Kanso in Barcelona
Japanische Wohntraditionen prägen ein Apartment von Miriam Barrio
Durch ein kompaktes Layout, überraschende Flexibilität und warme Materialität vereint die Interiordesignerin Miriam Barrio in einer Wohnung in Barcelona japanische Kanso-Ästhetik mit mediterranem Flair. Dabei verzichtet sie konsequent auf Türen – und versteckt zwei Schlafzimmer hinter Raffiapaneelen.
Wenn sich eine Nation auf kleine Räume versteht, dann Japan. Durchschnittlich etwa zwanzig Quadratmeter stehen einer Person in einem Haushalt zur Verfügung. Gerade in Wohngemeinschaften und Familienapartments haben funktionale Flexibilität und eine gute Organisation des geteilten Wohnraums Priorität. Orientierung bietet dort die Philosophie des Kanso. „Kan“ bedeutet im Japanischen so viel wie „einfach“ oder „reduziert“, „so“ beschreibt den ursprünglichen, unverfälschten Zustand. Die Interiordesignerin Miriam Barrio berief sich bei der Gestaltung einer für spanische Verhältnisse kleinen Wohnung in Barcelona auf diese Kanso-Prinzipien. Das 62 Quadratmeter große Apartment ist minimalistisch und schlicht, zugleich funktional und detailreich gestaltet. Da Barrio Holz als zentrales Ausbaumaterial eingesetzt hat, ist eine Homogenität über alle Räume hinweg entstanden – und eine warme, umarmende Atmosphäre.
MuFu und Futon
Die ästhetische Orientierung am traditionellen japanischen Wohnraum ist beim Eintreten sofort ersichtlich. Das Layout setzt auf fließende und flexible Übergänge statt harte Trennungen, die Ausstattung auf fest installierten Stauraum statt Möbel-Patchwork. So lässt sich das Sofa im Wohnbereich auffalten und bedeckt einen Großteil des Bodens wie ein weitläufiger Futon. Multifunktionale und adaptierbare Lösungen holen maximale Nutzbarkeit aus der Fläche heraus. Auch der Esstisch ist in seiner Größe variabel: Zusätzliche Platten ermöglichen das Ausziehen und lassen ihn direkt in die Kochinsel übergehen. Die organisatorische Trennung zwischen Küche und Wohnzimmer erfolgt über eine Stufe, die gegenüberliegend auch zum Balkon hin eine Abgrenzung definiert. Das bodentiefe Fenster lässt sich durch eine Schiebetür öffnen und bringt nicht nur die umgebende Natur als Panorama ins Interieur, sondern wird auch zur physischen Schleuse zum Außenraum.
Sandfarbene Höhlenstimmung
Eine weitere, allerdings gut getarnte Schleuse führt in den privaten Bereich der Wohnung. Hinter einem in den Raum klappbaren Regal öffnet sich ein Flur mit Garderobe, von dem aus links und rechts die beiden Schlafräume zugänglich sind. Vom Hauptschlafzimmer aus können die Bewohner*innen durch faltbare Wände wieder in die Lounge des Wohnbereichs gelangen. Wird das Apartment ausschließlich privat genutzt, lässt sich der Raum vollständig an das Wohnzimmer anschließen. Wenn Gäste kommen, sehen sie nur die flächenbündigen Paneele, die wie die Türen eines Wandschranks wirken. Überall setzt Miriam Barrio auf natürliche und naturbelassene Materialien wie Leinen, Rattan, Raffia und Jute. Außerdem prägen variierende Holzmaserungen die ruhige Farbpalette aus Beigetönen.
Mediterranes trifft Japanisches
Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, wie zentral die Lichtinszenierung für die Atmosphäre der Räume ist. Tagsüber ist die Gestaltung darauf ausgerichtet, möglichst viel natürliches Tageslicht zu nutzen, nach Sonnenuntergang erzeugen zahlreiche warme, indirekte Lichtquellen eine beinahe höhlenartige Stimmung. „Alles atmet Harmonie und Ausgewogenheit“, fasst die Designerin zusammen. In dem Apartment ist ihr die Verbindung japanischer Wohnkultur – geprägt von ruhiger Eleganz und Naturbezug – mit einer mediterranen Ästhetik gelungen. Letztere zeigt sich durch die Verwendung typisch spanischer Materialien wie Raffia und lokales Eichenholz. Es ist eine Architektur des Weglassens, die Geborgenheit erzeugt statt Leere.
FOTOGRAFIE Salva López Salva López
| Projektname | Capitan Arenas |
| Entwurf | Miriam Barrio |
| Typologie | Umbau |
| Ort | Barcelona |
| Fläche | 62 Quadratmeter |
| Fertigstellung | 2023 |
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