Zwischen Sachsen und Japan
Atelier ST verwandelt einen Familienhof im Kohrener Land in ein Retreat
Im Rahmen ihres Projekts „Hilden“ verwandeln Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut einen Familienhof im sächsischen Greifenhain in ein Retreat. Der Umbau von Atelier ST verbindet historische Bausubstanz, neue Holzbauten und Anklänge an die japanische Architektur.
Die Thauts wissen inzwischen, dass im Architektenalltag das, was für sie den Beruf ausmacht, nämlich das kreative Arbeiten, oft verloren geht. „Das Leben ist kurz“, sagt Sebastian Thaut. „Deshalb wollen wir es nicht mit Projekten verplempern, die uns unglücklich machen.“ Vielfalt ist für Atelier ST dabei ein Schlüsselbegriff. Das Spektrum der derzeitigen Bauaufgaben reicht von der Naturklangkapelle im Landschaftsschutzgebiet Haynsburg in Sachsen-Anhalt bis zum Flagship-Store für die Rasierermanufaktur Mühle am Berliner Kurfürstendamm. Hinzu kommen mehrere Wohnhäuser. Es seien alles „keine Mammutprojekte im klassischen Sinn“, wie Sebastian Thaut es ausdrückt. „Dafür sind es aber Aufgaben mit außergewöhnlichem gestalterischem Anspruch, wie sie nur selten auf den Schreibtischen eines einzelnen Büros zusammenkommen.“ Die überschaubaren Projektgrößen sind finanziell betrachtet Segen und Fluch zugleich, hat Thaut im Laufe der Jahre gelernt: „Manchmal retten sie Dir den Hals, manchmal musst Du aber auch Geld mitbringen“, erzählt er.
Vom Erbe zum Rückzugsort
Dass Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut das Risiko nicht scheuen, unterstreicht ihr aktuelles Projekt Hilden, bei dem sie gleichzeitig Architekt*innen und Bauherr*innen sind. Es ist nicht das erste Mal, dass die Eheleute für sich selbst bauen. Vor knapp 15 Jahren haben sie sich mit ihrem Waldhaus – einem Holzhaus in der Mark Brandenburg – ihr eigenes Refugium hergerichtet. Das Wochenendhaus hatten sie von Sebastian Thauts Großeltern übernommen. Und auch das neue Projekt dreht sich um ein Stück Familiengeschichte: Vor einigen Jahren erbte Silvia Schellenberg-Thaut einen Hof in Greifenhain, den ihre Familie seit drei Generationen besitzt. Greifenhain liegt etwa 50 Kilometer entfernt von Leipzig im Kohrener Land. Dort geht die Leipziger Bucht ins sächsische Hügelland über. Prächtige Vierseithöfe prägen die Dörfer. Auch der Hof der Familie Schellenberg gehört zu diesem Typus. Das Erbe stellte das Ehepaar zunächst vor eine nicht geringe Herausforderung: „Ich hatte meinem Vater auf dem Totenbett versprochen, den Hof zu erhalten“, berichtet Silvia Schellenberg-Thaut. Doch was damit tun? „Wir mussten lange mit uns ringen“, sagt sie. „Unter anderem haben wir überlegt, dort selbst hinzuziehen. Doch irgendwann wurde mir klar: Ich will nicht dauerhaft aufs Dorf zurückkehren.“ Die Möglichkeit, den Hof in Wohnungen umzubauen, verwarfen die Thauts ebenfalls. Schließlich kam ihnen die Idee, das Gebäudeensemble in ein Retreat zu verwandeln. „Wir hatten schon lange Zeit beobachtet, dass es in der Umgebung von Leipzig an attraktiven Hotelangeboten fehlt – etwa für Seminare oder Klausuren“, erklärt Sebastian Thaut. Diesem Mangel soll Hilden zukünftig abhelfen, als „ein Ort des Rückzugs und der Begegnung“, wie der Architekt es beschreibt.
