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Spuren im Bestand

Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński

Eine Vorkriegsvilla in Posen wurde von Adam Wierciński zu einem Familienhaus umgebaut, in dem sich Erinnerung und Modernisierung in Schichten zeigen. Freigelegtes Ziegelmauerwerk, Wellblech und Stahl prägen das Haus, das seine Vergangenheit nicht überdeckt, sondern als Vorlage für die Zukunft nutzt.

von Tanja Pabelick, 12.06.2026

Adam Wierciński hat in Posen, der fünftgrößten Stadt seines Heimatlands Polen, studiert. Später eröffnete er dort sein Architektur- und Designstudio und wurde Vorstandsmitglied der Posener Niederlassung des Verbands Polnischer Architekten. Er ist so etwas wie ein gestalterischer Lokalmatador, der bereits einige Projekte in der Nachbarschaft umgesetzt hat. Mit der Geschichte und Bausubstanz seines Wohnorts ist er daher bestens vertraut.

Als Wierciński die Anfrage erhielt, sich um die Restaurierung einer Vorkriegsvilla im westlich des Zentrums gelegenen Stadtteil Grunwald zu kümmern, schien die Aufgabe zunächst klar umrissen. Im Mittelpunkt stand die Neugestaltung der Innenräume. Doch als die Eigentümer*innen Karolina und Mariusz den alten Putz von den Wänden entfernten, kamen Ziegel aus dem Jahr 1932 zum Vorschein. Sie entschieden sich dafür, die freigelegte Substanz zum prägenden Element des Hauses zu machen. Damit weitete sich auch der Aufgabenbereich für Wierciński: Aus einer reinen Innenraumgestaltung wurde eine umfassende Transformation, die Architektur, Materialität und Garten gleichermaßen einbezog.

Anbau aus Wellblech
Die 300 Quadratmeter große Villa wurde entkernt, wobei die historischen Elemente, wie rohes Mauerwerk, historische Fenster und Gesimse, soweit möglich erhalten blieben. Im nächsten Schritt erfolgte die Modernisierung, bei der dieser nackte Rückbau durch industriell anmutende, materialehrliche Konstruktionen in Rohbauästhetik ergänzt wurde. Die Übernahme von Standardsystemen ist charakteristisch für die Entwürfe von Wiercińskis Studio. Auch im Garten stehen zwischen den wilden Stauden auf dem Rasen individuell aus Metallhalbzeugen wie Vierkantrohr und Zylindern zusammengebaute Laternen, die mit Zaunelementen aus zusammengeschweißten Bodengittern und passenden Regenwassersammeltanks kombiniert sind.

Die einfriedenden Mauern des Grundstücks wurden aus Sichtbeton gegossen, sodass die Schalungsabdrücke noch zu sehen sind. Das ergänzte Volumen für das Treppenhaus erhielt eine Verkleidung aus Wellblech. Diese Hülle reflektiert das Licht dynamisch und ist somit ein Echo auf die Stimmung des Tages: Sie erscheint kühl im gleißenden Sonnenlicht, schimmert warm in der glutroten Abendsonne und reflektiert punktuell die nachts leuchtenden Laternen.

Unikate und Regionales
Beim Interieur hingegen setzte Wierciński vor allem auf individuelle Lösungen, lokales Handwerk und Ressourcen aus der Region. Der Designer entwarf insgesamt 45 Einrichtungsobjekte, die sich auf Formen und Materialien des Hauses beziehen und miteinander zu einer Familie werden. So steht der monumentale Esstisch auf hölzernen Sanduhr-Beinen, deren Form sich aus den restaurierten Treppengeländerstäben ableitet. Über der runden Kücheninsel aus massivem Stahl schwebt ein kleiner, runder Leinenvorhang, der als formales Echo wirkt.

Wierciński bevorzugt Materialien wie rohen und geschweißten Stahl, Eichenholz und Verbundglas. Für die Arbeitsplatten, Waschbecken und Badezimmeroberflächen wurde Strzegom-Granit verwendet, ein hellgraues, magmatisches Gestein, das in Niederschlesien abgebaut wird. Dies ist eine ungewöhnliche Wahl, da Strzegom-Granit sonst eher im Außenbereich, beispielsweise im Straßenbau oder in Gärten, eingesetzt wird. Als Naturstein für den Innenraum gilt er nicht. „Diese Wahl wurde getroffen, um regionale polnische Ressourcen zu würdigen“, erklärt Wierciński.

Fortschreiben statt überschreiben
Die Spuren der Geschichte und der vorherigen Nutzer*innen sind im ganzen Haus noch sichtbar. Zwar wurden die Wände im Erdgeschoss zu einem großen Teil entfernt, doch ihr ehemaliger Verlauf bleibt weiterhin ablesbar. An der Decke übernehmen massive, freiliegende Stahlprofile ihre tragende Aufgabe und im Boden wurden die entstandenen Lücken im Belag durch eine Betonfüllung ausgeglichen. Die behutsame Transformation der historischen Villa in ein offenes Familienzuhause dauerte drei Jahre und wurde von Achtsamkeit, Freude an der Entdeckung sowie viel Geduld und Respekt bei der individuellen Lösungsfindung geleitet.

„Indem wir uns der freigelegten Schichten annahmen, entstand ein Raum, in dem neunzig Jahre alte Geschichte und moderner industrieller Minimalismus in einer anspruchsvollen und haptisch erfahrbaren Harmonie nebeneinander bestehen“, meint Adam Wierciński. Er hat mit dem Projekt gezeigt, dass Transformation nicht im Überschreiben, sondern im reflektierten Weiterdenken des Vorhandenen liegt.

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Entwurf

Adam Wierciński

wiercinski-studio.com

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