Fort im Forst
Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo
Für den Nebelwald des mexikanischen Valle de Bravo entwickelte Fernanda Canales einen ringförmigen Bau, der Licht, Luft und Klima choreografiert. Wandernde Schatten, gesteuerte Winde sowie dem Beton zugeschlagene Erde bringen Natur und Architektur in einen ästhetischen und funktionalen Dialog.
In der Einsamkeit des Valle de Bravo in Mexiko schuf die Architektin Fernanda Canales ein ganz besonderes Wohnhaus mit sieben Schlafzimmern, offenen Gemeinschaftsbereichen und einer Gesamtfläche von über tausend Quadratmetern. Spektakulär sind jedoch nicht nur die Ausmaße, sondern auch der Dialog zwischen Bau und Landschaft, die auf das Klima reagierende Gebäudegeometrie und die Wahl der Materialien.
Der experimentelle Charakter der Architektur ist kein Zufall: Das Haus ist Teil von Reserva Peñitas, einer Kooperative aus achtzig Familien, die 200 Hektar Nebelwald und Wiesen in weitläufige Parzellen aufgeteilt haben. Auf jedem Grundstück darf die Bebauung lediglich sechs Prozent der Gesamtfläche einnehmen. Zugleich wird die Landschaft strategisch renaturiert, während 13 angelegte Regenwasserreservoirs die Wasserversorgung sichern. In den vergangenen fünfzehn Jahren haben sich dort zahlreiche renommierte Architekt*innen und Landschaftsplaner*innen mit eigenen Projekten eingebracht. Sie alle verbindet eine gemeinsame Mission: Landschaft und Natur sollen die eigentlichen Dirigenten der Architektur sein – und der Naturschutz die zentrale Entwurfsprämisse.
Sonnenuhr im Nebelwald
Im Fall des House 720 Degrees setzt Fernanda Canales auf das Konzept einer instrumentellen Architektur, die an eine Sonnenuhr erinnert. Der Ringbau umschließt einen kreisförmigen Innenhof. Anstelle der Zeitanzeige definiert der wandernde Schatten hitzegeschützte Aufenthaltsflächen in einem Zen-ähnlich angelegten Garten. Im homogenen, bernsteinfarbenen Kies ruht nur ein großer Findling. Einige mobile Stühle können mit dem Sonnenverlauf über die Fläche wandern. Die Natur des Patios ist gezähmt und asketisch. Sie bildet einen bewusst gesetzten Kontrast zur sattgrünen Landschaft des Tals und dem sich dramatisch hinter dem Gebäude erhebenden Felsmassiv. Der Hof wird durch großflächige Glasschiebetüren betreten und nur von dort gelangen die Bewohner*innen auf die Dachterrasse. Hinauf geht es über eine lange Treppe, die sich materialhomogen an das Haus schmiegt und geradezu unsichtbar macht.
Patio und Prärie
Wie eine Torte ist der Bau in Segmente unterteilt. Die Schlafzimmer sind in eingestellten Raumboxen mit integrierten Bädern untergebracht. Mit ihren nach außen orientierten Fenstern wirken sie wie private Kokons. Der Flur, der am Hof entlangläuft, verbindet die offenen Gemeinschaftsbereiche, wie Lounge, Wohnzimmer und Küche, und führt zu außenliegenden Loggien, deren Betonböden nahtlos in den Waldboden übergehen. Diese Transiträume sind ebenso wichtig wie der Hof, denn sie ermöglichen es dem House 720 Degrees und seinen Bewohner*innen, mit ihrer Umgebung in Kontakt zu treten.
„Die Wände wirken wie Membranen zwischen Wald und Prärie, zwischen Trocken- und Regenzeit sowie den drei räumlichen Zuständen von Zentrum, Innen und Außen“, erläutert Fernanda Canales. Die Donut-Form des Wohnhauses schafft zwei scheinbar widersprüchliche Situationen: Einerseits gibt es den einen Patio, der von der Architektur wie von einem Fort resolut eingeschlossen wird. Auf der anderen, nach außen weisenden Seite geht der Entwurf mit der Natur auf Tuchfühlung und öffnet sich ihr durch gläserne Schiebetüren.
Ein Haus, das atmet
Der Hof und die Innenräume bieten die Möglichkeit, sich in geschützten, klar definierten Bereichen mit der Außenwelt zu verbinden. An einem einzigen Tag können die Temperaturen im Valle de Bravo um 30 Grad schwanken. Auf strahlenden Sonnenschein können schon mal starke Regenfälle folgen. Die flexiblen und faltbaren Glasfronten ermöglichen einen situativen Anschluss an die Landschaft – von der kompletten Öffnung bis hin zum räumlichen Ausschluss. Gleichzeitig überlässt die Architektur der Natur die Hauptrolle, indem sie sich ihr unterordnet. Die Farbtöne und Texturen sind ein Echo auf die lokalen Ressourcen. Dem Beton wurde Erde zugeschlagen, die dem Boden vor Ort entnommen wurde. Dadurch erhält die Oberfläche eine Struktur, die die Architektur wirken lässt, als sei sie aus dem Boden gewachsen.
Aufgrund der abgeschiedenen Lage und der nachhaltigen Ausrichtung der Kooperative ist das Gebäude außerdem auf Versorgungsautonomie ausgelegt. Ein Solarsystem auf dem Dach erzeugt Strom, Regenwasser wird gesammelt und die Fenster sind so platziert, dass der Wind bei großer Hitze für eine natürliche Belüftung sorgt. Das House 720 Degrees ist ein Haus, das sich nicht nur einfügt, sondern auch anpasst – oder, wie die Architektin es beschreibt, „eine lebendige Struktur, die mit ihrer Umgebung atmet“.
FOTOGRAFIE Rafael Gamo, Camila Cossio
Rafael Gamo, Camila Cossio
| Projektname | House 720 Degrees |
| Entwurf | Fernanda Canales |
| Team | Aarón Jassiel, Alberto García Valladares, Ángela Vizcarra |
| Interior Decoration | Camilla Pallares |
| Ort | La Reserva Peñitas, Mexiko |
| Fertigstellung | 2024 |
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