Gefilterte Passage
Weinhandlung Enófilo von Juan Campanini und Josefina Sposito in Buenos Aires
Hinter einer filigranen Metallfassade transformierten Juan Campanini und Josefina Sposito ein schmales Wohnhaus in Buenos Aires zur Weinhandlung Enófilo. Herzstück des Umbaus ist eine sakral anmutende Treppenaufgang aus perforiertem Metall, die das Sonnenlicht bricht.
Die Avenida Juramento im Stadtteil Bajo Belgrano im Norden von Buenos Aires ist geprägt von dichtem, lärmenden Verkehr. Die Architekt*innen Juan Campanini und Josefina Sposito verstehen die argentinische Metropole als Stadt unzähliger Fragmente, die gemeinsam das urbane Gefüge formen. Entsprechend sollte auch die Weinhandlung Enófilo nicht als autonomes Objekt erscheinen, sondern als weiterer Baustein innerhalb dieser vielschichtigen Struktur.
Die Grundstruktur des rund 175 Quadratmeter großen Bestandsgebäudes blieb im Zuge der Sanierung weitgehend erhalten. Statt einer vollständigen Transformation konzentriert sich der Eingriff auf präzise gesetzte Elemente: ein neues Straßenfassadenmodul, eine räumliche Neuorganisation und Umgestaltung im Inneren sowie die Umdeutung des ehemaligen Patios zum atmosphärischen Erschließungszentrum des Projekts.
Metallgewebe statt klassischer Ladenfront
Die Fassade bestimmt den Charakter des Umbaus und gibt bereits einen Vorgeschmack auf das räumliche Highlight im Inneren. Vor die rohe Ziegelwand des Bestands spannt sich ein feinmaschiges, weiß getünchtes Metallgewebe, das wie eine dünne textile Haut wirkt. Je nach Lichteinfall beginnt die Oberfläche leicht zu schimmern und hebt sich subtil von den Nachbargebäuden ab, ohne deren Präsenz zu verdrängen. Dahinter sitzt eine große Öffnung, die zugleich Schaufenster und Eingang ist.
Im Inneren setzt sich die zurückhaltende Materialität fort. Grobe Putzoberflächen, rohe Decken und einfache Metallregale in Weiß und hellem Blau vermeiden jede klassisch-urige Weinbarästhetik. Rechts vom Eingang zieht sich eine hohe „Weinbibliothek“ entlang der Wand, links organisiert ein dunkler Tresen den schmalen Verkaufsraum. Die Böden bestehen aus Terrazzo, puristische Leuchten an der Decke und über dem Tresen illuminieren den Raum in den Abendstunden. Alles wirkt reduziert, die Materialien ehrlich, die Atmosphäre unaufgeregt.
Sakral anmutender Treppenraum
Das eigentliche Herzstück des Projekts liegt weiter hinten. Dort, wo sich früher der Patio des Wohnhauses befand, schiebt sich ein schmaler, hellblauer Treppenkörper zwischen die Bestandswände. Seine perforierte Metallhaut greift die Materialität der filigranen Weinregale auf und verbindet Erschließung und Präsentation subtil miteinander. Von der äußeren Fassadenhaut unterscheidet sich die Struktur jedoch: Während die Straßenfassade als feinmaschiges, fast textiles Gewebe erscheint, wirkt das perforierte Metall im Inneren räumlicher und theatraler.
Über der Treppe steigen die perforierten Metallbleche tonnenförmig gebogen empor und umschließen den schmalen Raum beinahe vollständig. Die Konstruktion filtert das Sonnenlicht, das in den ehemaligen Patio fällt, schützt die Passage vor direkter Einstrahlung und taucht den Aufstieg in ein weiches, diffuses Licht. Dadurch wirkt die Treppe weniger wie eine gewöhnliche Erschließung als vielmehr wie ein räumlicher Übergang mit beinahe sakraler Atmosphäre.
Die gesamte Choreografie des Projekts folgt einer Bewegung: vom hektischen Straßenraum durch den schmalen Verkaufsbereich bis tief in das Gebäude hinein und schließlich hinauf in das Obergeschoss mit Blicken in die Baumkronen der Stadt. Campanini und Sposito zeigen mit Enófilo, wie sich mit wenigen präzisen Eingriffen eine starke räumliche Identität entwickeln lässt – mitten im dichten Gefüge von Buenos Aires.
FOTOGRAFIE Javier Agustín Rojas
Javier Agustín Rojas
| Projekt: | Weinhandlung „Enofilo“ an der Avenida Juramento |
| Fläche: | 175 m² |
| Fertigstellung: | 2025 |
| Architekten: | Juan Campanin, Josefina Sposito |
| Projektteam: | Valentina Lucardi, Valentina Bauger, Martina Pera, Emilia Conde |
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