Modernismus-Revival in Meran
Umbau des Südtiroler Hotels Aurora von feld72 und Hannes Peer
Wer die Architektur der Sechziger- und Siebzigerjahre schätzt, sollte nach Meran fahren. Dort hat der aus Südtirol stammende Architekt Hannes Peer in Zusammenarbeit mit dem Wiener Büro feld72 ein Hotel umgebaut, das den Geist dieser Jahrzehnte atmet und dennoch zeitgenössisch wirkt.
Gemeinhin verbindet man mit Meran imposante Bergwelten, mediterranes Klima und opulente Villen aus der Jahrhundertwende, die von üppig grünen Gärten mit Pinien und Palmen umgeben sind. Doch in dieser idyllischen Stadt an der Passer reiht sich auch ein Bauwerk aus den Sechziger- und Siebzigerjahren an das andere. Darunter sind mehrere Entwürfe des italienischen Architekten Armando Ronca zu finden.
Bestand und Aufstockung
Gleich neben einem dieser Gebäude von Armando Ronca befindet sich das inhabergeführte Hotel Aurora. Der zweigeschossige Bau aus dem 19. Jahrhundert wurde kürzlich vom österreichischen Architekturbüro feld72 – in Absprache mit dem Denkmalschutz – um ein zweigeschossiges Mansarddach mit markanten Aluminiumlamellen ergänzt. Es ersetzt das zuvor flachere Dach und bringt das Hotel auf die Höhe der angrenzenden Gebäude, zu denen das stadtbildprägende Theater aus der Jugendstilzeit zählt.
Das Interior eines 1964 errichteten Flügels direkt neben dem Altbau stammt von Herbert Kinkelin und ist noch gut erhalten. Es diente als gestalterischer Ausgangspunkt für den Umbau. Nach sechs Jahren Verhandlungen der Besitzerfamilie Aukenthaler mit den Verantwortlichen der Stadt war es im Juni dann so weit: Das umgestaltete Hotel konnte neu eröffnen und verfügt nun über insgesamt 59 Zimmer.
Carte blanche für Hannes Peer
Zunächst war vorgesehen, dass Hannes Peer nur die 18 neuen Zimmer im zweistöckigen Dachgeschoss entwirft. Doch der in Mailand ansässige Architekt überzeugte seine Auftraggeber*innen, das Projekt maßgeblich zu erweitern. Die Bauherr*innen stimmten zu, auch das Erdgeschoss des Hotels neu zu gestalten, wozu Entree mit Empfangstresen, Lobby, Bar und Restaurant gehören.
Glücklicherweise war das Sixties-Interior noch weitgehend erhalten und in einem guten Zustand. So hatte Hannes Peer leichtes Spiel, zumal seine Auftraggeber*innen ihm quasi eine Carte blanche erteilten. Sie waren auch bereit, für die Umgestaltung tief in die Tasche zu greifen und in dekorative Details zu investieren. Dazu gehören beispielsweise 2.000 keramische Wandfliesen an der Außenwand beim Hoteleingang, die rund 30.000 Euro kosteten. Entworfen von Hannes Peer und handgefertigt bei Officine Saffi Lab, muten sie in Form und Farbgebung zusammen mit der Bepflanzung fast tropisch an.
Sixties-Design mit lokalem Touch
Viele Objekte – darunter die Wandleuchten aus Messing in der Listening Bar, das mit Spiegelfliesen verkleidete DJ-Pult, die Sitzlandschaft in der Lobby oder die Stühle im Restaurant – wurden von Hannes Peer projektspezifisch entworfen und in Südtirol maßgefertigt. Ihnen sei wichtig gewesen, lokale Handwerker*innen an dem Projekt zu beteiligen, erzählt Philipp Aukenthaler, der das Hotel zusammen mit seiner Schwester Melanie Aukenthaler in dritter Generation führt.
