Das neue Bravo
Affin gestaltet das Café in den Berliner KW um
Kunst betrachten, Kunst betreten – oder gleich einen Kaffee darin trinken? Im Hof der Berliner KW hat das Innenarchitekturstudio Affin den gläsernen Pavillon von Dan Graham umgestaltet. Entstanden ist ein neues Café Bravo, das die besondere Architektur und die Atmosphäre des historischen Hinterhofs verbindet.
Der Weg zum Bravo ist ein kleines räumliches Erlebnis. Wer die Auguststraße hinter sich lässt und durch die Toreinfahrt der KW tritt, gelangt in einen intimen Stadtraum. Historisches Pflaster, alter Baumbestand und die ungewöhnlichen, aber für Berlin-Mitte typischen niedrigen Traufhöhen verleihen dem Hof eine fast ländliche Behaglichkeit. Die denkmalgeschützte Anlage reicht in Teilen bis ins späte 18. Jahrhundert zurück – am eindrucksvollsten verkörpert durch das offene Holztreppenhaus von 1794, das Besuchende beim Durchschreiten des Vorderhauses begrüßt.
Fremdkörper im Hinterhof
Inmitten dieser historisch gewachsenen Liegenschaft steht ein Bauwerk, das den Bruch mit dem Alten kaum reizvoller zelebrieren könnte: ein gläserner Pavillon, den der amerikanische Künstler Dan Graham gemeinsam mit der Architektin Johanne Nalbach schuf. 1998 eröffnet – und damit selbst inzwischen denkmalreif – hat die ungewöhnliche Behausung der Museumsgastronomie nichts von ihrer zeitlosen Frische eingebüßt. Zwei ineinandergreifende transparente Quader aus spiegelndem Edelstahl und grünlich schimmernden Glasflächen bilden einen kristallinen Kontrapunkt zum alten Hofensemble. Hier trifft die geometrische Strenge eines künstlerisch-architektonischen Minimalismus auf die gewachsene Unregelmäßigkeit der historischen Stadt.
Dabei bleibt der Pavillon keineswegs ein isoliertes Objekt. Seine Glasflächen reflektieren die umgebenden Fassaden, das Grün der Bäume und die Bewegungen der Besucher*innen. Je nach Standort und Lichteinfall werden sie zu Fenstern oder Spiegeln, Innen- und Außenraum überlagern sich. Der Pavillon fügt sich nicht durch formale Anpassung in seine Umgebung ein, sondern indem er sie immer wieder neu abbildet.
Kirschholz trifft Edelstahl
Für die Neugestaltung war diese besondere Architektur gleichermaßen Ausgangspunkt und Herausforderung. Statt dem Pavillon ein möglichst auffälliges Interieur gegenüberzustellen, entschieden sich Bettina Böhm und Teerapat Amnueypornsakul für einen behutsamen Eingriff. „Das Gebäude hatte bereits eine sehr starke Persönlichkeit“, erklären die Gründer*innen des Berliner Innenarchitekturstudios Affin. „Die Frage war deshalb nicht, wie wir das Café interessanter machen können, sondern was der Ort von uns braucht.“ Die Antwort liegt vor allem in der Materialwahl und der Organisation des Raums. Kirschholz zieht sich als verbindendes Element durch das Interieur. Maßgefertigte Sitzbänke und Fenstertische schaffen unterschiedliche Aufenthaltsmöglichkeiten, ohne die Transparenz des Pavillons einzuschränken. Schwarze Stühle und Hocker setzen dazu einen kleinen Kontrast.
Während das Holz dem Raum Wärme verleiht, führen Edelstahl und Chrom die Materialsprache des Bestands fort. Besonders deutlich wird dieses Zusammenspiel am Tresen: Rotbraune Fronten treffen auf glänzende Metalloberflächen, die das einfallende Licht aufnehmen. Ein kräftiges Grün an den offenen Regalen hinter der Bar greift die üppige Vegetation des Innenhofs auf. Durch die raumhohen Verglasungen scheinen Bäume und Sträucher ohnehin bis ins Café hineinzuwachsen. Einen bewussten Gegenakzent zur strengen Geometrie des Pavillons setzt eine eigens entworfene Pendelleuchte. Ihre weißen, spiralförmig geschwungenen Flächen schweben über den Sitzplätzen und bringen eine skulpturale Leichtigkeit in den Raum.
Das Beste aus drei Welten
Die Neugestaltung sollte jedoch nicht nur dem besonderen Bauwerk gerecht werden, sondern auch den Cafébetrieb verbessern. Die Planer*innen entwickelten die Anordnung von Tresen, offener Küche, Servicebereichen und Sitzplätzen aus den täglichen Bewegungsabläufen heraus. Wer nur kurz einen Espresso trinken möchte, findet ebenso einen Platz wie Gäste, die länger bleiben wollen. Doch die vielleicht größte Qualität des Café Bravo liegt seit jeher ohnehin jenseits seiner Glasfassaden. Bei schönem Wetter verlagert sich das Geschehen in den begrünten Innenhof, der mit seiner besonderen Atmosphäre zu den reizvollsten gastronomischen Außenräumen Berlins zählen dürfte.
Dass dieser besondere Ort nun auch kulinarisch neue Aufmerksamkeit erhält, ist ein Glücksfall. Seit Juli 2026 betreiben Clemens Roesch, Eva Alken, Sören Zuppke und Vadim Otto Ursus das Café Bravo. Das Team hat sich mit Projekten wie Otto, Trio und Pluto bereits einen Namen gemacht und bringt seine Erfahrung nun in den Hof der KW – mit einer modernen, saisonalen deutschen Küche für den Alltag, die unkompliziert ist, aber großen Wert auf gute Produkte und handwerkliche Zubereitung legt.
So liegt die Qualität der Neugestaltung nicht allein in den sorgfältig gewählten Materialien und Möbeln. Bettina Böhm und Teerapat Amnueypornsakul haben den Pavillon weder museal konserviert noch mit einer neuen Designidee überformt. Stattdessen ist ein Ort entstanden, an dem Architektur, Kunst und Gastronomie ganz selbstverständlich ineinandergreifen – und das in einem der schönsten Hinterhöfe Berlins.
FOTOGRAFIE Robert Rieger Robert Rieger
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