Balanceakt am Hang
Wohnhaus mit zentralem Hof in Spanien von Sinaldaba
Im ländlichen Galicien entwarf das Architekturbüro Sinaldaba ein Haus, das sich gekonnt an den Hang schmiegt und konstruktiv mit der Topografie arrangiert. Als Antwort auf das raue Atlantikklima prägen ein geschützter Hof, ein schwebender Baukörper und eine erstaunlich asketische Materialität den Entwurf.
Vernakuläre Architekturen und lokale Bautraditionen folgen dem Wetter sowie der Landschaft und antworten auf die alltäglichen Bedürfnisse ihrer Bewohnenden. Sie sind nicht eitel, zeichenhaft oder repräsentativ, sondern funktional und widerstandsfähig. Mit einfachen konstruktiven Lösungen und ortsverfügbaren Materialien sind sie bioklimatisch optimiert und können sich weitgehend auf die natürlichen Qualitäten ihrer Konstruktion verlassen.
Das gilt auch und im Besonderen für das ländliche Galicien im Norden Spaniens, wo atlantische Winde auf Berge treffen, es das ganze Jahr über regelmäßig viel regnet und die Winter für spanische Verhältnisse mit kalten Nächten aufwarten. „Die Häuser lernten vom Boden, vom Wind und vom Regen. Sie suchten die Sonne, wenn sie sich zeigte, und zogen sich zurück, wenn der Winter mit aller Härte einsetzte“, beschreiben es poetisch Susana Vázquez Pérez und Ignacio Reigada Cordido, die Gründer*innen des Architekturbüros Sinaldaba. Sie haben in ihrer Heimat ein Wohnhaus gebaut, das sich auf traditionelle Prinzipien beruft, blanke Reproduktion und romantisierende Nostalgie aber elegant umschifft.
Aus der Logik des Orts
Schon das Grundstück allein war eine Herausforderung. Es ist lang und schmal und fällt zur Straße hin ab, während es zum Wäldchen hin ansteigt. Anstatt die Topografie baulich zu bereinigen und das Gelände partiell zu nivellieren, ließen die Architekt*innen das Haus in die Schräge setzen. Es steht mittig am Hang, schiebt sich rückwärtig eng an den Hügel und lässt den vorderen Teil des Baukörpers über dem Grund schweben.
Neben dem Garten wurde ein zentraler Hof vorgesehen, der genau dort liegt, wo das Haus seine Balance findet. Der runde Platz öffnet sich nur zu einem Fünftel seines Umfangs zur Landschaft. Die Kreisfigur erzeugt einen introvertierten, geschützten Raum, der mit seinem Kiesgrund, seiner asketischen Ausstattung und seiner geometrischen Konsequenz an einen Zen-Garten erinnert. Zugleich rahmt die partielle Öffnung einen Ausschnitt der Landschaft und der Nachbarschaft ein. Dieser Ort ist somit kein angeschlossener Garten, sondern ein nach außen geöffneter Innenhof des Hauses – ein privater Outdoor-Bereich, der Teil der architektonischen Raumfolge ist.
Ein Haus um den Hof
Der in den Block eingeschnittene Hof hat auch Einfluss auf die Organisation und Dramaturgie des inneren Layouts. Er wirkt wie ein die Fläche durchbrechender Zylinder, um den herum sich die Räume arrangieren. Auf der einen Seite befindet sich ein offenes Wohnzimmer mit Küche, auf der anderen liegen drei Schlafzimmer und ein Homeoffice in der offenen Flurzone. Beide Flügel des eingeschossigen Baus werden durch eine konkave Durchgangsfläche verbunden, an deren schmalster Stelle sich auch der Hauseingang befindet.
Die sieben raumhohen Fensterflächen zum Hof schaffen Sichtbeziehungen zwischen den einzelnen Wohnzonen. Sie erlauben den Blick auf den Eingang, das Schlafzimmer, die Sofalandschaft und die Arbeitsecke mit dem großen Tisch. „In dieser Art, sich am Ort niederzulassen, liegt etwas zutiefst Ländliches“, sagen die Planer*innen. „Das Haus sucht nicht die Exponiertheit, sondern den Schutz. Der zentrale Hof fungiert als Rückzugsort, der den Alltag mit den Rhythmen des Klimas und der Jahreszeiten synchronisiert. Das Haus will sich der Landschaft nicht aufprägen, sondern ein Teil von ihr werden.“
Die Sprache des Einfachen
Während das Haus von außen als schlichter, reinweißer Baukörper mit geneigtem Dach erscheint, präsentiert es sich im Inneren materialgerecht und zurückhaltend. Das Mauerwerk und die Betondecken sind unverputzt, die Elektroinstallationen sind sichtbar verlegt und der Boden besteht aus blankem Estrich. Dabei geht es dem Team von Sinaldaba nicht darum, traditionelle Bauweisen nachzuahmen, sondern ihre zugrunde liegenden Prinzipien in eine zeitgenössische Architektursprache zu übersetzen.
Die Verbindung zwischen Ort und Bauwerk entsteht durch Proportion, Geste und eine konsequent pragmatische Entwurfshaltung. Das Prinzip der inneren Organisation eines Landhauses, in dem traditionell in der untersten Ebene Ställe und Abstellkammern untergebracht sind, wurde allerdings direkt übertragen. Beim Wohnhaus ist der schattige Außenraum unter dem auskragenden Riegel eine Parkfläche, an die sich ein Lagerraum anschließt. Am Ende ist es gerade diese Selbstverständlichkeit, die dem Haus seine besondere Stärke verleiht: Es findet seinen architektonischen Ausdruck im leisen Zusammenspiel von Konstruktion, Material und Alltag.
FOTOGRAFIE Luís Díaz Díaz Luís Díaz Díaz
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