Seine Großmutter hatte in den Sechzigerjahren den Meraner Architekten und Tischler Herbert Kinkelin mit der Gestaltung des Hotels beauftragt, was sich als Glücksfall erweisen sollte und vom Gespür der Familie für gutes Design zeugt. Kinkelins extravagante Entwürfe – Tische und Leuchten, plastisch ausgearbeitete Beton- und Putzreliefs, aber auch Vitrinen und Trennwände aus Messing – verbreiten mit ihren hochwertigen Materialien ein echtes Sixties-Flair. Hannes Peer ergänzte das historische Interior mit Vintage-Leuchten aus der Zeit, maßgefertigten Sitzbänken und einem offenen Kamin in der Lobby. Es ist ein Ensemble, das an das Sheats-Goldstein-Haus von John Lautner in Los Angeles erinnert und einen Hauch Glamour ins Innere bringt.
Verwobene Dekaden
Im Hotel Aurora treffen originale Features aus den Sechzigerjahren auf zeitgenössische Gestaltungselemente, ohne angestrengt zu wirken. Das ist sicher Hannes Peers Talent zu verdanken, Farben, Formen und Materialien harmonisch miteinander zu verweben, auch wenn sie aus unterschiedlichen Dekaden stammen. So ist das gesamte Hotel in Brauntönen gehalten, die zuweilen mit Orange und Rot aufgelockert werden. Dazu gesellen sich Materialien wie Messing, das mit der Zeit eine schöne Patina annimmt, Travertin und Holz sowie durchaus gewagte flauschige Bezüge für die geschwungene Bank in der Listening Bar, ein kuratierter Raum für Musik, in dem das bewusste Hören im Mittelpunkt steht.
Wie dieses subtile Zusammenspiel funktioniert, kann man besonders gut im Empfangsbereich sehen, der mit einem Terrazzoboden aus lokalem Naturstein ausgestattet ist. Obwohl der Raum eher kompakt ist, strahlt er Größe und Eleganz aus. Ein maßgefertigter Holztresen mit einer organisch geformten Messingplatte wird von einem orangebraun schimmernden Kronleuchter aus Muranoglas überfangen. Der Entwurf des Mailänder Labels 6:AM Glass nimmt die gesamte Deckenfläche ein. Für die dem Tresen gegenüberliegende Wand hat Hannes Peer seine Mutter, die Künstlerin Ursula Huber, beauftragt, ein passendes Werk zu schaffen. Entstanden ist ein abstraktes, großformatiges Flachrelief namens Horizont.
Spiegel als Leitmotiv
Ein wiederkehrendes Gestaltungselement in den neuen Räumen des Hotels sind Spiegel in allen Größen und Formen. Hannes Peer setzt sie beispielsweise als dekorative, drehbare Raumteiler zwischen Restaurant und Lobby ein. Doch insbesondere in den neuen Zimmern, die offen und mit maßgefertigten Möbeln gestaltet sind, entfalten sie ihre volle Wirkung. Da jeweils eine Wand komplett verspiegelt ist, wirken die Räume wesentlich größer als sie sind. Die Spiegelfläche schafft außerdem eine Verbindung zum Außenraum, indem sie die umgebende Landschaft reflektiert, sodass man auch vom Bett aus die Berge sehen kann.
Apropos Außenraum: Die neuen Zimmer sind über die gesamte Breite mit einer raumhohen Fensterfront und einem Balkon versehen. So können die Gäste auf die tosende Passer und hinüber zu den Passant*innen sehen, die über die Promenade flanieren – vorbei an der Terrasse des Hotels, wo das selbst gemachte Gelato in den originalen Metallbechern aus den Sechzigerjahren serviert wird. Südtirol hin oder her: So viel Italianità muss einfach sein.
| Projektname | Hotel Aurora |
| Architektur | feld72 |
| Innenarchitektur | Hannes Peer Architecture |
| Ort | Meran |
| Fertigstellung | 2026 |
Hannes Peer Architecture
hannespeer.comFeld72
feld72.atHotel Aurora
hotel-aurora-meran.comWie sich Südtirol mit guter Gestaltung neu erfindet
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