Experimentelle Grenzgängerin
Linde Burkhardt im Berliner Bröhan Museum
Linde Burkhardt öffnete sich schon früh für das Interdisziplinäre und arbeitete zwischen Keramik, Holz, Metall und Textil. Das Berliner Bröhan Museum bündelt nun dieses vielschichtige Schaffen in einer Ausstellung. Wir trafen die Künstlerin zum Gespräch zwischen mythischen Skulpturen und irisierend schimmernden Vasen.
„Ich bin keine Keramikerin“, sagt Linde Burkhardt – und zitiert damit den Satz, der auch als Titel ihrer Ausstellung im Bröhan Museum dient. Dennoch ist in den Vitrinen und auf den Podesten vor allem Keramik zu sehen, während eine an die Wand projizierte Dokumentation auch die anderen Spielfelder Burkhardts zeigt: Installationen im Stadtraum, Teppiche, Glasobjekte und Schmuckstücke.
Wie ordnet Linde Burkhardt, Jahrgang 1937, ihr Lebenswerk und ihre Profession ein? „Ich bin Künstlerin, würde ich sagen“, meint Burkhardt und ergänzt sogleich: „Es gibt so viele Ausdrucksmöglichkeiten.“ Ausgebildet wurde Linde Burkhardt als Malerin. Sie studierte in Zürich, Berlin und Hamburg. Irgendwann war ihr die Leinwand nicht mehr genug: „1968 war alles im Umbruch, auch in der Kunst. Im stillen Kämmerchen ein Bild zu malen, in eine Galerie zu tragen und dann darauf zu warten, dass es jemand kauft – da wollte ich mehr: zum Beispiel Partizipation und Interaktion.“
Von der Kammer in den Raum
Mit ihrem Mann, dem Architekten und späteren Designpublizisten und Kurator François Burkhardt, gründete Linde Burkhardt 1968 die Gruppe Urbanes Design. Gemeinsam entwarfen sie Räume der Begegnung. In Hamburg-Bergedorf etwa steht bis heute der Kristallisationspunkt für Nahkontakte im städtischen Raum: ein gestuftes Podest inmitten einer Plattenbausiedlung, eingefasst von farbig lackierten Stahlelementen.
„Ich fand mit der Gruppe Urbanes Design ein Feld, in dem sich ästhetische Erfahrung und soziale Relevanz verbinden ließen“, erinnert sich Burkhardt. 1975 wurde sie Professorin für Gestaltungslehre und künstlerische Grundlagen an der Fachhochschule Bielefeld. Für Burkhardt veränderte sich die Auseinandersetzung mit Gestaltung, sie bewegte sich aus der Praxis stärker zur theoretischen Reflexion. „Diese neue Arbeit war faszinierend für mich, weil sie mich zwang, künstlerische Konzepte so zu durchdenken, dass sie für Studierende vermittelbar wurden.“
Von Bielefeld nach Mailand
Die Gelegenheit, sich selbst wieder intensiv der praktischen Gestaltung zu widmen, boten in den folgenden Jahren die Praxisfreisemester, die Professor*innen regelmäßig einlegen dürfen. „Ich habe mir überlegt: Was möchte ich lernen? Und meine Antwort war: Etwas, das ich überhaupt nicht kann.“ In ihrer ersten Lehrpause setzte sie sich mit Teppichen auseinander, beschäftigte sich mit Herstellungstechniken und entwarf viele Teppiche. „Mein Ausgangspunkt war dabei der Tapis Nomade von Le Corbusier, der den Vielreisenden die Möglichkeit geben kann, sich überall zu Hause zu fühlen.“
Auch das Leben der Burkhardts wurde in dieser Zeit zunehmend nomadisch und verteilte sich auf mehrere Standorte. 1984 wurde François Burkhardt Direktor des Centre de Création Industrielle im Centre Pompidou. Später übernahm er die Leitung der internationalen Architekturzeitschrift DOMUS. Die Tätigkeit öffnete Türen zur italienischen Designszene und führte zu engen Kontakten mit Akteuren von Alessi bis Driade.
Zu zweit – In Due
Alberto Alessi selbst war es schließlich, der ihr einen Platz in der unternehmenseigenen Werkstatt anbot – und damit Raum, Infrastruktur und Zeit für praktische Forschung. „Mein Plan war, mich mit Stahl zu beschäftigen“, erinnert sich Linde Burkhardt. „Aber Alberto sagte: Linde, versuch doch einmal, Keramik und Stahl zu verbinden.“ Metall erwies sich jedoch als anspruchsvolles Terrain: Für handgefertigte Prototypen braucht es große Erfahrung, der Weg zum serienreifen Produkt ist lang und komplex.
