Ein Haus aus Lehm und Landschaft
Wohnhaus in Weert von De Nieuwe Context
Inmitten der offenen Landschaft rund um Weert, einer Kleinstadt im Süden der Niederlande, realisierte das Büro De Nieuwe Context ein Wohnhaus, das sich konsequent aus lokaler Tradition und Typologie sowie dem Baumaterial Lehm entwickelt hat.
Ausgangspunkt des Entwurfs ist die sogenannte „langgevelboerderij“, ein in der Region historisch verbreiteter Bautyp. Charakteristisch sind die horizontale Ausdehnung sowie die lineare Organisation von Wohnen und Arbeiten entlang einer Längsachse. Diese Typologie übersetzten die Architekt*innen des Maastrichter Büros De Nieuwe Context in eine zeitgemäße Wohnform, die Offenheit und Rückzug miteinander verbindet.
Auch die Fassadengestaltung folgt diesem Prinzip: Über einem massiven Sockel aus Lehmsteinen liegt eine vertikale Holzschalung aus Fraké, die dem lang gestreckten Baukörper Ruhe und Maßstäblichkeit verleiht. Das Holz schützt vor Witterung, lässt das Haus zugleich leichter wirken und verankert es wie selbstverständlich in der umgebenden Landschaft. Diese Strategie prägt bereits seit Jahrhunderten die Baukultur der Region.
Wohnen und Naturerleben
Der zweigeschossige Neubau mit einer Fläche von rund 275 Quadratmetern steht auf einem großzügigen Grundstück mit freiem Blick über Garten, Felder und Wiesen. Lehm dient nicht nur als Baumaterial, sondern auch als entwurfsbestimmendes Element: Er beeinflusst das Erscheinungsbild, die Atmosphäre der Innenräume und das Verhältnis des Hauses zu seiner Umgebung.
Besonders wirkungsvoll ist die konsequente Öffnung des Hauses zur rückwärtigen Landschaft. Großformatige Fenster öffnen die Wohnräume zum Garten und lassen das Grün förmlich in das Haus hinein fließen. Der Wechsel der Jahreszeiten wird so Teil des alltäglichen Wohnens. Unterstützt wird dieses Prinzip durch abgesenkte Sitzbereiche, die als ruhige Aufenthaltszonen ausgebildet sind. Sie erzeugen nicht nur eine intime Atmosphäre, sondern verstärken auch das Gefühl, in die Landschaft eingebettet zu sein.
Im sozialen Zentrum des Hauses
Im Erdgeschoss gruppieren sich zwei Wohnbereiche offen um Küche und Essplatz. Sie bilden das soziale Zentrum des Hauses mit doppelter Raumhöhe. Ein zweiseitig offener Kamin zwischen Ess- und Wohnbereich gliedert die Fläche und schafft Behaglichkeit. Ein großer Esstisch aus bogenförmig bearbeiteten Holzblöcken markiert den zentralen Versammlungs-ort der Familie. Die olivgrüne Farbe der Küchenfronten und die Naturtöne der Terrazzo-Arbeitsfläche spiegeln abermals die umgebende Landschaft wider.
Die Treppe zum Obergeschoss legt sich als dunkle Stahlkonstruktion entlang der hohen Schrankwand der Küche und setzt sich oben als Galerieebene fort, die die Schlafräume beiderseits des zentralen Luftraums verbindet. Zudem ist dort ein Arbeitsplatz untergebracht, von dem aus der Blick über den Küchen- und Wohnraum bis in den Garten und die Landschaft hinter dem Haus wandern kann. Die schwere Materialität und dunkle Farbigkeit der Treppe bilden ein gekonnt gesetztes Gegengewicht zu den hellen, erdigen Lehmwänden.
Lehm als Leitmaterial
Lehm ist im Wohnhaus in Weert mehr als eine Oberfläche. Die Lehmsteine des Herstellers Fetdeterra kommen sowohl in der Fassade als auch im Innenraum zum Einsatz und verleihen dem Haus seine charakteristische Anmutung. Ihre warme Farbe und lebendige Textur verankern den Baukörper visuell im Boden, aus dem er gewissermaßen hervorgegangen ist.
Das Projekt war zudem Teil einer Fallstudie im Rahmen des Living Lab Earth Blocks, einer Forschungsinitiative der Universität Hasselt, die das Potenzial von Erdbau- und Lehmbaustoffen systematisch untersucht. Lehm ist nahezu überall verfügbar, muss nicht gebrannt werden und verursacht daher deutlich weniger CO₂ als konventionelle Mauerwerksmaterialien. Darüber hinaus wirkt er feuchtigkeitsregulierend und trägt zu einem ausgeglichenen, gesunden Raumklima bei. In Kombination mit Holz, mineralischen Bodenbelägen und zu-rückhaltend gestalteten Einbauten entsteht eine Atmosphäre, die zugleich archaisch und modern wirkt.
Technik, die sich zurücknimmt
Konstruktiv folgt das Haus einem klaren, ressourcenschonenden Ansatz. Ein begrüntes Dach, massive Wandaufbauten aus Lehm in Kombination mit Holz- und Dämmebenen sowie dreifach verglaste Fenster bilden die Grundlage für einen zeitgemäßen energetischen Standard. Außenliegende Sonnenschutzelemente regulieren den Licht- und Wärmeeintrag, ohne die Offenheit zur Landschaft zu beeinträchtigen. Die Technik bleibt dabei weitgehend un-sichtbar. Im Vordergrund stehen Raum, Material und Licht.
Mit dem Wohnhaus in Weert ist den Architekt*innen von De Nieuwe Context ein Projekt gelungen, das regionale Bautraditionen nicht einfach zitiert, sondern weiterdenkt. Es zeigt, wie sich zeitgenössisches Wohnen auf dem Land gestalten lässt: erdverbunden, ruhig und aus dem Material heraus entwickelt.
FOTOGRAFIE Riccardo De Vecchi Riccardo De Vecchi
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