Bei der Erweiterung ihrer Zusammenarbeit mit Thonet führt Jil Sander ihre Neuinterpretation von Bauhaus-Klassikern und deren zeitgenössischer Designlogik konsequent fort. Zur Signature-Kollektion JS . THONET gehören nun auch ein großer Tisch sowie ein skulpturaler Loungesessel.
Von den Medien wird Jil Sander oft auf den Begriff der Puristin reduziert – eine Zuschreibung, die in ihrer Prägnanz zwar zutrifft, ihrer gestalterischen Tiefe jedoch kaum gerecht wird. Ob Mode, Möbel oder Objekt: Alles, was aus Sanders Feder stammt, zeugt von einer außergewöhnlichen Sensibilität für Proportion, Material und Wirkung. Ihre Designsprache erzählt von einer reinen, beinahe ätherischen Schönheit, deren eigentliche Kraft in der Emotion liegt. Als Modedesignerin prägte sie eine Ästhetik mit klaren Silhouetten, fließenden Stoffen und einer Farbpalette aus Kreide, Sand, Schwarz und Winterweiß.
Die präzise Linienführung und stille Eleganz ihrer Entwürfe erinnern unweigerlich an die Architektur der Moderne. Dass Thonet diese gedankliche Nähe 2025 in eine konkrete Zusammenarbeit überführte, erscheint daher weniger überraschend als vielmehr konsequent. Mit dem Freischwinger S 64 von Marcel Breuer aus den 1920er-Jahren hat Jil Sander einen Klassiker der Bauhaus-Ära neu interpretiert. Entstanden ist JS . THONET, eine Serie, die eine klare Haltung und stille Präsenz ausstrahlt. Sie ist so zeitlos wie das Original selbst.
Hommage an die Autorendesigner
Bereits für den S 64 gestaltete Jil Sander mit Serious und Nordic zwei Gestaltungslinien. Ergänzt wurden die Freischwinger durch die passenden Satztische B 97, ebenfalls Entwürfe von Marcel Breuer. Tisch und Stuhl bilden ein ästhetisch harmonisches Duo, das Thonet nun zu einem Quartett erweitert. Und damit vervielfältigen sich zugleich die Einsatzmöglichkeiten. Hinzu kommen ein weich geformter Loungesessel, der das wohnliche Potenzial der Kollektion erhöht, sowie ein Tisch, der für gesellige Dinner-Runden ebenso gut geeignet ist wie für elegante Konferenzsituationen.
Dabei führt Sander ihre Designlogik konsequent fort, ohne die Gestaltungsprinzipien der ursprünglichen Autoren aus dem Blick zu verlieren. Denn auch wenn ihre Interpretationen eine unverwechselbare Handschrift tragen, bleiben sie zugleich eine Hommage an das Bauhaus, dem es stets gelang, industrieller Konstruktion durch Materialwahl, Silhouette und Detail eine sinnliche Note zu verleihen. „Marcel Breuer legte Wert darauf, industrielle Techniken und Bauelemente im Nutzerbereich mit angenehmen, qualitativ hochwertigen traditionellen Materialien wie Leder, Holz und Stahlrohr zu kombinieren“, sagt Jil Sander. „Er hat die avantgardistische Ästhetik mit einem Sinn für Bequemlichkeit in Einklang gebracht. Das war weitsichtig und macht heute auf dem Markt den Unterschied."
Einladung zum Sitzenbleiben
Der niedrigere Loungesessel S 411 ist durch seine verwandte Konstruktion ebenso federnd nachgiebig wie der freischwingende Stahlrohrstuhl S 64. Seine Linienführung wirkt jedoch ruhiger und weniger dynamisch — eine visuelle Übersetzung seines Einsatzfelds vor Kaminen und unter Leselampen. Das Volumen definiert sich durch leicht bauchige Polster, ein s-förmig geschwungenes Stahlrohrgestell sowie konkav gebogene Armlehnen mit weichen Auflagen. „Der Verzicht auf scharfe Winkel verleiht dem Entwurf eine opulente Ausstrahlung“, meint Jil Sander. „Zugleich scheint dem Sessel im Geist des Konstruktivismus die Schwerkraft genommen – er wirkt, als würde er frei im Raum schweben.“
Bereits zu seiner Entstehungszeit erweiterte der Werksentwurf das Portfolio von Thonet um eine gestalterische Innovation. Während Polsterungen bei Stahlrohrstühlen zuvor eher reduziert und sparsam eingesetzt wurden, ging man beim S 411 bewusst weiter: Komfortabel, weich und voluminös wurde er zum Pionier jener Polstermodelle, die Thonet in den 1930er-Jahren folgen ließ. Entsprechend richtete auch Sander ihr gestalterisches Augenmerk auf das Polster. Indem das Leder die Polsterung vollständig ummantelt und auf sichtbare Nähte verzichtet, wirken Sitz- und Rückenfläche wie ein sorgfältig eingeschlagenes Kissen. Gefasst wird der Bezug von einem umlaufenden Keder auf der Rückseite — ein Detail, das an verdeckte Säume hochwertig verarbeiteter Kleidungsstücke erinnert.
Durchgängig farbharmonisch
Was alle vier von Jil Sander interpretierten Möbelmodelle verbindet, ist die Farb- und Materialwelt der beiden Gestaltungslinien. Serious verwandelt das ursprüngliche Chromgestell in eine rauchig glänzende Oberfläche, während Nordic das Metall matt und pudrig zwischen Gold und Silber changieren lässt. Das silbergraue Gestell kann bei Polstern und Armauflagen mit den Kollektionsfarben Graphite Black, Graphite Ruby Red, Graphite Green oder Graphite Blue kombiniert werden. Passend zum skandinavisch inspirierten Kosmos von Nordic ergänzen weiß pigmentierte Eiche sowie Lederpolster in den Farbtönen Light Caramel, Burnt Walnut und Alabaster White die Materialpalette.
Analog dazu wurden auch die Gestelle des Tischs S 1070 ausgeführt: Die Holzplatten wurden auf die Farbwelt der Armlehnen des Loungesessels, der Lehnen und Auflagen der Freischwinger sowie der Platten des Dreisatztischs abgestimmt. Gleichzeitig erlaubt Thonet ein bewusstes Spiel mit Kontrasten. Da die Tischplatte aus zwei längs geteilten Elementen besteht, die durch eine feine Fuge voneinander getrennt sind, lassen sich unterschiedliche Oberflächen miteinander kombinieren.
Zugleich markiert der Tisch den Übergang in das zeitgenössische Design. Der S 1070 wurde 2004 von Glen Oliver Löw entworfen, der die Designlogik des Bauhaus in eine moderne Formensprache überführt. Auf dem maximal reduzierten Gestell, das unter der Platte eine feine Linie zieht und sie beinahe schwebend wirken lässt, ruht die massive Tischplatte als erdender Gegenpol. Die JS . THONET-Kollektion versteht sich damit nicht allein als designgeschichtliche Rückbesinnung, sondern auch als Hommage an das Handwerk, langlebige Materialien und die Liebe zum Detail. Wer genau hinsieht, entdeckt die feine Signatur der Designerin am Gestell.
Thonet
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