Brutalismus trifft Hollywood
Restaurant Marcel in New York von Roman and Williams
Das „Marcel“ ist mehr als ein Restaurant: Im New Yorker Breuer Building verschmelzen brutalistische Architektur, Bauhaus und die cineastische Handschrift von Roman and Williams zu einer Hommage an Marcel Breuer – sinnlich, opulent und mit Beton als Hauptdarsteller.
Wer 2025 das monumentale Filmdrama Der Brutalist gesehen hat, wird sich an die eigentümlich dichte Atmosphäre des preisgekrönten Streifens ebenso erinnern wie an seine Hauptfigur, den Architekten László Tóth, gespielt von Adrien Brody. Für diese Figur ließ sich Brady Corbet, der Regie und Drehbuch verantwortete, von großen Vorbildern inspirieren – und dazu zählte der jüdische Emigrant und Bauhaus-Pionier Marcel Breuer.
Ein ikonisches Bauwerk
Hat man all das vor Augen, das Helldunkel (Chiaroscuro) der Lichtstimmung und die trutzig-markanten Linien der Bauten, so erlebt man beim Betreten des im Frühjahr 2026 eröffneten Restaurants Marcel 945 Madison ein Déjà-vu. Der Name ist Programm: Er verweist auf den Architekten Marcel Breuer, das ikonische Bauwerk und seine Adresse. Das Breuer Building in der Madison Avenue an der Upper East Side wurde 1966 fertiggestellt. Es dient heute dem Auktionshaus Sotheby's als Sitz. Davor war es das Stammhaus des Whitney Museums, das 2015 an seinen neuen Standort im Meatpacking District umzog. Im Laufe des Jahres 2025 wurde der Bau von Herzog & de Meuron quasi „unsichtbar“ restauriert. Seine markante, nach oben breiter werdende Form brachte ihm schon zur Eröffnung den Beinamen „invertierte babylonische Stufenpyramide“ ein. Der Bau galt anfangs als umstritten.
Roher Beton und warmes Holz
Außen dominiert Granit, doch innen gibt Beton den Ton an: Im Marcel prallen Gäste auf die originale, weitgehend unberührte Substanz Marcel Breuers. Gestockter Sichtbeton, klare Geometrien und präzise Proportionen schaffen eine Kulisse, die an ein Midcentury-Filmset erinnert. Das Interior setzt der rohen Monumentalität des Betons warme Kontraste entgegen: gemasertes Walnussholz, schwere Bänke aus braunem Mohair und gedämpftes, stimmungsvolles Licht. Maßgefertigte Leuchten aus Bronze und strukturiertem Glas tauchen das Untergeschoss in eine satte Atmosphäre. Bis ins Detail folgt das Interieur dieser Sprache – von den kantig-skulpturalen Tischbeinen bis zu brutalistisch geformten Martini- und Champagnergläsern aus einer japanischen Kiriko-Manufaktur. Eine spürbare physische Schwere liegt über dem Raum.
Cineastische Interiors
Dass Raum und Interior hier eindringlich wie in einer Filmszene wirken, ist kein Zufall: Hinter dem Konzept stehen ausgemachte Filmprofis. Das New Yorker Designerduo Robin und Stephen Alesch, bekannt als Roman and Williams, lernte sich 1994 am Set von The New Age kennen und schuf in den darauffolgenden zehn Jahre die Ausstattung für mehr als zwanzig Hollywoodfilme, darunter Zoolander und Illuminata. Ihre Spezialität: akribisch recherchierte, atmosphärische Interieurs, die Räume in erzählerische Welten verwandeln.
Robin Alesch studierte Kunstgeschichte, Architektur und Szenenbild und arbeitete als visuelle Beraterin von Martin Scorsese, unter anderem bei GoodFellas und Zeit der Unschuld. Stephen Alesch, aus Malibu stammend, ist ausgebildeter technischer Zeichner und Architekt. Bis heute zeichnet und entwirft er bevorzugt per Hand – eine Haltung, die auch die eigenen Möbelkollektionen und Interiors von Roman and Williams prägt: natürliche Materialien statt steriler Perfektion.
