Altbau mit Attitüde
Wohnungsumbau in Madrid von Archive for Space
Ein ungewöhnlich schmaler Grundriss, viel historische Substanz und der Wunsch nach zeitgenössischem Wohnen: Für die Neugestaltung eines 80-Quadratmeter-Apartments im Madrider Stadtteil Malasaña mit dem humorvollen Spitznamen „Oma in Latex“ fand das Studio Archive for Space überraschende Lösungen.
Das Projekt Jesús del Valle vereint die historische Seele der Altbauwohnung aus dem frühen 20. Jahrhundert mit einer zeitgenössischen, rebellischen Ästhetik: Dafür verlegte das in London und auf Mallorca ansässige Architekturstudio Archive for Space die Küche aus dem hinteren Bereich des Apartments in dessen Mitte und platzierte den Wohnraum Richtung Straßenfassade. Ess- und Wohnbereich profitieren von der Aussicht auf die dekorativen Balkone, einer natürlichen Belüftung und dem variierenden Tageslicht, während sich die zwei Schlafzimmer um den ruhigeren Innenhof gruppieren. Durch präzise ausgerichtete Wandöffnungen haben die Planer*innen der Wohnung – trotz ihrer kompakten Fläche von 80 Quadratmetern – eine erstaunliche Weite verliehen.
Materialität und Farbdramaturgie
Für fließende Übergänge sorgen aber auch spezifische Materialien und Farben. Die Inspiration dazu lieferte ein historischer Terrakottaboden, der bei den Umbauarbeiten unter dem alten Teppichbelag zum Vorschein kam. Seine erdigen Töne wurden zum Ausgangspunkt des gesamten Entwurfs. Der durchgängige Boden wechselt zwischen verschiedenen Mustern: von Schachbrettformationen im heutigen Küchenbereich bis zu geometrischen Rauten in den übrigen Räumen. Dadurch erhalten die einzelnen Zonen einen ganz eigenen Charakter. Als harmonischer Hintergrund fungieren Wände und Decken in einem blassen Gelbton. Sie reflektieren das spanische Sonnenlicht und lassen die Wohnung optisch wärmer wirken.
Strenge und Weichheit im Dialog
Die Ästhetik der Räume wurde von der unmittelbaren Nachbarschaft beeinflusst: Im unkonventionellen Viertel Malasaña stehen historische Gebäude und Altbau-Charme in direktem Kontrast zu bunter Streetart, Graffiti und modernen Ladenfronten. Das Herzstück des Apartments bildet die Küche. Dort harmonieren kühle Stahloberflächen mit leicht gerafften, hellen Leinenvorhängen, die klassische Schrankfronten ersetzen und auch die vielen Heizkörper der Wohnung elegant verdecken. Den Gegenpol zum Metall bilden die rau verputzten Wände und der warme Terrakottaboden . Ein besonderer Blickfang ist die von Studio Archive for Space entworfene runde Dunstabzugshaube, die eher einem Kunstobjekt als einem Gebrauchsgegenstand ähnelt.
Zwischen blumiger Nostalgie und rauer Kante
Ein monolithischer Couchtisch aus Edelstahl im Wohnraum stellt eine visuelle Verbindung zur metallischen Ästhetik der angrenzenden Küche her. In anderen Bereichen brechen gezielte Farbakzente in glänzendem Schwarz oder rotem Lack mit der zurückhaltenden Anmutung der historischen Bausubstanz. Florale Motive, wie etwa ein Vintage-Sessel mit Blumenmuster oder ein Wandteppich mit einem überdimensionalen Rosenstrauß, setzen dazu einen wohnlichen Gegenakzent und verleihen den Räumen eine überraschende Vielschichtigkeit.
„Wir wollten, dass das Interior teilweise etwas provokativ wirkt, und haben das Projekt in der Umbauphase oft ‚Oma in Latex‘ genannt“, sagt Arabella Maza, Architektin und Mitgründerin von Archive for Space. Dieser Spitzname zeichnet sich jedoch nicht nur durch eine feinsinnige Prise Humor aus. Er ist auch eine treffende Metapher für ein Zuhause, das vermeintliche Widersprüche bewusst einsetzt und dadurch eine ganz individuelle Raumästhetik entstehen lässt.
FOTOGRAFIE Enric Badrinas Enric Badrinas
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