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Neue Einfälle zu Abfällen

Der niederländische Büromöbelhersteller Vepa setzt auf das Kreislaufprinzip

Büromöbel sollen robust, langlebig und ästhetisch ansprechend sein. Doch was passiert mit den Stühlen und Tischen, wenn sie abgenutzt sind? Das niederländische Unternehmen Vepa demonstriert, wie ein Fokus auf Zirkularität, Nachhaltigkeit und Experimentierfreude zu einer besseren Zukunft führen könnte.

von Annette Schimanski, 11.06.2024

Fair und zirkulär – zwei Qualitäten, die im niederländischen Emmen von großer Bedeutung sind. In der Gemeinde nahe der deutschen Grenze mit etwas über 100.000 Einwohner*innen liegt der Produktionsstandort der Firma Vepa. Die Wurzeln des Unternehmens reichen zurück in das Jahr 1951. In den vergangenen Jahrzehnten hat der inzwischen in dritter Generation familiengeführte Betrieb seinen Fokus auf Nachhaltigkeit und Lokalität gerichtet. Geschäftsführer Janwillem de Kam fasst die Motivation für seine Arbeit in einem emotionalen, aber treffenden Statement zusammen: „Ich möchte, dass meine Kinder und Mitarbeiter stolz auf das sind, was wir hier tun.” Obwohl die Niederlande ohnehin bereits einige Hebel in Gang gesetzt haben, um die Gewerbebetriebe des Landes bis 2050 komplett zirkulär zu organisieren, scheint Vepa eine Vorreiterrolle einzunehmen. So stellte man sich im Hauptsitz der Firma in Hoogeveen, etwa 40 Kilometer entfernt von der Produktion, schon vor langer Zeit die Frage: Was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich?

Lokal recycelt
Eine Antwort fanden die Familie de Kam und deren Mitarbeiter*innen zunächst in der Wiederverwertung von Abfällen, die in Büromöbel verwandelt wurden. 2016 wurde der Stuhl Felt entwickelt, dessen Sitzschale zu 100 Prozent aus recycelten PET-Flaschen hergestellt wird. Das Gestell wird aus Holz produziert, das in der Regel aus Deutschland oder Österreich stammt. Die zweite Variante aus Stahl durchläuft einen lokalen Kreislauf. Das Metall kommt aus dem eigenen Land und kann nach Ende des Lebenszyklus erneut eingeschmolzen und wiederverwendet werden – aber nur in Betrieben, die sich Umkreis von etwa 100 Kilometern der Produktionsstätte befinden.

Aus den Grachten ins Büro
Die Initiative eines vom Idealismus angetriebenen Menschen illustriert den Weg des Abfalls zum Produkt besonders deutlich. Marius Smit wollte etwas gegen die Berge von Müll in seiner Heimatstadt Amsterdam bewirken und begann, Flaschen sowie Verpackungen aus den Grachten zu fischen. Daraus entstand 2011 schließlich das Projekt Plastic Whale, mit dem Vepa bis heute kooperiert. Viele Büromöbel des Herstellers sowie die Arbeitsstätten in Deutschland, den Niederlanden und Belgien bestehen aus einst achtlos weggeworfenen PET-Flaschen, die in den Kanälen der Amstel gelandet sind.

Wunschzettel für die Zukunft
Vepa möchte die vollständige Zirkularität erreichen. Dafür hat das Design- und Produktionsteam eine Liste von Zielen erstellt, auf die man stets hinarbeitet. Unter anderem soll mit Monomaterialien gearbeitet werden, die formbar und biegsam sind, aus der Umgebung stammen, kostengünstig zu beschaffen und nicht selten sind. Eine konstante Qualität des Stoffes ist ebenso relevant wie die Skalierbarkeit, eine ästhetisch ansprechende Erscheinung und Haptik. Dass das Erreichen dieser Ziele ein langer Weg sein kann, betont auch der Produktdesigner und -entwickler Gertjan de Kam. Die Pläne, die nach Perfektion klingen, gehen oft mit Fehlern, aber auch mit Erkenntnissen einher, die nicht immer zufriedenstellend sind. So wird bei Vepa experimentiert, aber auch transparent kommuniziert: Der Schaumstoff in den Sitzkissen mancher Modelle ist nicht re­cy­cel­bar, kann aber durchaus zu Decken oder Füllmaterial weiterverarbeitet werden. Jedes Möbelstück, das farbige Elemente enthält, wie etwa eine blaue oder grüne Sitzschale, ist ebenso nicht zu 100 Prozent re­cy­cel­bar, da der Zusatz von Pigmenten eine Wiederverwendung erschwert.

Neue Chancen, zweites Leben
In einem Teil der nahezu 70.000 Quadratmeter großen Produktionsfläche in Emmen sind Fehler erlaubt und sogar erwünscht. Das „zirkuläre Herz der Fair Furniture Group“ – eine Bezeichnung, die sieben Marken unter einem nachhaltigen Dach vereint – ist das Wiederaufarbeitungszentrum, in dem Möbelstücke von Vepa, aber auch die von anderen Herstellern, aufgearbeitet werden und so ein zweites Leben erhalten. Die Kosten und die Gewährleistung der Garantie bewegen sich in einem ähnlichen Bereich wie bei neuen Objekten. Zudem werden vor allem in diesem Teil der Produktionskette Angestellte eingesetzt, die durch alle Raster des niederländischen Arbeitsmarkts gefallen sind und hier eine neue Chance erhalten.

Zirkulär im großen Stil
In Kooperationen treibt Vepa große zirkuläre Projekte voran, bei denen beispielsweise bis zu 12.000 Möbelstücke aufgearbeitet und recycelt werden. So wurde während der Pandemie die Zentrale des Versicherungsunternehmens Nationale-Nederlanden in Rotterdam mit großem logistischen Aufwand ausgestattet und gestaltet. Gebrauchte Möbel wurden erneuert, vorhandene Materialien wie Bodenbeläge in Wandpaneele verwandelt, Lampenschirme aus Kaffeesatz oder Sitzmöbelbezüge aus Mangoleder integriert. Der Einsatz von nachhaltigen, wiederverwendbaren Materialien trägt nicht nur zur Aufwertung der Raumqualität in der Gegenwart bei, sondern zeigt auch einen Weg in eine bessere Zukunft, die mit möglichst wenig Müll belastet werden soll. Dieses Projekt spiegelt die Werte von Vepa besonders gut wider und es passt zum Leitsatz des Unternehmens: „Die Zukunft ruft. Wir sind bereit.”

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Vepa

vepa.de

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