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Vergangenheit als Entwurf

Drei Ausstellungen in Mailand zeigten, wie Archive zu neuen Produkten werden

Archive waren auf der Milan Design Week 2026 auffallend häufig Ausgangspunkte neuer Entwürfe. Drei Ausstellungen bleiben besonders in Erinnerung, weil sie nachvollziehbar machten, wie sich historische Positionen – von den Eames’, Frans Dijkmeijer und Vjenceslav Richter – produktiv in die Gegenwart übersetzen lassen.

von Stephan Redeker, 04.05.2026

Zwischen Inszenierung und Spektakel gab es in Mailand auch ruhigere, konzentrierte Formate – solche, die nicht auf das Neue um jeden Preis setzten, sondern auf das Weiterdenken des Bestehenden. Auffällig war dabei ein wiederkehrendes Motiv: das Archiv. Gleich mehrere Ausstellungen griffen auf historische Bestände zurück und machten daraus keine rein retrospektiven Schauen, sondern produktive Arbeitsgrundlagen. Im Zentrum standen drei sehr unterschiedliche Positionen und Persönlichkeiten: die Eames’, Frans Dijkmeijer und Vjenceslav Richter.

Charles und Ray Eames: Architektur als System
In der Triennale wurde mit The Eames Houses eine Ausstellung gezeigt, die das Werk von Charles und Ray Eames konsequent aus dem Archiv heraus entwickelte. Grundlage war eine umfassende Recherche zu gebauten und ungebauten Wohnhäusern der 1940er- und 1950er-Jahre, darunter das berühmte Case Study House No. 8, das die Eames’ selbst bewohnten, aber auch weniger bekannte Projekte wie Entwürfe für Billy Wilder oder experimentelle Holz- und Stahlbauten. Die Fülle dieses Materials wurde nicht nur dokumentiert, sondern räumlich erfahrbar gemacht: Modelle, Zeichnungen, Filme und Texte verdichteten sich zum Bild einer Praxis, in der Architektur als offenes System gedacht war.

Im Zentrum der Ausstellung stand ein nahezu lebensgroßer Nachbau des Eames House – begehbar, detailgenau und als Teil eines neu entwickelten Baukastensystems. Gemeinsam mit dem spanischen Hersteller Kettal entstand daraus das Eames Pavilion System, ein modulares Konstruktionsprinzip, das die Logik der Eames’schen Architektur – Raster, Flexibilität, Anpassbarkeit – in ein industriell produzierbares System überführt. Design-Enthusiast*innen sollen sich das ikonische Eames House perspektivisch selbst zusammenstellen können.

Frans Dijkmeijer: Das Archiv als Denkraum
Ebenfalls in der Triennale widmete sich die Ausstellung The Silent Pioneer dem niederländischen Textildesigner Frans Dijkmeijer. Anders als bei den Eames’ stand hier weniger das einzelne Objekt im Fokus als vielmehr ein ganzes Gefüge aus Materialstudien, Versuchen und Sammlungen, die Dijkmeijer über Jahrzehnte hinweg zusammengetragen hatte. Erstmals wurden Teile seines umfangreichen Archivs öffentlich gezeigt, das nach seinem Tod an Kvadrat überging und bis heute als zentrale Inspirationsquelle dient.

Dijkmeijer verstand Textil nicht als fertiges Produkt, sondern als Ergebnis eines offenen, experimentellen Prozesses. Seine Arbeit basierte auf systematischer Variation: Minimale Veränderungen in Garn, Spannung oder Struktur führten zu völlig neuen Oberflächen. Methode der Erkenntnis war dabei Wiederholung, Inspiration, Verwerfen. Die Ausstellung machte diese Denkweise nachvollziehbar – in Form von Proben, Zeichnungen, Notizen und allerlei kuriosen Fundstücken aus seinem persönlichen Umfeld. Gleichzeitig zeigte sie, wie direkt das Archiv in die Gegenwart wirkt: Gemeinsam mit dem italienischen Textil- und Farbgestalter Giulio Ridolfo wurde der Stoff Twisted Flower neu interpretiert. Ridolfo entwickelte darauf aufbauend eine vielschichtige Farbpalette, die die komplexe Webstruktur des Originals weiterführt und neu lesbar macht.

Vjenceslav Richter: Vom Prototyp zur Kollektion
Einen dritten, sehr konkreten Umgang mit Archivmaterial zeigte Prostoria auf dem Salone del Mobile mit der Präsentation Revisiting Richter. Im Mittelpunkt stand der kroatische Architekt, Künstler und Designer Vjenceslav Richter (1917–2002), eine Schlüsselfigur der Nachkriegsmoderne und Mitbegründer der Avantgarde-Gruppe EXAT 51. Richters Arbeit war geprägt von einem systemischen Denken, das Architektur, Kunst und Design als zusammenhängendes Feld verstand. Viele seiner Möbelentwürfe blieben jedoch zu Lebzeiten Prototypen oder Skizzen. Hier setzte Prostoria an: Über mehrere Jahre hinweg wurden Archivmaterialien – Zeichnungen, Fotografien und Modelle – analysiert und in eine neue Kollektion überführt.

Entscheidend ist dabei der Ansatz: Die Entwürfe wurden nicht einfach neu aufgelegt, sondern weiterentwickelt. So basiert etwa der Stuhl VR51 auf einem frühen Entwurf Richters, wurde jedoch in Materialität und Ergonomie angepasst. Andere Stücke wie der Sessel VR53 oder die Serie VR61 wurden aus historischen Fotografien rekonstruiert und durch zusätzliche Typologien ergänzt – etwa durch Lounge-Varianten oder passende Tische. Das Designteam trat dabei respektvoll unter dem Namen Richter+ auf – ein kollektiver Zusammenschluss mehrerer Studios, der sich den historischen Entwürfen intensiv widmete.

Der Artikel ist Teil unseres Dossiers Milan Design Week 2026

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