Haus der Gegensätze
Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald
Die Bauaufgabe lautete, ein Haus im Grünen zu entwerfen. Das Büro Architektura realisierte in einem Dorf bei Prag auf einem idyllischen Grundstück mit hoch aufragenden alten Bäumen ein in Farbe und Form spektakuläres Gebäude. Dem umgebenden Wald hat es nicht geschadet.
Wie entwirft man ein Haus im Wald? In Jevany, einem kleinen Dorf südöstlich von Prag, hat David Kraus vom tschechischen Büro Architektura verschiedene Antworten darauf gefunden: in Form von zwei Einfamilienhäusern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Das erste Haus aus dem Jahr 2011 ist ein zurückhaltender, eingeschossiger Bau mit Natursteinwänden, viel Glas und einer sanft auf- und absteigenden Dachkante aus Holz. Sein aktuelles Projekt im gleichen Umfeld dichter, hoher Bäume ist das komplette Gegenteil: dominant, mutig, knallrot. Statt den Wald in den Vordergrund zu rücken, stellt sich der Bau selbst zur Schau und sucht den Kontrast zum Kontext.
Gegensätzlichkeit als Gestaltungsmotiv
Vieles an der neuen Jevany Villa ist ungewöhnlich. Das Grundstück mit einem Zugang von der oberhalb gelegenen Straße fällt nach Süden stark ab, sodass man sogar vom Carport aus eine fantastische Aussicht genießt. Zur Straße hin wirkt das Gebäude abweisend. Es zeigt sich dort als eingeschossiger Bau mit vollständig geschlossener Fassade, während es sich hangabwärts mit zweigeschossiger Fassade und größtmöglicher Offenheit präsentiert. Alle äußeren Oberflächen sind im gleichen roten Farbton gehalten – vom Putz bis zum Fensterprofil, von der Stahlstütze bis zum Wellblechdach. Der Architekt beschreibt dies als bewusst gesetzten Komplementärkontrast zum Grün des Walds. Rot und Grün prallen in voller Intensität ihrer Leuchtkraft aufeinander und verstärken sich gegenseitig. Was von außen laut und fast schon aggressiv wirkt, verkehrt sich im Innenraum in das Gegenteil: Dort dominieren ruhige Oberflächen aus hellem Beton, weiße Wände und warmes Holz. Hinzu kommt der Blick in das dichte Grün der Umgebung.
In die Natur eintauchen
Das Haus für eine Familie mit kleinen Kindern ersetzt einen Vorgängerbau. Von der oberen Ebene mit dem Carport, Eingangsbereich und Arbeitszimmer führt der zentrale Treppenraum hinab in das Gartengeschoss mit den Wohn- und Schlafräumen. Die Treppe ist vertikale Verbindung und zugleich horizontales Gelenk des Gebäudes, indem sie private und gemeinschaftliche Räume voneinander trennt. Von der Straße kommend taucht man allmählich ab in die Stille und beeindruckende Dimension des Walds. Der Garten ist geprägt von Büschen, altem Baumbestand und wuchtigen Steinen, die beim Abbruch des Vorgängerbaus zum Vorschein kamen. Arrangiert in einer geschichteten Ansammlung dienen sie nun als gestalterisches Element – und als Spielplatz für die Kinder.
Industriecharakter im Landschaftsraum
Überzeugend wirkt vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der sich das Haus in die Landschaft bettet. Wenngleich die Farbe zunächst eine Konfrontation mit dem Kontext vermuten lässt, spricht die Kubatur eine deutlich zurückhaltendere Sprache. Der Bau passt sich an den Hang an und lässt das Grundstück in weiten Teilen unberührt. Die grobe Materialität der Stahlbauteile, die Sheddach-ähnliche Überdeckung der Parkplätze und die kantige Kubatur des Baus erzeugen das Bild eines technischen Körpers. Statt wie bei seinem früheren Bau in Jevany über das Material die Anpassung an die Umgebung zu suchen, gelingt dem Architekten eine abstrakte Figur mit industriellem Charakter, die es vermag, sich selbst und zugleich ihren Kontext zu inszenieren
FOTOGRAFIE Matej Hakár Matej Hakár
| Projektname: | Jevany Villa |
| Entwurf: | Architektura |
| Team: | David Kraus, Miroslav Styk |
| Fläche: | 338 Quadratmeter |
| Fertigstellung: | 2025 |
| Fotos: | Matej Hakár |
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