Ein neues Format stellt sich vor
Der Salone Raritas auf der Mailänder Möbelmesse 2026
In Mailand feierte der „Salone Raritas“ Premiere: ein neues Messeformat für Collectible Design mit einem von Formafantasma entworfenen Standkonzept. Ob es geeignet ist, den Salone del Mobile neu zu positionieren, wird sich jedoch erst noch zeigen.
Einer der meistdiskutierten Beiträge des diesjährigen Salone del Mobile war kein einzelnes Produkt, sondern ein von der Kuratorin Annalisa Rosso entwickeltes Konzept: der Salone Raritas. Hinter dem Namen verbirgt sich ein neues Format mit klarem Fokus auf Collectible Design, dem nun erstmals ein eigenständiger Bereich innerhalb der Messe eingeräumt wurde. Als besonders stimmig erweist sich dabei das vom Designstudio Formafantasma entwickelte, für alle Aussteller verbindliche Standkonzept. Mit seiner offenen Struktur und einer bewusst reduzierten Farbpalette schafft es eine zurückhaltende, beinahe kontemplative Bühne für die präsentierten Objekte – Möbel, Leuchten und Accessoires von Designer*innen, Künstler*innen, Galerien und Manufakturen wie Studio Sabine Marcelis, Matera, ABI, Nilufar, Hering Berlin, Mitterrand Gallery und Officine Saffi Lab.
Aufmerksamkeitsstrategien
Dass das Publikum, das sich für Collectible Design interessiert, ein anderes ist, als man es gemeinhin auf einer Möbelmesse trifft, wurde bereits am Eröffnungstag offensichtlich. Ein hippes – und wahrscheinlich auch solventes – Publikum strömte durch die Gänge und auf die Messestände. Insofern hatten die Verantwortlichen des Salone del Mobile bereits erreicht, was man als die wohl wichtigste Währung unserer Zeit bezeichnen könnte: Aufmerksamkeit. Doch fragt man sich unwillkürlich, was ein größenmäßig noch recht übersichtliches Messeformat ausrichten beziehungsweise bezwecken soll gegenüber den Big Playern der Branche – den Messen und Veranstaltungen also, die bereits lange im Collectible-Design-Markt etabliert sind, darunter PAD in Paris, Design Miami und Collectible in Brüssel.
Auch Mailand selbst ist nicht gerade arm an Spaces, in denen Collectible Design zu sehen ist, gerade während des Fuorisalone. So wird die ehemalige Off-Veranstaltung Alcova immer mehr zum Ort für High-Potential-Designsammler*innen, während etablierte Galerien wie Nilufar, Dimore und Rossana Orlandi sowie Neueröffnungen wie The Great Design Disaster für Collectible-Design-Begehrlichkeiten in der Stadt sorgen. Der Vorteil der Messe gegenüber diesen Schauplätzen: Die Teilnehmer*innen können sich auf dem Salone Raritas im Kontext von High-End-Design zeigen. Darüber hinaus sind sie durch die Präsentation an einem einzigen Ort durch kurze Wege schnell erreichbar und damit sichtbarer als in der Stadt. Und vielleicht kommt manch ein Messebesuchender so auch zum ersten Mal mit Collectible Design in Berührung, auch der fehlenden Schwellenangst wegen.
Collectible Design als Nische
Außerdem bietet das neue Format Kreativen die Möglichkeit, sich im Collectible-Design-Bereich zu präsentieren, die man dort bisher noch nicht verortet hat. Marta Sala beispielsweise erzählte, dass es immer ihr Traum gewesen sei, mit Marta Sala Éditions am Salone del Mobile teilzunehmen. Sie hätte aber befürchtet, dass sie zwischen all den großen Möbelherstellern „untergehen“ würde und sich deshalb gegen eine Teilnahme entschieden. Dann kam die Salone-Raritas-Idee und sie sagte zu. Nun sei sie glücklich über die Möglichkeit, ihr Label und die Möbel von Herzog & de Meuron in einem intimen Umfeld zu präsentieren und ein anderes Publikum als in ihrem Showroom in der Stadt zu erreichen, erzählte sie am Messestand.
Auch Stefanie Hering sieht ihre Zukunft im Collectible Design. War die Gründerin von Hering Berlin lange im eher bodenständigen Porzellanbusiness unterwegs und dort vor allem als Ausstatterin von Sternerestaurants bekannt, versucht sie sich nun an der Schnittstelle von Handwerk, Kunst und Design. Für sie ist es die zweite Teilnahme am Salone del Mobile, das erste Mal ist allerdings schon über ein Jahrzehnt her. Sie präsentierte auf dem Salone Raritas eine Zusammenarbeit mit Hans Weigand: Neben der Porzellantellerkollektion Equinox I stand ein riesiger Holzschnitt des österreichischen Künstlers im Mittelpunkt der Standpräsentation. Er tauchte auch als Motiv auf der Tischplatte eines rund 30.000 Euro teuren Eichenholztischs auf – als farbiger 3D-Druck.
