Wohnen im Werden
Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky
Der Umbau eines traditionellen Wohnhauses in Tiflis blieb im Stadtbild fast unsichtbar: Die Fassade wirkt wie ein vielschichtiges Patchwork aus Bauteilen und Materialien. Realisiert wurde das Projekt von David und Alexander Brodsky – gemeinsam mit einem Kollektiv aus befreundeten Kreativen.
Im Tifliser Stadtteil Mtazminda geht es über Kopfsteinpflaster die Gässchen am gleichnamigen Berg hinauf und hinab. Diese werden flankiert von historischen, oft maroden oder improvisiert erweiterten Backsteinhäusern mit handgeschnitzten Balkonen und verzierten Fassaden. Zwischen den Gebäuden eröffnet sich immer wieder ein Panorama auf die Stadt, während das Viertel selbst als das kulturelle Herz von Tiflis gilt.
In der zentral verlaufenden Straße Solomon Zaldastanishvili haben die Architekten David Brodsky und Alexander Brodsky eines der typischen Häuser zu ihrem Projekt gemacht. Dessen planerische und praktische Umsetzung haben sie an ein Netzwerk aus Kreativen übergeben. Dieses setzte sich vor allem aus Freund*innen zusammen, die experimentell, forschend sowie selbstorganisiert arbeiteten und eine unkonventionelle Form der Modernisierung bevorzugten. Viele von ihnen sind Architekturstudierende, Handwerker*innen und Spezialist*innen für besondere Bauaufgaben. Andere stammen aber auch aus fachfremden beruflichen Kontexten. Sie alle verfolgten eine gemeinsame Mission: die bestehende Materialität, die bauliche Struktur und die ästhetische Identität des Hauses weitgehend zu bewahren und zugleich konstruktiv für die Zukunft zu sichern.
Archäologie am Bau
David Brodsky und Alexander Brodsky rekonstruierten die Geschichte des Gebäudes anhand von Fotos und Spuren. Das Haus wurde ursprünglich in den 1920er-Jahren errichtet. Es war ein kleiner, zweigeschossiger Bau, bei dem Mauerwerk mit Holzkonstruktionen kombiniert wurde. In seiner Formensprache war er typisch für die Wohnarchitektur jener Zeit.
Schäden wurden über die Jahrzehnte mit dem behoben, was gerade verfügbar war: andere Ziegel, partiell verputzte Flächen und provisorische Ausbesserungen. So wurde die Fassade im Laufe der Zeit zu einem Patchwork, zu dem sich in den 1990er-Jahren noch Elemente aus Beton gesellten. Damals wurde die alte Struktur teilweise abgerissen, die Materialien jedoch bewahrt und in ein neues, zweigeschossiges Gebäude integriert. Die Aufstockung erfolgte mit sogenannten „Garbage Blocks“, einfachen, industriell gegossenen Betonblocksteinen, die in Georgien in großen Mengen produziert wurden. Aufgrund ihres günstigen Preises waren sie weit verbreitet. Sie waren keine Schönheiten, die den Bau schmückten, sondern funktionales Baumaterial.
Wellblech über Glasbausteinen
„Unser Ziel war es, die bestehenden materiellen Schichten des Gebäudes zu bewahren“, erklären die Brodskys. Die rückgebauten Materialien wurden gesichert und im Haus wiederverwendet. Georgische Ziegel, handgefertigte Zementblöcke, Wellblechdächer und wiedergewonnenes Holz – nichts verließ den Bauplatz. So wurde etwa aus den Betonsteinen die Kamineinfassung im Erdgeschoss. Um im passenden Stil und getreu der lokalen Baukultur zu erweitern, organisierten die Bauherr*innen auch zirkuläre Materialien wie Glasbausteine aus der Sowjetzeit oder Altholz.
Heute liest sich die Fassade wie ein Speicher der Vergangenheit, in dem alle Eingriffe wie ein Patchwork nebeneinander angelegt sind und die jeweilige Zeit widerspiegeln. Im Inneren trifft das rohe Steinmauerwerk auf präzise Tischlerarbeiten. Einbauten, Böden und teilweise auch die Wandverkleidungen wurden aus hellem Naturholz gefertigt. Graue und cremefarbene Komposit-Steinplatten sorgen für klare Flächen und eine fast ätherische Anmutung in dem Charakterbau voller historischer Spuren und gelebter Patina.
Weiter bauen
Die 309 Quadratmeter des Hauses dienen vor allem als Wohnsitz einer Familie. Im Erdgeschoss können sie bei Bedarf auch als Veranstaltungsraum für gemeinschaftliche, kulturelle Nutzungen geöffnet werden. Die neue Flachdachterrasse schafft eine Verbindung zwischen Stadt und Garten und orientiert sich an der Typologie der im ländlichen Georgien verbreiteten „Baniani”. Diese traditionellen Häuser verfügen über ein Flachdach aus Erde, das entweder als Terrasse genutzt wird oder in Hanglagen als Übergangsfläche zum nächsthöheren Haus dient.
Der prozesshafte Umbau erstreckte sich über mehrere Jahre. Sein organisatorisches Zentrum bildete eine temporär eingerichtete Werkstatt im Obergeschoss. Dass keine endgültige Fertigstellung angestrebt war, deutet bereits der Name an, den die Brodskys dem Haus gegeben haben: Das Unfinished House ist ein fortlaufendes Projekt, das die Strategie des improvisierten, zirkulären Erhalts weiterführt und Patina, Nutzungsspuren sowie Anpassungen als integrale Teile der Architektur sichtbar werden lässt.
FOTOGRAFIE Gregory Sokolinsky Gregory Sokolinsky
| Projektname | Unfinished House |
| Entwurf | David Brodsky, Alexander Brodsky |
| Standort | Solomon Zaldastanishvili 9, Tiflis, Georgien |
| Fläche | 309 Quadratmeter |
| Fertigstellung | 2025 |
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