Räume ohne Raster
Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag
Wie offen kann eine Wohnung sein, ohne ihre Rückzugsmöglichkeiten zu verlieren? Mit dem No-Wall Apartment in Prag hinterfragen RDTH architekti klassische Raumhierarchien. Statt klar getrennter Zimmer ist eine fließende Wohnlandschaft entstanden.
Konventionelle Stadtwohnungen folgen meist einer einfachen Choreografie: Flur, Tür, Zimmer. Jeder Bereich hat seinen festen Platz, jede Funktion eine klare Grenze. Im No-Wall Apartment von RDTH architekti in Prag wird diese Ordnung neu interpretiert.
Die Architekt*innen entfernten nahezu sämtliche Innenwände der 101 Quadratmeter großen Wohnung. Übrig blieb ein offener Grundriss, der sich weniger über Räume als vielmehr über Situationen organisiert. Statt Türen und Korridore bestimmen Blickbeziehungen, Licht, textile Schichten und ein zentral platzierter Einbaukörper die Dramaturgie des Apartments.
Das Ergebnis wirkt zunächst unkonventionell. Die Wohnung erscheint gleichzeitig offen und klar gegliedert. Obwohl die meisten Trennungen verschwunden sind, gibt es weiterhin klar lesbare Bereiche für Rückzug, Arbeit oder Alltag. Nur eben ohne die übliche räumliche Härte.
Der Flur verschwindet
Vor allem der klassische Korridor verliert bei diesem Projekt seine Existenzberechtigung. In vielen anderen Apartments bleibt er eine reine Verkehrsfläche: dunkel, schmal und funktional. Das Team von RDTH architekti hat diese Hierarchie aufgelöst. Bewegung wird Teil des Wohnerlebnisses.
Im Zentrum steht nun ein kompakter weißer Möbelkörper, leicht verdreht in den Grundriss gesetzt. Er bündelt Stauraum, Sanitärbereiche sowie Teile der Haustechnik und schafft gleichzeitig unterschiedliche räumliche Situationen. Mal entsteht eine intimere Ecke, mal eine offene Sichtachse bis zur Fassade.
Privatsphäre und Atmosphäre
Dass offene Grundrisse nicht automatisch jede Form von Rückzug ausschließen, zeigt sich in den Details. Statt massiver Wände haben die Architekt*innen mit weicheren Übergängen gearbeitet. Schwere Vorhänge zonieren die Flächen temporär, verbessern die Akustik und regulieren das Licht. Verschiedene Bereiche können innerhalb weniger Sekunden geöffnet oder abgeschirmt werden.
Auch das Bad folgt diesem Prinzip. Lediglich das WC wurde mit einer Tür versehen. Glasbausteine trennen die Zonen visuell, lassen das Tageslicht aber weiterhin in die Wohnung fallen. Dadurch bleibt sie trotz ihrer Tiefe überraschend hell.
Überhaupt spielt die natürliche Beleuchtung eine zentrale Rolle. Weil die Sichtachsen nicht mehr an geschlossene Zimmer gebunden sind, wandert das Tageslicht frei durch das Apartment. Es wirkt dadurch größer, als seine rund hundert Quadratmeter vermuten lassen.
Urbane Gegebenheiten
Interessant ist auch der Umgang mit dem Kochbereich. Statt einer repräsentativen Wohnküche gibt es zwei unterschiedliche Ebenen der Zubereitung. Vorn im Wohnraum ist eine kleine Zeile für Kaffee, Frühstück oder einen schnellen Snack zwischendurch integriert. Die eigentliche Arbeitsstation verschwindet weiter hinten im Grundriss hinter einem Vorhang.
Darin steckt auch ein Kommentar zum urbanen Leben. Wer mitten in der Stadt wohnt, nutzt Restaurants, Cafés oder Supermärkte öfter als Bewohner*innen suburbaner Gegenden. Durch diese unmittelbare Nähe benötigt das Apartment deutlich weniger Stauraum für Vorräte. So kann der Grundriss offener und großzügiger bleiben.
Offenheit als Luxus
Das No-Wall Apartment erzählt damit auch etwas über ein verändertes Verständnis von Wohnqualität. Lange galt die Anzahl abgeschlossener Zimmer als wichtigstes Kriterium eines Grundrisses. Die Planer*innen von RDTH architekti verschieben den Fokus stattdessen auf räumliche Großzügigkeit, Anpassungsfähigkeit und Durchlässigkeit.
Dabei bleibt das Projekt bewusst reversibel. Zusätzliche Trennungen könnten später ergänzt werden, wenn sich Bedürfnisse verändern. Die Offenheit ist also keine endgültige Setzung, sondern eine aktuelle Entscheidung.
Gerade darin liegt die Stärke des Entwurfs. Die Wohnung formuliert kein allgemeingültiges Ideal, sondern eine präzise Antwort auf eine bestimmte Art des urbanen Lebens. Sie fragt nicht, wie viele Räume ein Zuhause braucht, sondern zeigt, wie frei sich Wohnen heute organisieren lässt.
FOTOGRAFIE Filip Beránek Filip Beránek
| Projektjahr: | 2022 |
| Fertigstellungsjahr: | 2026 |
| Bruttogeschossfläche: | 101 m² |
| Nutzfläche: | 96 m² Wohnung, 8 m² Loggia |
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