Urbanes Artefakt
Neri&Hu machen aus dem Telegraphenamt Tiflis ein Hotel
Nach Jahren im Dornröschenschlaf ist Tiflis’ brutalistisches Telegraphenamt wieder Teil des Stadtlebens. Der imposante Koloss wurde von Neri&Hu in ein Ensemble aus Hotel, Gastronomie und öffentlichen Räumen verwandelt und führt seine einstige Rolle als Ort der Verbindung mit neuen Formen des urbanen Miteinanders fort.
Es gibt Gebäude, die an den menschlichen Maßstab angepasst sind, und solche, die den Menschen unmissverständlich in seine Schranken weisen. Das ehemalige Tifliser Telegraphenamt an der Rustaweli-Avenue, der georgischen Pracht- und Flaniermeile, gehört zur zweiten Kategorie. Als monumentaler Bau des sowjetischen Modernismus erhebt es sich mit seiner schweren Betonstruktur, den mächtigen Gesimsen und der strengen Fassadenordnung über den Stadtraum.
Entworfen wurde es von den georgischen Architekten Lado Alexi-Meskhishvili und Teimuraz Mikashavidze, die dafür 1983 den Staatspreis Georgiens erhielten. Bemerkenswert ist nicht nur seine Bedeutung, sondern auch seine Lage: Der Block liegt genau in der schmalen Landfläche zwischen dem Mtatsminda, dem „Heiligen Berg“ von Tiflis, und dem Fluss Kura. Mit seiner Konstruktion reagiert er elegant auf die unterschiedlichen Höhenlagen des Standorts. Zuletzt stand das Telegraphenamt allerdings lange leer und es war nicht leicht, jemanden zu finden, der sich der funktionalen Umgestaltung und strukturellen Modernisierung des Kolosses annehmen wollte.
Nervenzentrum der Gegenwart
Mit dem Umbau und der Umnutzung des Telegraphenamtes wurde das Architektur- und Designstudio Neri&Hu aus Shanghai beauftragt. Die Architekt*innen Lyndon Neri und Rossana Hu arbeiten regelmäßig mit historischen Gebäuden im städtischen Kontext. Dabei verbinden sie einen respektvollen Umgang mit der bestehenden Bausubstanz und eine zeitgemäße architektonische Interpretation. Im Fall des Telegraphenamtes galt es zudem, den Geist des Ortes zu bewahren.
Das Gebäude ist nicht nur aufgrund seiner schieren Größe und ikonischen Architektur ein Wahrzeichen der Moderne, sondern auch wegen seiner sozialen Bedeutung. Als „Nervenzentrum der Kommunikation“ symbolisierte es die Verbindung zwischen der Stadt und ihrer Bewohner*innen. Diese Bedeutung galt es für Neri&Hu in die Gegenwart zu übertragen, ohne die Vergangenheit zu überschreiben. Die bestehende Bausubstanz mit ihren rohen Betonflächen, Rissen und Gebrauchsspuren wurde erhalten und bildet heute die atmosphärische Kulisse für neue Orte der Begegnung: ein Hotel, mehrere Restaurants, einen Club und eine Bibliothek.
Ideal der urbanen Porosität
Die gemeinschaftlichen Einrichtungen befinden sich im Erdgeschoss und stellen eine strukturelle Fortführung des Stadtraums dar. Das Layout orientiert sich an der Organisation von Tiflis mit einem dichten Netz aus schmalen Gassen und einem zentralen Innenhof, in dem alle Wege zusammenlaufen. Dicht begrünt und zum Himmel hin offen, ist er zugleich Park und Markt des Gebäudes. Die nach innen weisenden Balkone der Hotelzimmer fassen ihn ein wie Wohnhausfassaden einen Stadtplatz.
„Der Entwurf verkörpert damit Richard Sennetts Ideal der ‚urbanen Porosität‘, indem er die Grenzen zwischen Innen und Außen sowie zwischen öffentlich und privat bewusst verwischt“, erläutern Lyndon Neri und Rossana Hu. Überall im Haus sollen Orte zufällige und spontane Begegnungen und Interaktionen fördern und somit zu einer lebendigen Stadt beitragen. Zum organisatorischen und strukturellen Metathema wird das Raster. Im Innenhof zeigt es sich in der vorgelagerten Fassade aus dunklen Stahl-Vierkantrohren, im Innern sorgt die quadratisch angelegte Betonstruktur für eine lineare, rhythmische Raumabfolge.
Hoch auf dem Koloss
Das Telegraph Hotel bietet insgesamt 239 Zimmer in neun Kategorien, ein Gym und ein Pilatesstudio sowie einige große Meetingräume. Die regelmäßige Anordnung der Zimmer erinnert laut Neri&Hu an einen Eisenbahnwaggon und hat auch Einfluss auf das Interieur genommen. Im Kontrast zu den eher gedämpft beleuchteten Fluren haben sie die Räume hell gehalten: vom beigen Steinabsatz vor den wandhohen Fensterfronten über die eierschalfarbenen Vorhänge bis hin zum Fliesenboden in Off-White.
Die Funktionsbereiche werden durch schwarz eloxierte Aluminiumprofile mit geriffeltem Glas getrennt. Dieses lässt Licht durch und erlaubt vage Sichtbeziehungen, jedoch keine direkten Einblicke in Bäder und Schlafbereiche. Als einzige Farbe wurde ein warmes Grün bei den textilen Bezügen der Sofas, Bänke und Betten gewählt. Es ist eine Hommage an die üppig bewachsenen Berghänge vor den Fenstern. Eine besondere Überraschung wartet auf die Gäste der oberen Etage mit Terrassen. Ein paar Stufen führen nach oben, dann öffnet sich eine weitläufige Dachfläche mit einer großzügigen Sitzlandschaft und einem beeindruckenden Blick über die Stadt – in den Suiten sogar mit eigenem Pool.
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