstlerduos Lybenski Brychtova namens Space I bis III spielt mit geometrischen Perspektiven. Das Ehepaar zählt zu den Wegbereiter*innen der Studioglas-Bewegung, ebenso wie Dave Chihuly und Erwin Eisch, ,enfant terrible' aus dem Bayerischen Wald, der hier mit seiner Busenvase vertreten ist. Auch die deutsch-schwedische Künstlerin Ann Wolff, die zum Beispiel für Kosta Boda arbeitete, gibt sich mit Objekt Domus I ein Stelldichein, ebenso wie die Japanerin Mitsue Rishima mit den drei Modellen Tregole, Luminance und Ice Finger.

„Glas ist nicht gleich Glas“, sagt die Kuratorin Xenia Riemann-Tyroller. „Es wird im heißen Zustand verarbeitet, geblasen oder gegossen, nach dem Abkühlen geschliffen oder graviert“, erklärt sie. Ob fragil und transparent oder massiv und opak, ob klar oder mit eingeschlossenen Luftbläschen – jedes Exponat erzählt von Fantasie, Kreativität und hohem technischen Können im Umgang mit dem heiklen Material, dabei stets dessen physikalische Eigenschaften ausreizend.

Vielfalt des Gebrauchsglases
Eine ganze eigene Abteilung stellt die Spielarten von Gebrauchsglas in einer Vitrine zur Schau – Glas hinter Glas, sozusagen, ein Streifzug durch die Epochen und Länder: Neben einer Weinflasche von 1720 überraschen Entwürfe von Adolf Loos oder Koloman Moser aus Österreich, dazwischen Modelle von Designer*innen wie Achille Castiglioni oder Wilhelm Wagenfeld, von alteingesessenen Labels wie Lalique, Iittala oder von Poschinger. Anonymes Labor- und Apothekerglas von erstaunlicher Präzision und Ästhetik glänzt hier neben perfekten Gebilden von finnischen Altmeister*innen wie Wirkkala oder Sarpaneva.

Auch Elemente der deutschen Alltagskultur finden sich dort, Flaschen, die jedes Kind kennt oder besser: wir alle noch aus der Kindheit – frühe Modelle von Coca-Cola, Fanta oder Libella, von Odol oder Maggi, ein Develey-Senfglas neben der genoppten Mineralwasserflasche von Günter Kupetz und gleich daneben gläserne Darreichungs-Formen von Evian, Perrier und Voss. Daneben die vom Münchner Barmann Charles Schumann mit Schott Zwiesel entwickelte Glaskollektion.

Zwischen Kunst und Funktion
Die gläserne Reise um die Welt zeigt: Glas kann fast alles, ob sachlich oder poetisch, profan oder sakral. Letzteres belegt das von Gerhard Richter entworfene Musterfeld für ein Chorfenster der Abtei von Tholey, ausgeführt vom Münchner Mosaik- und Glasmaler-Atelier Gustav van Treeck. Auch wohnen kann man mit Glas, wie ein Beistelltisch von Sebastian Herkner, ein modulares Regal von Karim Rashid oder die Stehleuchte Noctambule von Konstantin Grcic für Flos beweisen.

So ist die Ausstellung Zeugnis und Zeitreise um den Erdball, mit wegweisenden Entwürfen aus den Glaszentren im Böhmischem Wald, Murano oder Niederbayern – wo zuletzt mehrere Traditions-Glashütten wegen zu hoher Produktionskosten schließen mussten. Das macht die hier gezeigten Exponate noch wertvoller, monetär wie ideell.

Die Farbe von Glas
Neue Sammlung, Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München

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