Kuratorische Unschärfe
Die ausgestellten Objekte von Hering Berlin und Marta Sala Éditions zeigen die bemerkenswerte Bandbreite an Positionen, Herangehensweisen, Materialien, Herstellungs- und Handwerkstechniken, die auf dem Salone Raritas zu sehen waren. Zugleich wird sichtbar, wie unscharf der Begriff Collectible Design von der Kuratorin Annalisa Rosso in der ersten Messeausgabe gefasst wurde. Zu sehen waren so diverse Objekte wie fragile Glasinstallationen aus Murano (Salviati x Draga & Aurel), Reminiszenzen an die 1960er-Jahre aus Finnland, ausgewählte Antiquitäten (Botticelli Antichità & Alessandra Di Castro) sowie Möbel aus Edelstahl und Aluminium (Philia Gallery). Während es gestalterisch einige Entdeckungen gab – darunter die Kollektion Serial Planks von Studio Francesco Faccin x Fonderia Artistica Battaglia sowie die Natursteinarbeiten von ABI –, wirkten einige Aussteller auf dem Salone Raritas seltsam fehl am Platz, darunter die Brun Art Gallery mit opulenten Antiquitäten und Antiken. Doch vielleicht ist diese kuratorische Unschärfe lediglich der Tatsache geschuldet, dass das Konzept erst im letzten Oktober offiziell gelauncht wurde. Das Team hatte also nur wenige Monate Zeit, um alles auf die Beine zu stellen – das erzählte Mattia Tebasti vom Salone Raritas. Insofern ist es bemerkenswert, was in der kurzen Zeit zustande gebracht wurde – auch dank des bestens in der Collectible-Design-Szene vernetzten Teams.
Auflösung von Grenzen
Das neue Messeformat macht auch sichtbar, was sich in den vergangenen Jahren bereits während des Fuorisalone in der Stadt abgezeichnet hat: Die Trennlinien zwischen Produktdesign, Collectible Design und Kunst lösen sich zunehmend auf. Immer mehr klassisch ausgebildete Industriedesigner*innen wenden sich dem Collectible Design zu – nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Perspektiven. Ein Beispiel hierfür ist Stefan Scholten, ehemals Teil des Designduos Scholten & Baijings, der gemeinsam mit Manuela Rotta das Label Matera gegründet hat. Sie präsentierten auf dem Salone Raritas erstmals Arbeiten aus Naturstein, darunter Entwürfe von Julie Richoz, Ronan Bouroullec, Richard Hutten und Joep van Lieshout.
Eine andere Liga
Wie scheinbar mühelos das Hin und Her zwischen klassischem Produktdesign und kunstähnlichen Installationen gelingen kann, zeigt derzeit wohl niemand so anschaulich wie das Studio Sabine Marcelis. Die niederländische Designerin scheint gerade in einer anderen Liga zu spielen, schafft Installationen in der saudi-arabischen Wüste oder im Coachella Valley und entwirft zeitgleich Produkte für Massenhersteller wie IKEA. Zum Salone Raritas zeigte die Instagram-Queen (fast 300.000 Follower*innen) die raumgreifende Installation Plume aus Polymerharz, die die Grenzen zwischen Objekt und Raum auslotet und die man sich ziemlich gut in einem öffentlichen Raum wie einer Hotellobby vorstellen kann.
Das Potenzial ist da, die Fragen auch
Wie Mattia Tebasti aus dem Team von Salone Raritas betonte, sei in den vergangenen Jahren seitens der Besucher*innen des Salone del Mobile verstärkt der Wunsch nach individuelleren, weniger seriell gedachten Entwürfen geäußert worden. Gleichzeitig verfolge das neue Format auch das Ziel, das Publikum wieder stärker an die eigentliche Messe zu binden. Denn es bleibt eine schmerzhafte Tatsache, dass sich zuletzt immer mehr Hersteller in Richtung Stadt orientiert haben – sei es in eigene Showrooms oder temporär bespielte Locations, die mit einer Strahlkraft operieren, wie sie klassische Messehallen kaum erreichen können. Aber erst die nächsten Ausgaben werden zeigen, ob der Salone Raritas mehr ist als ein vielversprechender Auftakt – und ob das Format tatsächlich das leisten kann, was klassischen Messen zunehmend schwerfällt: relevant bleiben.
Der Artikel ist Teil unseres Dossiers Milan Design Week 2026.
Salone Raritas
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