Berufliche Neuorientierung
Wie aber gelang der Sprung vom Filmset ins echte Leben? Die Idee kam von außen: durch erste Anfragen von Schauspieler*innen wie Ben Stiller, Gwyneth Paltrow und Kate Hudson, die „wie auf dem Set“ wohnen wollten. Auch Martin Scorsese selbst gehörte zu den Kund*innen. Erste Aufträge für Privatvillen trudelten ein. Also gründeten Robin und Stephen Alesch 2002 ihr eigenes Studio und zogen von Los Angeles nach New York. Es folgten Hotels und Restaurants als neues Spielfeld erzählerischer Raumkunst: vom Ace Hotel in New York City über die Bar The Boom Boom Room im Standard Hotel in Manhattan bis zu Le Coucou, La Mercerie und nun Marcel. Auch die Neugestaltung der British Galleries im Metropolitan Museum of Art gehört zu ihrem Portfolio.
Heute beschäftigt das New Yorker Studio rund fünfzig Mitarbeiter*innen und agiert beinahe weltweit. In Paris gestalteten Roman and Williams das Interior des Luxushotels La Fondation samt Gastronomie. Es handelt sich dabei um ein Hybrid-Projekt, das ebenfalls in den Sechzigerjahren als brutalistisches Gebäude – in Form eines Parkhauses – entstanden war. Auch dort verbindet sich brutalistische Architektur mit lokaler Handwerkskunst und Einzelstücken von Künstler*innen und Galerien. Vielleicht liegt genau darin der Reiz ihrer zweiten Karriere: Was sie heute gestalten, bleibt. Es sind keine Kulissen, die nach dem letzten „Take“ verschwinden, sondern Räume für das echte Leben – aus echten Materialien, mit handwerklicher Substanz und einer Patina, die erst mit der Zeit entsteht.
Möbelwerkstatt in Montauk
Im eigenen Flagship-Store Roman and Williams Guild in SoHo übersetzen sie ihre Filmsprache zudem in Möbel, in nostalgische, charakterstarke und handwerklich präzise Designerstücke. Viele Prototypen entstehen in der Werkstatt ihres Rückzugsorts in Montauk auf Long Island. So auch die Modelle der eigens erschaffenen Marcel Collection: Wuchtige Möbel wie Marcel Bureau oder die elegante Marcel Credenza greifen mit ihren facettierten Fronten die Geometrie der Betonfassade des Breuer Buildings auf, in Anspielung auf die trapezförmigen „Eyelid“-Fenster. Auch die Leuchten folgen dem Prinzip der „brutal beauty“: Die Hyssop Table Lamp aus weißer Bronze erinnert an eine Ysop-Pflanze, die Lentium Table Lamp verbindet bearbeitete Bronze mit einem mundgeblasenen Glasschirm.
Hommage an Breuer
Ob Marcel Breuer „sein“ Restaurant gefallen hätte? Die Materialtreue, das Spiel mit Geometrie und kantigen Formen vermutlich schon. Das Team von Roman and Williams hatte in Breuers Archiven eine private Vorliebe des Architekten für Walnussholz, Granit und Bronze entdeckt – jene Materialien, die im Marcel den Beton ergänzen, als subtiler Tribut an Breuer. Ob der Bauhaus-Funktionalist allerdings so viel Dekor, Luxus und Kommerz goutiert hätte, eine Leuchte ab 7.000 Dollar oder ein Sideboard für 30.000 Dollar, darf bezweifelt werden. Gutes Essen und lebendige Räume hätte er vermutlich geschätzt. Doch vielleicht hätte er sich gefragt, warum dort keiner auf seinen ikonischen und leichten Wassily- oder Cesca-Stühlen sitzt.
Roman and Williams
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