Aus finnischen Wäldern
Nachhaltiges Gebäude in Massivholzbauweise von Anttinen Oiva Architects in Helsinki
Anttinen Oiva Architects setzen in Helsinki ein architektonisches Statement in städtebaulich markanter Lage. Am historischen Hafen haben sie ein Hotel- und Bürogebäude in Massivholzbauweise realisiert. Wir sind hingefahren und haben uns die wegweisende Konstruktion zeigen lassen.
Helsinki erlebt seit einigen Jahren einen tiefgreifenden städtebaulichen Wandel. Ehemals industriell genutzte Hafenareale werden zunehmend in lebendige Stadträume transformiert. Nun rückt auch das Hafenbecken am historischen Marktplatz in den Fokus: In den kommenden Jahren sollen dort mehrere architektonisch markante Gebäude entstehen. So haben beispielsweise JKMM Architects kürzlich den Wettbewerb für das Architecture and Design Museum of Finland gewonnen. Am gegenüberliegenden Ufer des geplanten Museumsbaus eröffnete im Spätsommer 2024 eines der ersten Neubauprojekte im Stadtteil Katajanokka, der idyllisch auf einer Halbinsel liegt.
Architektur mit Signalwirkung
Das bisher von Werften, Lagerhäusern und Anlegern geprägte Südufer von Katajanokka wird durch den Neubau von Anttinen Oiva Architects bewusst zum Stadtraum hin geöffnet. Die organische Fassadensprache durchbricht die strenge, lang gestreckte Blockstruktur der historischen Hafengebäude und verleiht dem historischen Backsteinensemble eine neue Dynamik. Der Entwurf ging 2020 als Sieger aus einem eingeladenen Architekturwettbewerb hervor. Nach der Universitätsbibliothek in Helsinki ist es das zweite stadtbildprägende Projekt des 2008 von Selina Anttinen und Vesa Oiva gegründeten Architekturbüros.
Das viergeschossige Gebäude beherbergt das Solo Sokos Hotel Pier 4 sowie die Unternehmenszentrale des finnischen Forstkonzerns Stora Enso. Beide Nutzungen sind durch ein imposantes Entree miteinander verbunden. Während Anttinen Oiva Architects sowohl die Architektur als auch das Interiordesign der Lobby und der Büroräume gestalteten, stammt das Hotelinterieur vom ortsansässigen Studio Franz Design.
Nachhaltigkeit als Leitmotiv
„Auch wenn wir in Finnland eine lange Tradition im Holzbau haben, gibt es nur wenige Beispiele in größerem Maßstab im städtischen Kontext“, erklärt Selina Anttinen. Wir haben die Architektin und Partnerin von Anttinen Oiva Architects in ihrem Office in Helsinki getroffen, wo sie uns Modelle und Pläne des Gebäudes gezeigt und über den Entwurfsprozess gesprochen hat. Langlebigkeit, flexible Nutzbarkeit und hohe Energieeffizienz bildeten die Leitlinien für den Massivholzbau. Ziel sei es gewesen, die Klimaauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus hinweg möglichst gering zu halten, so die Architektin.
Sichtbares Fichtenholz
Für die oberirdischen Strukturen des Gebäudes wurden industriell vorgefertigte Massivholzprodukte von Stora Enso verwendet. Das Fichten- und Eschenholz stammt aus einem Umkreis von hundert Kilometern rund um die finnischen und schwedischen Produktionsstandorte des Unternehmens. Während der Pfosten-Riegel-Rahmen und die Fassadenstruktur aus Furnierschichtholz bestehen, wurden die aussteifenden Innenwände, Aufzugs- und Treppenkerne sowie Decken- und Dachkonstruktionen aus Brettsperrholz gefertigt.
Insgesamt sind in dem Gebäude rund 7.600 Kubikmeter Fichtenholz und 2.500 Holzelemente verbaut. Viele davon wurden im Innenraum sichtbar belassen. Die technisch anspruchsvolle Fassade folgt einem doppelten Prinzip: Eine äußere Schicht aus Glas, Granit und Aluminium schützt vor den rauen klimatischen Bedingungen, die Konstruktion dahinter besteht aus mehreren Holzschichten.
Mit lokalen Materialien
Rechter Hand vom Haupteingang befindet sich das Headquarter von Stora Enso, auf der linken Seite weisen die Rezeption und eine einladende Sitzlandschaft den Weg zum Hotel. Großzügige Fensterflächen fluten die vierstöckige Lobby mit Tageslicht. Die Südseite verfügt über einen direkten Zugang zum neu angelegten Uferweg und öffnet das Gebäude so aktiv in den Stadtraum.
Das Oberlicht im kreisrunden Atrium sorgt für eine natürliche Belichtung bis in die Tiefe des Raums, der aus einer lamellenartigen Holzstruktur besteht. Eine ebenfalls aus Holz gefertigte Sitzbank nimmt die geometrische Grundform auf und bildet das markante Zentrum der Lobby. In der Rückenlehne sind handgefertigte Glasobjekte der lettischen Künstlerin Baiba Dzenite eingelassen, die skulpturale Akzente setzen und im Dunkeln stimmungsvolles Licht erzeugen.
Im hinteren, zum Hafenbecken ausgerichteten Teil des Foyers laden verschiedene Loungebereiche und das Café Helli zum Verweilen ein. Sie sind mit maßgefertigten Holzmöbeln sowie skandinavischen Designobjekten eingerichtet und wirken hell und luftig. Einzelne Möbelstücke stammen vom finnischen Designer Yrjö Kukkapuro und werden durch Teppiche des schwedischen Herstellers Kasthall ergänzt. Auch das angrenzende Restaurant Harbore fügt sich mit seiner klaren, nordisch geprägten Gestaltung harmonisch in das Interiordesign ein.
Eine multisensorische Installation von Metsä/Skogen, die den Duft von Tannenzapfen mit Naturklängen kombiniert, intensiviert das vom Werkstoff Holz dominierte Raumerlebnis. Der Bodenbelag aus grauem Granit aus dem finnischen Viitasaari ergänzt das Materialkonzept. Der gleiche Stein findet sich auch an der Fassade und bei der Pflasterung des Außenraums wieder.
Lässige Zimmer, aufregende Dachterrasse
Natürliche Materialien wie Massivholz, Granit und unlackiertes Metall prägen auch das Ambiente des Hotels Solo Sokos Pier 4, das hell und unkompliziert eingerichtet ist. Je nach Ausrichtung variieren die Zimmer in ihrer Gestaltung: Räume mit Meerblick zeigen sich in hellen und warmen Tönen, während die zur Stadt und zum Innenhof ausgerichteten Zimmer dunkler und intimer inszeniert sind. Bodentiefe Fenster lassen auch im langen finnischen Winter genügend Tageslicht ins Innere.
Das Spiel zwischen Innen- und Außenraum setzt sich auf der Dachterrasse fort, deren Begrünungskonzept von Nomaji Landscape Architects stammt. Sie zählt zu den größten öffentlich zugänglichen Dachterrassen der Stadt und bietet einen Ausblick über die Schäreninseln, den Dom, das Hafenbecken mit Rathaus sowie den Allas Sea Pool. Im Sommer öffnet dort oben eine Rooftop-Bar. Mit einem Drink in der Hand kann man dann auf einem angelegten Naturpfad mit typischer Schärenvegetation flanieren oder es sich auf den loungigen Outdoor-Möbeln bequem machen.
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