Ein Ort der Ruhe in alten Mauern
Vor Kurzem haben Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut nach vier Jahren Planungs- und Bauzeit das erste Gebäude, den sogenannten Pferdestall, fertigrestauriert. Noch in diesem Jahr folgt ein neu erbautes Gästehaus mit Hotelzimmern und einem Apartment. Es nimmt den Platz des alten Schweinestalls ein. Ebenfalls bereits begonnen haben die Bauarbeiten am Elternhaus von Silvia Schellenberg-Thaut, dem lang gezogenen Hauptgebäude des Hofs. Dort entstehen ein Restaurant, eine Bibliothek mit Arbeitsplätzen sowie weitere Gästezimmer. Die drei Bestands- und Neubauten umstehen einen Hof, der demnächst in einen grünen Außenbereich mit großer kreisrunder Sitznische und Feuerstelle verwandelt wird.
Licht, Holz und japanische Referenzen
Der historische Pferdestall besteht aus einem gemauerten Erdgeschoss und einem Obergeschoss in Fachwerkbauweise. Während zu ebener Erde der Saunabereich untergebracht ist, befindet sich in der ersten Etage – unter dem offenen hölzernen Dachstuhl – ein Yoga- und Meditationsraum. Unübersehbar haben sich Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut hier von japanischen Einflüssen inspirieren lassen. Die Fenster lassen das Sonnenlicht aus verschiedenen Richtungen einfallen. Auf einer Giebelseite wurde dafür extra eine zusätzliche kreisrunde Fensteröffnung eingebrochen. Je nach Tageszeit entstehen so ganz unterschiedliche Stimmungen. Das Spiel mit Licht und Schatten beeindruckt das Paar seit jeher an der japanischen Architektur. Die Materialität zeugt von großer Achtung vor dem Alten. Dasjenige, was Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut hinzugefügt haben, ist sorgsam ausgesucht und geht eine Wahlverwandtschaft mit dem Bestehenden ein. Alles ist darauf ausgerichtet, dass der Raum eine besondere Ruhe und Konzentration ausstrahlt.
Neubau und Umbau am Hof
Das derzeit noch im Bau befindliche Gästehaus wird ganz aus Holz errichtet und lässt ähnliche Qualitäten bereits erahnen. Seine großen Glasfenster überblicken den weitläufigen Garten und das sich dahinter erstreckende Tal mit dem Bachlauf. Das hohe Dach korrespondiert mit den anderen Baukörpern, die sich um den Hof gruppieren. Die Fassade besteht aus dunkelbraun getränktem Holz und greift dadurch die Farbigkeit des Fachwerks auf. Auf der Hofseite sollen vertikale Holzlamellen vor den Fenstern den Einblick in die Gästezimmer unterbinden.
Dunkelbraune Holzlamellen werden auch am Hauptgebäude eingesetzt: Die Architekt*innen greifen dort das Motiv in Form eines großen Rankgitters auf. Gerade wird der ehemalige Stall im Hauptbau in einen Speisesaal verwandelt. Zwei Säulenreihen durchziehen ihn. Darüber erhebt sich eine gemauerte Gewölbedecke. Was aus heutiger Sicht fast zu prächtig für die vormalige profane Nutzung erscheint, wird bald ein sehr stimmungsvolles Restaurant sein. Im restlichen Haus stehen die Umbauten dagegen erst am Anfang. Hier ist noch viel Arbeit nötig. Gerade werden die Einbauten der letzten Jahrzehnte entfernt.
Ein Aushängeschild für die Region
„Das positive Feedback, das wir bekommen, treibt uns an“, sagt Silvia Schellenberg-Thaut. Im vergangenen Herbst konnten Nachbar*innen und Dorfbewohner*innen bei einem Tag der offenen Tür die ersten Ergebnisse des Umbaus in Augenschein nehmen. Akzeptanzprobleme im Dorf gibt es nicht. „Ich werde zum Glück immer noch als Einheimische wahrgenommen“, freut sich Silvia Schellenberg-Thaut. Und auch das Architektenpaar fühlt sich mit dem Dorf und dem gesamten Landstrich eng verbunden. „Ein wenig empfinden wir uns auch als Botschafter dieser Region“, unterstreichen die beiden. Ihr Projekt Hilden hat fraglos das Zeug dazu, dabei als Aushängeschild zu fungieren.
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