Spuren im Bestand
Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński
Eine Vorkriegsvilla in Posen wurde von Adam Wierciński zu einem Familienhaus umgebaut, in dem sich Erinnerung und Modernisierung in Schichten zeigen. Freigelegtes Ziegelmauerwerk, Wellblech und Stahl prägen das Haus, das seine Vergangenheit nicht überdeckt, sondern als Vorlage für die Zukunft nutzt.
Adam Wierciński hat in Posen, der fünftgrößten Stadt seines Heimatlands Polen, studiert. Später eröffnete er dort sein Architektur- und Designstudio und wurde Vorstandsmitglied der Posener Niederlassung des Verbands Polnischer Architekten. Er ist so etwas wie ein gestalterischer Lokalmatador, der bereits einige Projekte in der Nachbarschaft umgesetzt hat. Mit der Geschichte und Bausubstanz seines Wohnorts ist er daher bestens vertraut.
Als Wierciński die Anfrage erhielt, sich um die Restaurierung einer Vorkriegsvilla im westlich des Zentrums gelegenen Stadtteil Grunwald zu kümmern, schien die Aufgabe zunächst klar umrissen. Im Mittelpunkt stand die Neugestaltung der Innenräume. Doch als die Eigentümer*innen Karolina und Mariusz den alten Putz von den Wänden entfernten, kamen Ziegel aus dem Jahr 1932 zum Vorschein. Sie entschieden sich dafür, die freigelegte Substanz zum prägenden Element des Hauses zu machen. Damit weitete sich auch der Aufgabenbereich für Wierciński: Aus einer reinen Innenraumgestaltung wurde eine umfassende Transformation, die Architektur, Materialität und Garten gleichermaßen einbezog.
Anbau aus Wellblech
Die 300 Quadratmeter große Villa wurde entkernt, wobei die historischen Elemente, wie rohes Mauerwerk, historische Fenster und Gesimse, soweit möglich erhalten blieben. Im nächsten Schritt erfolgte die Modernisierung, bei der dieser nackte Rückbau durch industriell anmutende, materialehrliche Konstruktionen in Rohbauästhetik ergänzt wurde. Die Übernahme von Standardsystemen ist charakteristisch für die Entwürfe von Wiercińskis Studio. Auch im Garten stehen zwischen den wilden Stauden auf dem Rasen individuell aus Metallhalbzeugen wie Vierkantrohr und Zylindern zusammengebaute Laternen, die mit Zaunelementen aus zusammengeschweißten Bodengittern und passenden Regenwassersammeltanks kombiniert sind.
Die einfriedenden Mauern des Grundstücks wurden aus Sichtbeton gegossen, sodass die Schalungsabdrücke noch zu sehen sind. Das ergänzte Volumen für das Treppenhaus erhielt eine Verkleidung aus Wellblech. Diese Hülle reflektiert das Licht dynamisch und ist somit ein Echo auf die Stimmung des Tages: Sie erscheint kühl im gleißenden Sonnenlicht, schimmert warm in der glutroten Abendsonne und reflektiert punktuell die nachts leuchtenden Laternen.
Unikate und Regionales
Beim Interieur hingegen setzte Wierciński vor allem auf individuelle Lösungen, lokales Handwerk und Ressourcen aus der Region. Der Designer entwarf insgesamt 45 Einrichtungsobjekte, die sich auf Formen und Materialien des Hauses beziehen und miteinander zu einer Familie werden. So steht der monumentale Esstisch auf hölzernen Sanduhr-Beinen, deren Form sich aus den restaurierten Treppengeländerstäben ableitet. Über der runden Kücheninsel aus massivem Stahl schwebt ein kleiner, runder Leinenvorhang, der als formales Echo wirkt.
Wierciński bevorzugt Materialien wie rohen und geschweißten Stahl, Eichenholz und Verbundglas. Für die Arbeitsplatten, Waschbecken und Badezimmeroberflächen wurde Strzegom-Granit verwendet, ein hellgraues, magmatisches Gestein, das in Niederschlesien abgebaut wird. Dies ist eine ungewöhnliche Wahl, da Strzegom-Granit sonst eher im Außenbereich, beispielsweise im Straßenbau oder in Gärten, eingesetzt wird. Als Naturstein für den Innenraum gilt er nicht. „Diese Wahl wurde getroffen, um regionale polnische Ressourcen zu würdigen“, erklärt Wierciński.
Fortschreiben statt überschreiben
Die Spuren der Geschichte und der vorherigen Nutzer*innen sind im ganzen Haus noch sichtbar. Zwar wurden die Wände im Erdgeschoss zu einem großen Teil entfernt, doch ihr ehemaliger Verlauf bleibt weiterhin ablesbar. An der Decke übernehmen massive, freiliegende Stahlprofile ihre tragende Aufgabe und im Boden wurden die entstandenen Lücken im Belag durch eine Betonfüllung ausgeglichen. Die behutsame Transformation der historischen Villa in ein offenes Familienzuhause dauerte drei Jahre und wurde von Achtsamkeit, Freude an der Entdeckung sowie viel Geduld und Respekt bei der individuellen Lösungsfindung geleitet.
„Indem wir uns der freigelegten Schichten annahmen, entstand ein Raum, in dem neunzig Jahre alte Geschichte und moderner industrieller Minimalismus in einer anspruchsvollen und haptisch erfahrbaren Harmonie nebeneinander bestehen“, meint Adam Wierciński. Er hat mit dem Projekt gezeigt, dass Transformation nicht im Überschreiben, sondern im reflektierten Weiterdenken des Vorhandenen liegt.
FOTOGRAFIE Oni Studio Oni Studio
Mehr Projekte
Ruine als Ressource
Sommerhaus im Selbstbau von Lenka Milerová in Tschechien
Licht als Dirigent
Maisonette-Atelier in Paris von Martin Massé
Im Zeichen des Drachen
Apartment-Renovierung in Polen mit opulentem Storytelling von Karolina Rochman
Landhaus reloaded
Neubau aus Lehm und Abbruchmaterial von Tuckey Design Studio in Wiltshire
Erinnern und erneuern
Studio Loes gestaltet modernes Wohnen im Berliner Altbau
Luftige Hülle
Nachhaltiger Neubau von Peter Besley in Brisbane
Eine eigene Welt
Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly
Ungleiche Zwillinge
Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London
Glamping in Japan
Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects
Radikale Wunderkammer
Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin
Geheilter Bestand
Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus
Im Rhythmus des Alltags
Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana
Neubau mit Seele
Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern
Mehr Raum als Quadratmeter
Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid
Salbeigrün in Florenz
Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin
Hierarchie in Blockfarben
Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti
Das Erbe des Freibeuters
Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez
Klangfarben des Wohnens
Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov
Alles in Butter
Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb
Wohnen im Werden
Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky
Sensibel, aber kompromisslos
Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach
Hinter die Fassade geschaut
Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne
Fort im Forst
Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo
Räume ohne Raster
Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag
Wohnen in der Beletage
Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten
Grauzone mit Aussicht
Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh
Generationswechsel im Siedlungshaus
atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um
Transluzenter Blockbau
Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam
Skulpturaler Unterschlupf
Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen
Helix aus Stahl
Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua