Stories

Blauer Hoffnungsträger

Vom Umweltgift zum Wertstoff: Wie EOOS unsere Toilette revolutioniert.

von Julia Bluth, 23.09.2019

Wenn Bill Gates mit einem Glas voll menschlicher Fäkalien in der Hand einen Vortrag hält, dann wirbt er für ein echtes Herzensprojekt: die Reinvent the toilet challenge. Seit Jahren fördert seine gemeinsam mit Ehefrau Melinda gegründete Bill & Melinda Gates Foundation die Innovation nachhaltiger Sanitärsysteme für Entwicklungsländer. Auch das Wiener Designbüro EOOS folgte dem Aufruf der Stiftung. Es entwickelte ein wegweisendes Urintrennsystem, das zu einer buchstäblichen Klo-Revolution führen könnte.

„Viktor Papanek hat in seinem berühmten Buch Design for the Real World: Human Ecology and Social Change (1971) die DesignerInnen aufgerufen einen Teil ihrer Arbeit für die wirklich drängenden Probleme der Welt zu reservieren“, erklärt Harald Gründl, Mitbegründer von EOOS, seine Motivation. „Ich denke, diese Aufforderung ist so aktuell wie nie, da wir vor ökologischen und sozialen Herausforderungen stehen, bei deren Lösung Design eine wichtige Rolle zukommt.“ Rund 2,5 Milliarden Menschen weltweit müssen ohne sicheren Zugang zu sanitären Anlagen leben. Mit schrecklichen Folgen, befinden sich doch bereits in einem einzigen Glas menschlichen Stuhls unzählige Krankheitserreger und Wurmeier.

Die Urinfalle
Im Rahmen der Reinvent the toilet challenge betreut EOOS seit 2010 das gemeinsam mit dem schweizerischen Wasserforschungsinstitut Eawag entstandene Projekt Blue Diversion Toilet – eine leuchtend blaue Stehtoilette mit raumhoher Rückwand, die ohne Wasserleitungen, Kanalisation und Elektrizität auskommt. Die kompakt in der Rückwand eingebaute Wasseraufbereitungsanlage sorgt für sauberes Wasch- und Spülwasser. Direkt im Auffangbecken werden der Urin und die festen Hinterlassenschaften voneinander getrennt und anschließend in verschließbaren Behältern gesammelt. So können die Abfälle abtransportiert und wieder aufbereitet werden. „Die Toilette kommt gerade von einem Feldtest in Durban in Südafrika“, berichtet Gründl. „Sie wurde bei einer Großfamilie unter Realbedingungen getestet. Das Projekt umfasst jeweils unterschiedliche Aufbereitungstechnologien für Wasser, Urin und Fäkalien. Der nächste Schritt ist die Industrialisierung, die mit Hilfe der Bill & Melinda Gates Foundation vorangetrieben wird. Es sind große und bekannte Firmen, die ihr Interesse bekundet haben. Eine weitere Option ist die Industrialisierung von Einzelkomponenten.“

Vom Umweltgift zum Wertstoff
Einen wichtigen Industriepartner für ihre Schlüsselinnovation, die Urine-Trap, haben die Designer bereits gefunden: Gemeinsam mit dem Schweizer Hersteller Laufen entwickelten sie mit Save! die erste, neuesten Industriestandards entsprechende Urin-Trenn-Toilette. Die eingebaute Urine-Trap trennt den Urin unter Ausnutzung der Oberflächenspannung von Fäkalien und Grauwasser und leitet ihn in einem separaten Ablauf ab. Auf diese Weise erfolgt eine getrennte Abwasserführung, die im Anschluss eine effiziente Aufarbeitung möglich macht. Mithilfe dezentraler Bio-Reaktoren können nützliche Nährstoffe wie zum Beispiel Stickstoff und Phosphor aus dem Urin extrahiert und schädliche Medikamentenrückstände oder Hormone neutralisiert werden.

Ein wichtiger Schritt, denn Wissenschaftler bewerten hohe Stickstoffwerte – die sowohl durch menschliche Abwässer als auch durch die intensive Nutzung von Kunstdüngern in der Landwirtschaft verursacht werden – als mindestens ebenso gefährlich wie zu hohe CO2-Werte. Sie führen zu den gefürchteten Todeszonen im Meer, deren Sauerstoffsättigung so gering ist, dass Fische dort nicht mehr überleben können. Diese Zonen breiten sich seit Jahren weltweit aus. Besonders betroffen ist unter anderem die Ostsee, die als Binnenmeer über wenig durchmischtes Wasser verfügt. Würde man beginnen, Abwässer intelligent zu trennen und aufzuarbeiten, könnte man aus Urin gewonnenen Naturdünger direkt in die Landwirtschaft bringen und aus dem Oberflächenwasser verbannen. Auch die sehr CO2-aufwendige Herstellung stickstoffhaltiger Kunstdünger würde dann hinfällig. Doch ist das nur eine schöne Vision oder bald schon Realität?

