Zwischen Baumhaus und Höhle
Familiendomizil in Australien von Bokey Grant Architects
Das EA House sitzt als Landmarke an einem Felshang und ist von australischem Buschland umgeben. Trotz der prägnanten Gestalt des Wohnhauses achteten die Architekt*innen von Bokey Grant darauf, es sensibel in die Landschaft einzufügen.
Am Rande einer Wohnsiedlung in den Southern Highlands, im australischen Bundesstaat New South Wales, hat das Architekturbüro Bokey Grant ein kompaktes Wohnhaus entworfen. Das dazugehörige Grundstück bietet nicht nur eine spektakuläre Umgebung, sondern auch eine kuriose Geschichte: Als die Stadtplaner*innen den Bebauungsplan für die Wohnsiedlung entwarfen, übersahen sie die Schlucht, die das Grundstück teilt. Als Folge galt es als nicht bebaubar und lag über Jahrzehnte brach – bis sich das Team von Bokey Grant der Aufgabe annahm. Es war allerdings nicht das einzige Hindernis, das die Planer*innen überwinden mussten. „Da das Haus von dichtem Buschland umgeben ist, liegt es in der sogenannten Flame Zone mit der höchsten Gefahrenstufe für Buschfeuer in Australien“, erzählt der Architekt Jeffrey Bokey-Grant.
Zurückhaltende Präsenz
Die Planer*innen arbeiteten mit den Gegebenheiten des Orts und platzierten das Haus auf einem Plateau an der Felswand. Erreichbar ist es über eine 18 Meter lange Betonbrücke mit filigranen Stahlgeländern. Sie führt über die Schlucht und beherbergt außerdem die Versorgungsleitungen. Als Vorbild für ihre Gestaltung dienten die Aussichtsplattformen der nahegelegenen Nationalparks. Dabei zieht sich eine Dialektik aus Inszenierung und Zurückhaltung durch den Entwurf. Das beginnt laut Bokey-Grant schon mit der Anordnung des Gebäudes: „Einerseits haben wir das EA House wie eine Landmarke in der Landschaft platziert. Anderseits war es uns wichtig, dass dafür kein einziger Baum gefällt werden muss.“ Zu diesem Wechselspiel tragen auch ein Gründach und die hellbraune Ziegelfassade bei, deren Farbigkeit auf die Umgebung abgestimmt ist. Gleichzeitig sorgen Öffnungen, Einschnitte und ein prägnanter Betonerker für eine skulpturale Präsenz.
Inszenierte Ausblicke
Aufgrund des Geländeversprungs wird das EA House vom ersten Stock aus erschlossen. Dort sind die Schlafzimmer untergebracht, die sich wie an einer Perlenkette aneinanderreihen. Als Inspiration dienten Mönchszellen, weshalb sie einen introvertierten Charakter mit wenig Fensterflächen haben. Treppe und Flur bilden das Rückgrat des Hauses und sind zur Felswand ausgerichtet. Die Kubatur folgt dem Geländeverlauf und weitet sich nach Westen auf. Dadurch konnten die Architekt*innen weitere Räume, wie etwa das Badezimmer, unterbringen. Geht man die Treppe nach unten, erreicht man das Wohn- und Esszimmer mit Küche. Das offene Raumgefüge nimmt den größten Teil des Geschosses ein, wobei ein Holzofen den Wohn- vom Essbereich trennt. Große, bodentiefe Fenster setzen die Landschaft in Szene und bieten spektakuläre Ausblicke über die Baumwipfel des Buschlands. Im Osten öffnet sich der Raum mittels großer Glasfassade zu einer Loggia als überdachtem Freibereich, der einen direkten Zugang zur Felslandschaft ermöglicht.
Zwischen Brandschutz und Gestaltung
Während der Erschließungsbereich mit grauem Estrichboden, sichtbarer Betondecke und weiß verputzten Wänden schlicht gehalten ist, präsentiert sich der Wohn- und Essbereich als eine mit feuerbeständigem Holz verkleidete Schmuckschatulle. Bei Boden, Wänden und Decke entschieden sich die Architekt*innen für Dielen und Sperrholz aus Spotted Gum, einem australischen Hartholz mit prägnanter Maserung. Für die Türen kam Pacific Jarrah, ein Hartholz aus Südamerika mit kräftig rotbrauner Färbung, zum Einsatz. Außerdem haben die Fenster eine spezifische Brandschutzverglasung. In der Materialwahl spiegeln sich aber nicht nur die funktionalen Notwendigkeiten wider. Sie führt auch die Dialektik des Hauses mit introvertiert-spartanischem Obergeschoss und behaglichem Erdgeschoss konsequent fort. Durch die Platzierung der Fenster wird die Landschaft zu einem präzise gesetzten Teil des Innenraums, der zwischen behaglicher Höhle und luftigem Baumhaus changiert.
FOTOGRAFIE Clinton Weaver Clinton Weaver
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