So kam Linde Burkhardt auf die Idee, sich im Unternehmensmagazin umzuschauen – bei Aschenbechern, Gefäßen oder Bauteilen, die Alessi bereits im Programm hat. Aus einem schlichten Besteckbecher entstand schließlich eine Basis für eine handgeformte, ornamentierte Keramik: Die Vasen In Due gewannen aus der Verbindung zweier Materialien ihre Identität. „Für die Keramiker war das nicht ganz einfach“, sagt Burkhardt. „Keramik schrumpft beim Brennen – und zwar je nach Erde unterschiedlich. Das verlangt lange Versuchsreihen und höchste Präzision.“
Geschichten jenseits der Disziplinen
Linde Burkhardt denkt weder wie eine Handwerkerin, die vom Material ausgeht, noch wie eine Produktdesignerin, die den Herstellungsprozess zum Ausgangspunkt nimmt. Genau darin liegt die besondere Qualität ihrer Arbeiten. Ihr Impuls sind Geschichte und Geschichten, die sie aufgreift, künstlerisch interpretiert und weitererzählt. Der Entwurf beginnt meist ganz klassisch mit einer Skizze, mit Stift und Papier. Erst danach stellt sich die Frage nach der Machbarkeit.
„Bei der Umsetzung habe ich mit Menschen zusammengearbeitet, die ein Material oder eine Technik perfekt beherrschten“, erzählt Burkhardt. „Sie waren oft überrascht von meinen Ideen – denn als Materialexperten wären sie selbst nicht auf diese Ansätze gekommen.“ Ihre Objekte sind, auch wenn sie als Vase, Teller oder Schüssel im Kern funktional bleiben, im Ausdruck deutlich skulptural: menschengroße Keramikstelen, die sich aus mehreren Modulen wie Totems zusammensetzen, eine monumentale Vasenserie in zwölf formalen Deklinationen oder die Serie Schutzgöttinnen aus Keramik, Alabaster und Holz.
Vierhändiges Entwerfen
Am liebsten arbeitet Linde Burkhardt in Reihen und gern im Dialog – mit Handwerker*innen oder befreundeten Künstler*innen. Für Enrico Astori, einen der Gründer von Driade, entwarf sie eine Serie von zwanzig Vasen, die er an seine engsten Freunde verschenken wollte. Gemeinsam haben alle eine gegossene Basis und eine monochrome, an Perlmutt erinnernde Glasur. Was sie unterscheidet, ist der obere Part, also die individuelle Geometrie und Silhouette.
„Bevor er sie weitergab, stellte er sie aus und bekam gleich Anfragen von Leuten, die sie haben wollten. Und so hat er entschieden, dass die sechs interessantesten in Produktion gehen sollten.“ Ähnliche Umstände brachten sie auch zu einem gestalterischen Duett mit Alessandro Mendini: „Wir wollten mal vierhändig entwerfen und stellten die Regel auf: Erst entwirft jeder von uns beiden eine Vase, dann entscheidet der andere über Dekor und Farbe.“
Material als Sprache
Die Offenheit fürs Experiment ist wesentlich für Linde Burkhardt, die so immer wieder die Grenzen zwischen den Gewerken aufbricht. „Materialien sind für mich wie Sprachen, die von Erzählung zu Erzählung wechseln können“, sagt sie. Einen Großteil der ausgestellten Werkgruppen hat sie dem Museum geschenkt. Nach Schließung der Schau werden sie ins Archiv überführt. Burkhardt schätzt es, ihre Arbeiten als Konvolut an einem Ort versammelt zu wissen – und zugleich in verantwortungsvolle Hände übergeben zu haben. „Die meisten Werke sind in Italien entstanden. Zu Hause stellt man sie nicht aus, sondern stellt sie, gut verpackt, in den Keller,“ lacht sie. Ob es ihr schwerfällt, sich zu trennen? „Absolut nicht“, sagt sie resolut. Für Burkhardt ist klar: Nur wo Raum ist – physisch wie schöpferisch – kann Neues entstehen.
Zu sehen ist die Ausstellung Ich bin keine Keramikerin im Berliner Bröhan Museum noch bis zum 26. April 2026.
FOTOGRAFIE Davide Ambroggio, Tanja Pabelick Davide Ambroggio, Tanja Pabelick
Linde Burkhardt
www.linde-burkhardt.deMehr Menschen
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