Brücke zum Meer
Wochenendhaus von Omer Arbel in Kanada
Auf einer kanadischen Insel spannt Omer Arbel ein Wochenendhaus zwischen zwei Felsrücken, lässt es über einer Farnsenke schweben und fast im Dickicht verschwinden. Die Architektur ordnet sich der Landschaft unter und choreografiert das Panorama vom Dickicht des Walds bis zur Weite des Pazifiks.
Am Anfang jedes Hausbaus steht die zentrale Immobilienweisheit: Lage, Lage, Lage. Einen alle drei Bedingungen erfüllenden Bauplatz hat Omer Arbel auf einer Insel des kanadischen Archipels der Gulf Islands vor Vancouver vorgefunden. Das Grundstück liegt mitten im Wald und direkt am Strand – und ist eigentlich groß genug, um ein Haus parallel zur Küstenlinie zu platzieren. Doch Arbel traf eine andere Entscheidung und ließ den langen, dreifach verzweigten Baukörper aus dem Landesinneren zum Ufer wachsen. Gleichzeitig entschied er, die Landschaft unverändert zu lassen, also weder das Gelände zu ebnen noch Bäume zu entfernen, sondern den natürlichen Wandel des Orts in den kommenden Jahren mitzudenken.
Es galt, das Gebäude den Gegebenheiten unterzuordnen, die durch zwei parallel zum Strand verlaufende Felsrücken und eine dazwischenliegende, von Farn bewachsene Senke geprägt sind. Arbel hat das Haus wie einen Steg auf den Graten platziert – und damit nicht nur ein eindrucksvolles Panorama über den Pazifischen Ozean inszeniert, sondern auch die Folgen des Klimawandels antizipiert. Denn aufgrund der exponierten Lage am Ozean ist langfristig mit einem steigenden Meeresspiegel zu rechnen, der die Senke fluten und das Haus in einen über dem Wasser schwebenden Brückenbau verwandeln dürfte.
Stauraum für Aktivitäten
Das Haus 91.0 – das Omer Arbel, der Designer und Mitgründer des Leuchtenunternehmens Bocci, wie alle seine Projekte fortlaufend numerisch benannt hat – ist 300 Quadratmeter groß und wurde für ein Paar entworfen. Zu seiner architektonischen Dramaturgie gehört die Anreise. Erreicht wird es über einen Pfad durch den Wald, der zu einem zurückhaltenden Eingang führt. Rückwärtig ist das Hausvolumen in den Waldboden eingelassen. Gäste und Bewohner*innen betreten zunächst einen langen Korridor.
An seiner Südwand sind durchgängig Stauraumeinbauten integriert, die von funktionalen Nischen unterbrochen werden. Arbel beschreibt diese als Stauraum – nicht nur für Dinge, sondern auch für Menschen und Aktivitäten. Als kleine Refugien bieten sie eine Sofaecke, Etagenbetten oder einen Tischplatz, vor allem aber unmittelbare Ausblicke in den Wald durch große Fenster. Hinter dem höhlenartigen Flur öffnet sich der Wohnbereich mit Küche wie eine Lichtung. Bodentiefe Fenster führen auf die Terrasse und zum Meer. Aus der erhöhten Position über dem Strand nimmt der Pazifik einen Großteil des Panoramas ein.
Sternförmiges Layout
Das restliche Haus ist inklusive des Flurs in drei Trakte aufgeteilt, die wie drei Bänder strahlenförmig vom Hauptraum abgehen. Der kürzeste Flügel beherbergt das Hauptschlafzimmer und die spektakulärste Aussicht. Er schwebt über der Senke und orientiert sich zum Wasser. Das Bett wird zum Beobachtungsposten für Flora und Fauna zwischen Wald und Wasser.
Der längste Trakt ist der 49 Quadratmeter große Gästebereich mit zwei Doppelzimmern, Bädern und einem Schlafsaal für Kinder mit Etagenbetten. Sind die Eigentümer*innen allein vor Ort, kann der Trakt komplett abgeschlossen werden, während bei voller Belegung der Besuch dort einen gut abgegrenzten Rückzugsraum hat. Denn auch wenn die Räume an das Haupthaus angegliedert sind, werden sie ausschließlich über den Flur erschlossen. Eine Tür unmittelbar hinter dem Haupteingang führt vom Flur auf zwei Stege und über die Senke, sodass die Gäste zwei eigene Zugänge haben.
Luftraum über dem Farnteppich
An dem zentralen Punkt, an dem alle Trakte und der Wohnraum sich treffen, öffnet sich ein trigonaler Hof, der eigentlich ein Luftraum ist. Er befindet sich an der höchsten Stelle über der Senke, sodass der Boden nur über eine nach unten führende Treppe erreicht werden kann. Von dort lässt sich auch die massive Materialität des Hauses bewundern, die sich auf den Standort im Wald bezieht. Arbel hat das Gebäude mit schweren Zedernholzbohlen verkleidet, die sandgestrahlt wurden, um die festen Rippen der Maserung freizulegen. Das Holz verfärbt sich mit der Zeit und unter Einfluss der Witterung und macht es zwischen Laub und Stämmen nahezu unsichtbar.
Auch im Inneren reagiert Arbel auf den Standort. Die Wände bestehen aus weiß lackierten Tannenleisten, die Decken sind mit dunkel gebeiztem Zedernholz verkleidet und bei den Einbauten fiel die Wahl auf warmes Walnussholz. Das Holz und das verwinkelte Layout sorgen für eine Atmosphäre zwischen Höhle und Bergrefugium, die durch die Lichtinszenierung mit handgefertigten Leuchten, die Arbel für Bocci entworfen hat, noch intimer und gemütlicher wirkt. Indem Architektur und Interieur den Ort nicht interpretieren oder überhöhen, wird das Haus zu einem selbstverständlichen Teil seines Umfelds.
FOTOGRAFIE Ema Peter Ema Peter
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