Das Haus als Feldsteinhaufen
Regenerative Architektur in Brandenburg von undjurekbrüggen
In bester Havellage: Das Berliner Architekturbüro undjurekbrüggen hat für einen kleinen Weinbaubetrieb in Brandenburg ein Wirtschaftsgebäude gebaut, das der Umwelt nicht nur nicht schaden, sondern sogar etwas zurückgeben soll.
Unternehmen wir eine kleine Zeitreise. 150 oder 200 Jahre in die Zukunft sollte reichen. Wir landen auf einer Wiese, zwischen Bäumen blitzt ein Gewässer hindurch. Zu Füßen der Bäume liegt ein großer Steinhaufen. Er besteht aus grauen, unregelmäßigen Steinen, die schon ziemlich überwuchert sind. Zwischen grünen Ranken sitzt eine Eidechse und sonnt sich. Insekten schwirren umher. Eine Idylle am Ufer der Havel, auf der Insel Werder, südwestlich von Berlin. Per Super-Zeitraffer geht es zurück in die Gegenwart und wir stehen nicht mehr vor einem Steinhaufen, sondern vor einem kleinen Haus. Es ist ein Kubus mit Flachdach und einer ungewöhnlichen Fassade: einem offenen Holzgerüst, gefüllt mit Steinen.
Vom Gebäude zum Biotop
„Das müsste das Ziel für alle Gebäude sein“, sagt Jurek Brüggen. „Entweder sie sind komplett wiederverwendbar. Man baut sie zurück und dann ist da nichts mehr. Die andere Möglichkeit: Man nimmt den technischen Kern des Gebäudes heraus, der Rest bleibt stehen und wird Teil des Ökosystems.“ Wie das kleine Haus auf der Wiese in Werder: Es ist ein Wirtschaftsgebäude für einen ökologischen Weinbaubetrieb und wurde von dem Berliner Architekten und Gründer von undjurekbrüggen so konzipiert, dass es eines Tages sich selbst überlassen werden kann, wenn es nicht mehr gebraucht wird.
Zunächst müssten die Innenwände aus Polycarbonat-Platten, die Küche, die Sanitäreinrichtungen und die Haustechnik entfernt werden. Das Holzgerüst würde verrotten, die Lehmsteine zerfallen. Übrig blieben nur noch die Ziegel des Fundaments – und die Steine aus der Fassade. Weil Haufen aus Feldsteinen in der Region als wichtige Biotope gelten, kam Brüggen im Entwurfsprozess die Idee, das Gebäude „als großen Natursteinhaufen aufzufassen“. Wenn schon ein Neubau, dann einer, der der Umwelt nicht nur nicht schadet, sondern ihr langfristig etwas zurückgibt, im Sinne einer regenerativen Gestaltung. Bereits jetzt soll er die Biodiversität fördern, denn zwischen den Feldsteinen können Insekten Unterschlupf finden und Pflanzen Halt zum Wachsen.
Weinbautradition und experimentelle Freiheit
Das Projekt namens Hain ist schon das zweite von Brüggens Architekturbüro undjurekbrüggen auf dem großen Ufergrundstück in Werder. Bereits vor einigen Jahren baute er an der oberen Kante das Jahreszeitenhaus, ein Wohnhaus mit verschiedenen Klimazonen. Zum Grundstück gehören auch zwei mit Wein bepflanzte Hänge. Im Mittelalter brachten Zisterziensermönche den Weinbau auf die Havelinsel. An diese Tradition knüpfen die Eigentümer*innen des Grundstücks an. Den kleinen Neubau nutzen sie, um Wein und Obst zu keltern, abzufüllen und zu lagern.
Daneben setzte Jurek Brüggen noch eine offene Regalstruktur für Gerätschaften und Werkzeuge, ergänzt um einige neu gepflanzte Bäume. Auch hier kommen demontierbare Polycarbonat-Platten zum Einsatz und ein Holzgerüst, um das sich die Zersetzungskräfte der Natur kümmern können. Die gesamte Anlage gilt als landwirtschaftlicher Betrieb im Außenbereich, deshalb war keine Baugenehmigung nötig. So konnte Brüggen „abseits von allen Normen und Regularien und anerkannten Regeln der Technik arbeiten“, wie er erzählt.
Lokale Ressourcen und venezianische Inspiration
Hain ist ein experimentelles Gebäude, das im Kollektiv geplant und auch errichtet wurde – gemeinsam mit dem Team von undjurekbrüggen, Studierenden, dem Belwerk Kollektiv, lokalen Handwerker*innen und Expert*innen für Biodiversität. Vieles wurde eigens für das Projekt entwickelt und vorab mit Mock-ups getestet, beispielsweise die Decke aus luftgetrockneten Lehmsteinen und Stampflehm oder die Fassade aus Feldsteinen. Untersucht wurde etwa, welchen Abstand die Leisten haben müssen, damit die Steine nicht herausfallen.
Hain ist so ressourcenschonend wie möglich konzipiert: Das Gerüst besteht aus Lärchenholz, das in der Region geschlagen und verarbeitet wurde. Um Energie zu sparen, ließ Jurek Brüggen es ungetrocknet verbauen. Die Ziegel für das Fundament kommen aus Abbruchgebäuden und auch die Feldsteine sind wiederverwendet. In ihrem ersten Leben dienten sie als Straßenpflaster. Sie stammen von einem Bauhof in der Nähe und waren günstig und in großer Menge verfügbar. Das offene Lagerregal wiederum wird von einem Fundament aus Holz stabilisiert – eine Bauweise, zu der sich Jurek Brüggen von Venedig hat inspirieren lassen. Die Paläste und Häuser der Lagunenstadt stehen bekanntlich auf Holzfundamenten, die – weil luftdicht eingeschlossen – nicht verrotten.
Ein Modell für das Bauen der Zukunft
Doch so klein und experimentell Hain auch sein mag – für Jurek Brüggen hat es einen modellhaften Charakter. Denn an solchen Projekten könne man Erfahrungswerte mit Materialien und Konstruktionen sammeln, die man dann normieren und in großem Maßstab anwenden könne. Der Architekt ist überzeugt, dass sich das Konzept – die Trennung in wiederverwertbare und naturverträgliche Teile – skalieren und auch auf größere Gebäude anwenden lasse. „Wir müssen viel mehr mitdenken, was am Ende der Lebensdauer eines Gebäudes passiert“, sagt er.
FOTOGRAFIE Hannes Heitmüller Hannes Heitmüller
| Projektname | 021 Hain |
| Entwurf | undjurekbrüggen |
| Team | Christian Cotting, Emily Schlatter, Jakob Wolters und Jurek Brüggen |
| Kooperation | AFEA |
| Ausführung | Belwerk Baukollektiv |
| Ort | Werder (Havel) |
| Fertigstellung | 2025 |
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