Veränderung als Prinzip
Wie Vitra mit „Beta-Mentalität“ das Büro in Bewegung bringt
Partner: Vitra
Wie lassen sich Büros planen, wenn künftige Arbeitsweisen kaum vorhersehbar sind? Vitra antwortet mit der „Beta-Mentalität“: Veränderung wird zum Gestaltungsprinzip. Wie das funktioniert, zeigen die modulare Raumlandschaft „Reset“ von Stephan Hürlemann und die Tischkollektion „Scout“ von Konstantin Grcic.
Der Begriff Beta stammt aus der Softwareentwicklung und beschreibt einen Ansatz, der das Unfertige nicht als Mangel, sondern als Voraussetzung für kontinuierliche Weiterentwicklung begreift. Die Bereitschaft, Veränderung als selbstverständlichen Bestandteil der Raumgestaltung zu verstehen, ist nicht ganz unvertraut. Sie begegnet uns bisher jedoch weniger in der Arbeitswelt, sondern eher im Familienalltag. Mit heranwachsenden Kindern ist das Zuhause eine permanente Betaversion. Räume werden regelmäßig und selbstverständlich umgestaltet, Möbel verschoben, adaptiert, ergänzt. Was gestern noch funktionierte, kann morgen schon überholt sein.
Perspektive wechseln
Bei der Planung von Arbeitswelten dagegen war diese stete Anpassung lange nicht vorgesehen. Einrichtungen sollten gleich bleiben, Stabilität und Kontinuität vermitteln. Veränderung galt eher als Störung statt als selbstverständlicher Bestandteil der Raumgestaltung. Dieses Verständnis gerät zunehmend ins Wanken. Wirtschaftliche Unsicherheiten, veränderte Organisationsstrukturen und der Einsatz künstlicher Intelligenz erschweren es, künftige Arbeitsweisen, Teamgrößen oder räumliche Anforderungen vorherzusagen. „Beta ist kein Raum oder Ort, sondern eine Ebene, eine Denkweise, eine neue Art zu arbeiten“, erklärt Raphael Gielgen, der für Vitra als Trendscout Future of Work weltweit neue Arbeitsformen und Entwicklungen beobachtet.
Verändern statt umbauen
So versteht Vitra künftige Bürogestaltungen als offene Systeme, die sich jederzeit an wechselnde Anforderungen anpassen lassen. Mit der „Beta-Mentalität“ geht das Unternehmen dabei über die Möglichkeiten herkömmlicher modularer Möbel- und Trennwandsysteme für Büroumgebungen hinaus. Denn auch diese bieten wenig Flexibilität, wenn jede Anpassung erst von Innenarchitekt*innen geplant, kalkuliert und durch Fachleute umgesetzt werden muss – ein Prozess, der Monate dauern kann. Statt aufwendiger Planungs- und Umbauprozesse steht deshalb die unmittelbare Veränderbarkeit im Vordergrund. Nutzer*innen sollen vorhandene Möbel und Elemente selbstständig verschieben, neu kombinieren und anders einsetzen können.
Reset: Boden neu denken
Wie sich dieses Prinzip räumlich umsetzen lässt, zeigt Reset. Mit dem modularen Plattformsystem hat Stephan Hürlemann für Vitra eine Alternative zu starren Raumstrukturen entwickelt. Die Module bestehen jeweils aus einer Platte und zwei kreuzförmig angeordneten Unterbauelementen. Sie lassen sich mit wenigen Handgriffen zu gestuften Sitzgelegenheiten, Podesten, Treffpunkten oder räumlichen Abgrenzungen kombinieren. „Es geht mir darum, die Topografie von Innenräumen neu zu denken und den Boden als aktives Gestaltungselement zu nutzen“, erklärt Hürlemann. „Die meisten Böden sind flach. Wir wollten daraus eine dreidimensionale Landschaft schaffen, in der Höhe zum neuen Gestaltungsfaktor wird.“
Scout: Der Tisch als dynamisches Werkzeug
Während Reset in die Topografie des Raums eingreift, setzt Konstantin Grcic mit seiner Tischkollektion Scout bei der Organisation von Arbeitsplätzen an. Die Serie umfasst mobile und feststehende Arbeits- und Besprechungstische in drei Größen. Die mobilen Varianten lassen sich flexibel im Raum anordnen und bei Nichtgebrauch durch Hochklappen der Tischplatten platzsparend ineinanderschieben. Grundlage der Scout-Kollektion ist eine sichtbare Metallrohrkonstruktion, die zugleich als Träger für Trennsysteme und weiteres Zubehör dient. So können die Tische für konzentriertes Arbeiten, Besprechungen oder Workshops ausgestattet und kombiniert werden.
