Die Kunst des Verzichts
Umbau eines Londoner Reihenhauses von Studio Hagen Hall
Im „Heion House“ verbindet das Londoner Studio Hagen Hall bauliche Traditionen aus Europa und Ostasien. Dunkle Eichenoberflächen und helle Lichtpunkte bilden die Grundlage eines Gestaltungskonzepts, das auf räumliche Zurückhaltung setzt.
Wer in London ein historisches Reihenhaus aus dem 19. Jahrhundert verändert, baut an oder stockt auf – manchmal auch beides. Beim Heion House entschied sich das Team von Studio Hagen Hall zusammen mit der Bauherrschaft, weder das eine noch das andere umzusetzen. Sie arbeiteten bewusst mit der vorhandenen Grundfläche und Kubatur des Baus und verzichteten auf eine Erweiterung der Innenräume.
Angesichts der schwindelerregenden Immobilienpreise in der britischen Hauptstadt und des weithin verbreiteten Wunschs nach Flächenmaximierung ist allein das bereits bemerkenswert und gibt einen Hinweis auf die architektonische Haltung, die dem Umbau zugrunde liegt. Das Thema des Verzichts zieht sich konsequent durch das Gestaltungskonzept – vom Grundriss bis zur Materialwahl und Möblierung.
Historische Substanz, modernes Raumkonzept
Das denkmalgeschützte Haus steht am Ende einer Reihenhauszeile in Islington, nördlich der Londoner Innenstadt. Es war von engen, dunklen Räumen geprägt und über die Jahre vernachlässigt worden. Dem Team von Studio Hagen Hall gelang es, den bauzeitlichen introvertierten Charakter des Hauses zu wahren und mit einer offeneren Raumaufteilung zu verbinden. Vorbild für das Konzept waren Einflüsse aus der Moderne und japanische Gestaltungsprinzipien.
Raum für Kreatives
Die Auftraggeber*innen, die unter anderem in Japan gelebt haben, wünschten sich Raum für ihre wachsende Sammlung japanischer und selbstgefertigter Keramiken, Möbel und Kunstwerke. Da das Haus vor allem für zwei Personen gedacht ist, wurde die Anzahl der Schlafzimmer reduziert und die Räume wurden zugunsten mehrerer Wohn- und Kreativbereiche neu verteilt.
Das Entree im Hochparterre verweist mit einem Genkan bereits auf Japan: Die typische Schwelle für das Ausziehen der Schuhe markiert den Übergang zwischen draußen und drinnen. Der Flur leitet am neuen Schlafzimmer mit Ankleide vorbei zur unteren Gartenebene mit Küche und Essbereich, während die Treppe ins Obergeschoss zum hellen Wohnsalon und dem angrenzenden Atelierraum führt.
Zwischen Garten und Kunst
Ein kleiner älterer Anbau im Untergeschoss an der Gebäuderückseite wurde vom Hauswirtschaftsraum in ein abgesenktes Esszimmer mit Blick in den Garten verwandelt. Ein von den Architekt*innen entworfener Esstisch aus Eiche mit einer Tischplatte aus geschliffenem Edelstahl bildet das Herzstück des Essbereichs. Der Hof neben dem Esszimmer wurde ebenfalls abgesenkt, um einen ebenerdigen Übergang zwischen Küche, Essbereich und Außenraum zu ermöglichen.
Im unteren Geschoss wurde zudem ein intimer Rückzugsort geschaffen, der mit einer Tokonoma-Nische eingeleitet wird, die traditionell Kunst und Blumen in Szene setzt. Der kokonartige Raum mit spärlichem Lichteinfall und wuchtigen, maßgefertigten Ledersofas, die bei Bedarf auch als Schlafmöglichkeit fungieren, erzeugt eine warme, umhüllende Atmosphäre. Der Hauptwohnraum im Obergeschoss, der zuvor als Schlafzimmer diente, profitiert dagegen von seiner exponierten Lage über die gesamte Breite des Hauses und von dem einfallenden Tageslicht. Dort finden sich weitere Sammlerstücke des Paars. Der angrenzende Raum mit Blick zum Garten erfüllt eine Vielzahl von Funktionen: Kunstatelier, Arbeitszimmer, privater Badeort und Schauraum für die umfangreiche CD-Sammlung der Eigentümer*innen.
Reduktion und Patina
In der Materialwahl zeigt sich das Motiv der Zurückhaltung und des Verzichts auf Vielfalt: Einbauten und Wandvertäfelungen in geräucherter Eiche ziehen sich durch das Gebäude, ohne die historische Architektur zu überdecken. Im Zusammenspiel mit einfallendem Tageslicht oder künstlichen Lichtpunkten entsteht ein unaufgeregter Kontrast aus hell und dunkel, der sich unterschiedlich thematisiert in allen Räumen wiederfindet. Dies verstärkt die innere Vernetzung der Ebenen.
Weitere Materialien sind Mikrozement für Böden und Waschbecken, weiße Mosaikfliesen, schwarzes Leder und unlackierte Messingbeschläge. Die Materialien sind so gewählt, dass sie im Laufe der Jahre eine Patina bekommen dürfen. Ein besonderes Detail sind die beweglichen Glaspaneele zwischen Küche und Wohnraum, die die Keramiksammlung inszenieren. Das Raster erinnert an Shoji, die traditionellen japanischen Raumtrenner.
Neben den neu hinzugefügten ostasiatischen Details wurden die originalen Bauteile wie Treppe, Sockelleisten und Kamin behutsam aufgearbeitet. Heion House bringt Geschichte und Gegenwart, eigene und fremde Bautradition in Einklang.
FOTOGRAFIE Felix Speller Felix Speller
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