Regionale Rezeptur
Umbau eines französischen Weinguts von Studio Mumbai und Studio Méditerranée
Die Materialien für den Umbau des französischen Weinguts Château de Beaucastel gewannen die beiden Architekturbüros Studio Mumbai und Studio Méditerranée aus dem, was der Boden hergab. Ihr Gemeinschaftsprojekt ist Kreislaufwirtschaft in Reinkultur.
Seit mehr als fünf Generationen baut die Familie Perrin südlich der Rhône Wein an. Für das biodynamisch bewirtschaftete Weingut Château de Beaucastel wünschte sich die Winzerdynastie zum einen die Renovierung des historischen Kerns des Anwesens und den Abriss der als unpassend empfundenen Gebäudeteile. Zum anderen sollten neue Wohnbereiche entstehen, gruppiert um windgeschützte Innenhöfe. Wichtig war den Bauherr*innen ein zeitloser Stil, mit dem sich auch künftige Generationen identifizieren können.
Terroir als Thema
Als Antwort auf das Briefing entstand ein Entwurf, der zur Umgebung passt: Studio Mumbais und Studio Méditerranées Planung ist von dem Konzept des Terroir inspiriert, also der Bodenbeschaffenheit und weiterer Faktoren, die einen großen Einfluss auf die Qualität der Trauben sowie den Geschmack des Weins haben. Côtes du Rhône zeichnet sich durch kalkhaltige, sandige und lehmige Böden aus. Diese Bestandteile übernahmen die Planer*innen für ihr Projekt.
Vom Aushub zum Neubau
Eine Analyse des Erdreichs ergab, dass die ersten zwölf Meter in Côtes du Rhône aus mit Ton gemischten Kieselsteinen bestehen, deren Herkunft auf das Quartär zurückgeht, sowie aus Sand und Kieselsteinen aus dem Miozän. 25.000 Kubikmeter dieses Materials konnten Studio Mumbai und Studio Méditerranée durch den Aushub eines Areals von 60 mal 40 mal 12 Metern für die Weinkeller und eine unterirdische Zisterne gewinnen. Sie ließen das Material trennen, zerkleinern und sieben. Der Lehm wurde für den Bau von Stampflehmkonstruktionen für das neue Haus und die umgebenden Mauern verwendet. Aus dem Rest entstand ein eigens erfundener Baustellenbeton. Er besteht aus einer Mischung von Kieselsteinen und Sand aus dem Miozän, zerkleinertem altem Beton aus den ehemaligen, abgerissenen Gebäuden sowie Kalk oder Zement. Ein Teil der Erde wurde – in Kombination mit Kalk und Hanf – zu Mörtel und Farben für die Renovierung des Bauernhauses aus dem 17. Jahrhundert. Den Innenräumen verleihen taktile und warme Materialien eine raue, aber einladende Atmosphäre. Bambusmöbel treffen auf handgefertigte Textilien in Erdtönen sowie runde Deckenleuchten, die an Monde erinnern.
Natürliche Kühlung
Auf eine bewährte Lösung aus dem arabischen Kulturkreis griffen die Architekt*innen zurück, um die Weinkeller zu kühlen. Hohe Windtürme, im Persischen Badgirs genannt, lenken den aus Nord und Nordost wehenden Mistral-Wind ins Gebäude. Sie sind mit einem System aus Feuchtigkeits- und Temperatursensoren ausgestattet und leiten mit motorisierten Lamellen Luft nach innen, wenn sie benötigt wird. Diese strömt zunächst in den Keller und kühlt sich dabei bereits um etwa fünf Grad ab. Die unterirdische Wasserzisterne senkt die Temperatur zusätzlich, sodass es selbst im Hochsommer nicht wärmer als 15 Grad wird.
Mit ihrem Entwurf ist es den beiden Architekturbüros gelungen, dem Château de Beaucastel den Weg in die Zukunft zu ebnen. Dabei haben sie auf bewährte Baustile und -materialien aus der Vergangenheit gesetzt – und den Räumen eine unverwechselbare Atmosphäre gegeben.
FOTOGRAFIE Iwan Baan/Michael Falgren
Iwan Baan/Michael Falgren
| Architektur | Studio Mumbai, Studio Méditerranée |
| Ort | Courthézon, Vaucluse, Frankreic |
| Projekt | Umbau, Erweiterung und Neubau von Weingut, Garten und Wohnhaus |
| Fertigstellung | 2025 |
| Kunde | Familie Perrin |
| Fläche | 7.400 Quadratmeter, (Erweiterung: 4.500 Quadratmeter, Renovierung: 2.900 Quadratmeter) |
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