Einfach, intuitiv, offen
„Ich strebe danach, ehrliche, einfache Objekte zu entwerfen, die zeigen, wie sie hergestellt sind und funktionieren“, erklärt Grcic. Bei Scout zeigt sich dieser Anspruch im offenliegenden Aufbau und in der intuitiven Handhabung: Technik und Verbindungen bleiben sichtbar und für Wartung und Reparatur zugänglich. Statt eine bestimmte Nutzung vorzugeben, bietet das System Möglichkeiten, auf wechselnde Anforderungen spontan zu reagieren. Auch der Entwicklungsprozess folgte laut Grcic diesem Gedanken – experimentell und in iterativen Schritten. „Es geht um Fortschritt und nicht um Perfektion“, sagt er.
Beta-Mentalität im Büro
Die Beta-Mentalität betrifft nicht nur Möbel, sondern auch das Verhältnis zwischen Einrichtung und Architektur. „Wir bauen so wenig wie möglich und so viel wie nötig“, formuliert Hürlemann den Grundsatz. Was aus technischen oder baulichen Gründen dauerhaft sein muss, bleibt Teil der Architektur. Alles andere soll sich durch flexible, bewegliche Elemente organisieren lassen. In künftigen Bürowelten geht es also weniger um fertige Raumkonzepte als um Strukturen, die sich immer wieder neu gestalten lassen.
Weitere Einblicke in das Thema Arbeitswelten bei Vitra gibt es hier.
Mehr Stories
Abschied vom Dauerlärm
Warum der Open Space in der Arbeitswelt ausgedient hat
Räume einfach verändern
Flexible und umbaubare Trennwandsysteme von Goldbach Kirchner bei GREENTERIOR 2026
Die Stadtkuratorin
Kinofilm über die Architektin Barbara Buser
Passt das Büro zur Arbeit?
Die Next Office-Arbeitsplatzanalyse von Kinnarps klärt den Raumbedarf
Der Mensch im Mittelpunkt
Die Unternehmensphilosophie „Life Friendly Spaces“ von Actiu
Secondhand, erste Wahl
Ein Möbelstoff aus Textilabfällen
Schwarz dank Pflanzenkohle
Vepa erweitert seine Hanfstuhl-Familie um die Serie Hemp Carbon
Abfall, der sich nicht versteckt
Der WiChair von Wilkhahn macht Rezyklat zum Gestaltungsclou
Vom ersten Entwurf zum zweiten Leben
Nowy Styl erprobt Sitzmöbel aus nur einem Material
Vom Bürostuhl zum CO2-Speicher
Wie Vepa Hanf, Bioharz und Biokohlenstoff in die Serienfertigung bringt
Flexibel verbunden
Fellowes zeigt Lösungen für neue Arbeitswelten auf der ORGATEC 2026
Zwischen Bauwende und Planungspraxis
GREENTERIOR zum zweiten Mal beim Klimafestival für die Bauwende in Berlin
Das beste Möbel steht schon da
Wie ein zerlegbarer Tisch und eine Platte aus Altholz einen Standortwechsel überstehen
Planen ohne Umwege
Neue Schnittstelle verbindet Palette CAD mit dem pCon.catalog
Bürolandschaften ohne Limits
Internationale Arbeitsplatzlösungen von Fellowes
Ankommen und bleiben
Wie Vitra und Artek Gastfreundschaft gestalten
Die unsichtbare Seite des Arbeitsplatzes
Fellowes vereint technische Infrastruktur zu einem System
Schwebende Ordnung
USM zerlegt in Kopenhagen seinen Designklassiker
Inseln im Großraumbüro
Wie Office Pods den Rückzug neu organisieren
Kostbarer Platz
Wie Unternehmen ihre Büroflächen besser nutzen können
Komfort mit Kontur
Wie Brunner mit ray executive den Konferenzsessel weiterdenkt
Hat man in der Hand
Wenn der Türgriff zur Entwurfsentscheidung wird
Gedächtnis der Materialien
Ausstellung über Stahl und Transformation von Wilkhahn
Farben als System
Brunner entwickelt modulares Farb- und Designkonzept
Oberfläche mit Haltung
Mosaik als Entwurfsmaterial
Erst Mensch, dann Fläche
Neustart für Activity Based Working
Bunt und metallisch
JUNG kooperiert mit Melon Breakers und DORNBRACHT
Textile Architektur
Bodenbeläge im Objektbereich als strategisches Gestaltungselement
Vom Möbel zur Infrastruktur
Warum das flexible Büro oft scheitert
Talentwettbewerb in der Arbeitswelt
Warum Büroplanung zum strategischen Erfolgsfaktor wird