„Im Einzugsgebiet der Seine in Frankreich gibt es jetzt hohe Förderungen für alternative Abwassersysteme. Ich denke, dass wir hier schon bald erste größere Pilotprojekte sehen werden. Aber auch in Skandinavien gibt es etablierte Abwasserlösungen, die bisher mit wesentlich schlechteren Urinseparationstoiletten betrieben wurden. Auch dort hoffen wir, bald einen größeren Markt für unsere Technologie vorzufinden. Und natürlich in den Entwicklungsländern, denn dort kann in vielen Gebieten sowieso die Abwasserlösung neu gedacht und umgesetzt werden“, meint Gründl. „Wir sind optimistisch und das Projekt mit Laufen zeigt eindeutig, dass ein neues Denken und eine neue Zeit im Design begonnen haben.“

Links

EAWAG

www.eawag.ch

Bill & Melinda Gates Foundation

www.gatesfoundation.org

Mehr Stories

Berührungslos im Bad

Lösungen von Vola für ein Händewaschen ohne Ansteckungsrisiko

Bad, Bette, bunt

Auf Entdeckungsreise mit Farben in allen Schattierungen

Wie Vola die Farbe ins Badezimmer brachte

Der dänische Hersteller als Trendsetter

Salone del Mobile 2020 wird verschoben

Mailänder Möbelmesse findet im Juni statt

Best-Of Materialien: Bad mit Persönlichkeit

Jenseits der funktionalen Nasszelle: unsere fünf Materialfavoriten im Bad.

Making of: Badetuch

Wir sind nach Portugal gereist, um zu sehen, wie ein Frottierhandtuch entsteht.

ISH 2019: Not so Bad

Die Weltleitmesse der Sanitärbranche zeigt: Das Bad ist im Wohnzimmer angekommen.

Wasser und Wohlbefinden

Kurzfilm von Vola über das flüssige Element im Design

Glitter, Glamour und Schimmer im Badezimmer

Bette fällt mit einer üppigen Farbpalette auf

Wiederbelebt

Materialrecycling des dänischen Herstellers Vola

Zuhause bei Vola

Eine Hommage an die Mitarbeiter des dänischen Armaturenherstellers

Unbegrenzte Möglichkeiten

Vola feiert 50. Geburtstag

The Bathroom Chronicles

Düfte und Dinge: Lily Brett, Lena Dunham, Leanne Shapton und 97 andere Frauen geben Einblick in ihren privatesten Raum: das Badezimmer.

Werksbesuch: Archaik und Hightech

Hier geht es zu wie in einem alchemistischen Labor. In Reggio Emilia strebt die Tradition gebrannter Erde in die Gegenwart.

Waschechte Raumwunder

Frisch zur Buchmesse: Mit Baden Baden widmet Gestalten gegenwärtigen Entwicklungen im Badezimmer einen Bildband.

In Stoff baden

So entstand die Wannen-Revolution von Bette

Bäder für Individualisten

Die Neuheiten der Frankfurter Sanitärmesse ISH 2017

Hotelbäder: Beam me up, Frottee!

Das Bad ist das neue Herzstück designorientierter Hotelzimmer.

Die Smartisierung der Waschzone

Wie viel Hightech braucht die Nasszelle? Antworten vom Axor Talk in München.

Gefräst und gebürstet: Edelstahlarmaturen von Vola

Made in Denmark: hochwertige handgebürstete Armaturen von Vola.

Glänzende Aussichten

Wie das schnöde Badezimmer zum luxuriösen Wohnraum wird? Mit Armaturen von Vola, die in Gold und Kupfer getaucht sind.

Cersaie 2016: Tiefe Oberflächen

Schluss mit Monotonie und Kälte: Sanitärprodukte und Fliesen locken mit sinnlichen Farben und Mustern.

Fugenlos glücklich

Die Revolution feiert Geburtstag

Wasserüberraschungskaskaden

Fünf Designer und Architekten haben für den deutschen Armaturenhersteller Axor die Grenzen der Individualisierung ausgelotet.

Salone del Bagno: Gezähmte Elemente

Ein Faible für von der Natur inspirierte Oberflächen macht sich als sichtbare Entwicklung im Badezimmer bemerkbar.

Best of: 100 Jahre Badezimmer

Knaller aus 100 Jahren Bad-Design. Mit Joan Collins, Monsterfönen und Duschköpfen im Nessi-Look.

Saubere Lösung

Ergonomisch, anpassungsfähig und nachhaltig: Das neue Ergosystem von FSB.

Viel Spas in Tokio

Lost in translation: Wellness- und Fitnesshype in Tokios 5-Sterne-Hotels.

Laute Örtchen

Die Toilette als ästhetisches Erlebnis: Ett La Benn mischen Berliner Waschräume auf.

Nasszellenrevolution

Was in den Seventies im Bad passierte, zeigt diese neue Hansgrohe-Ausstellung.