Die Stadtkuratorin
Kinofilm über die Architektin Barbara Buser
Die Schweizer Architektin Barbara Buser zählt zu den konsequentesten Vorreiter*innen der Bauwende. Am 29. Oktober kam der Dokumentarfilm „Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit“ in die deutschen Kinos. Am 19. November spricht sie beim Klimafestival für die Bauwende in Berlin.
Barbara Buser (geboren 1954), Trägerin des Prix Meret Oppenheim, ist Mitbegründerin des sechzigköpfigen Architekturbüros in situ in Basel und mehrerer Partnerfirmen. Sie ist Chefin, Kompagnon, Kollegin, Hausbesitzerin und seit den 1980er-Jahren Mitgestalterin ganzer Stadtviertel. In all diesen und vielen weiteren Rollen wird die professionelle Bewahrerin von Bauten und Bauteilen in dem ruhigen, an vielen Orten aufgenommenen Film Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit gezeigt. Gedreht auf Schweizerdeutsch mit deutschen Untertiteln, lässt der Film viele Weggenoss*innen zu Wort kommen.
Pilgerschaft zu Barbara Busers Wirkstätten
„Ich entdeckte die Architektin Barbara Buser während meiner Recherchen rund um eine Caring Economy“, erklärt Filmautorin Gabriele Schärer. Die Berner Regisseurin ergänzt: „Als ich in Barbara Busers Kosmos eintauchte, stellte ich fest, dass sie ein ganzheitliches und transdisziplinäres Verständnis von Architektur hat. Sie und ihr Büropartner legen Wert darauf, dass es in ihren Firmen nicht um Profit geht. Ganz im Sinn einer Sorge gebenden Wirtschaft spricht Barbara Buser deshalb von einer ‚Stadtrendite‘.“
Im Film präsentiert Gabriele Schärer die Architektin als „Stadtkuratorin“, die sich „zusammen mit ihrem Büropartner Eric Honegger um ungenutzte Gebäude kümmert – seien es Fabrikareale, Markthallen oder Geschäftshäuser.“ Schärer hat in vielen dieser Lebensräume gedreht.
Franck Areal, Basel: Die Entwicklung eines Quartiers
Gleich zu Beginn des Films lernt das Publikum Barbara Buser kennen, wie sie eine Gruppe von Interessierten über das Franck Areal in Basel führt – einen stillgelegten Teil einer ehemaligen Senf- und Mayonnaisefabrik. Als Baurechtnehmer ist in situ beauftragt, hier ein neues Kulturquartier zu entwickeln. „Die Idee ist, dass alle Gebäude stehen bleiben“, erklärt Barbara Buser den Entwicklungsansatz der Besichtigungsgruppe im Film. „Wenn wir neue Fenster gestalten, dann wird das aus gefundenen Materialien sein. Wir wissen noch nicht, wie das aussieht, aber wenn wir was Tolles finden, dann zeichnen wir einen Entwurf und machen eine Baueingabe.“ Besichtigt wird sodann das Kreislaufhaus, ein Bestandteil des neuen Quartiers, in dem Start-ups rund um die Kreislaufwirtschaft entstehen. Schon jetzt gibt es auf dem Franck Areal (www.franckareal.ch) mehrere Interimsprojekte und eine lebendige Gastro-Kultur.
Gundeldinger Feld, Basel: Barbara Busers Quartier
Weiter geht es ins Gundeldinger Feld. Dieses Stadtquartier hat die Architektin auch in ihrer Rolle als Bewohnerin mit in situ erschlossen und entwickelt. Es wird als eines ihrer Meisterwerke angesehen. Hier ist das Baubüro in situ angesiedelt – und ganz in der Nähe Barbara Busers Wohnhaus: Die Kamera führt vorbei an einer offenen Garderobe und einer afrikanischen Holzfigur in einen langen Gang mit verschiedenen Fliesen- und Holzböden. Links sieht man ein niedriges Bücherregal, Bilder und Pflanzen. Auf der rechten Seite fällt der Blick in eine Küche, dann in einen Raum mit Ruhebett, das nur mit einem bunten Vorhang abgetrennt ist.
Barbara Busers Ästhetik erinnert hier an Interieurs urbaner Intellektueller, die es sich mit vollen Bücherregalen, Erbstücken und einigen modernen Möbeln gemütlich gemacht haben. Draußen im Garten berichtet Barbara Buser, wie sie dieses Haus des Großvaters durch eine intelligente Argumentation vor dem Abriss bewahrte – eine Gabe, die sie auch zur Rettung ganzer Fabrikgelände einsetzt. „Barbara trifft für jeden den richtigen Ton. Sie weiß, wie sie mit den Leuten sprechen und verhandeln muss“, sagt ihr Büropartner Eric Honegger später, als er im Industrial-Interieur des Büros von in situ interviewt wird.
K.118, Winterthur: Globaler Award auf der Architekturbiennale in Venedig
Zu den Höhepunkten der Karriere von Barbara Buser und in situ zählt die Auszeichnung des Projekts K.118 auf der Architekturbiennale in Venedig 2021 mit dem Global Holcim Foundation Award Gold for Sustainable Construction. Auf den Kopfbau einer historischen Halle setzte in situ eine dreigeschossige, rot schimmernde Aufstockung aus überwiegend wiederverwendeten Materialien. Im Inneren kamen Lowtech-Strategien zum Einsatz. Im Film erklärt Marc Angst, Experte für Wiederverwendung bei in situ: „Das Besondere an dem Gebäude ist nicht nur, dass wir mit wiederverwendeten Materialien gearbeitet haben. Erstmals haben wir für ein so hohes Gebäude im Kanton Zürich Stroh verwendet.“
Über den richtigen Zeitpunkt, gebrauchte Materialien zu ernten
Für die Kamera schraubt Marc Angst über den Dächern Winterthurs von außen ein Stück Wand auf und zeigt deren vier Schichten: erstens das rot gestrichene Außenblech aus Aluminium von einer Druckerei aus Winterthur, zweitens die neu erworbene brandschützende Gipsfaserplatte, drittens gepresste Strohballen direkt vom Feld. Die vierte, grau-grünliche Schicht ist in den Innenräumen zu sehen und besteht aus dem Lehm der Region Winterthur. Treppen und 80 Fenster des K.118 stammen aus dem alten, postmodernen Orion-Bürogebäude in Zürich. „Man muss zum richtigen Zeitpunkt zugreifen können“, erklärt Eric Honegger das diffizile Timing, wenn man mit gebrauchten Materialien arbeitet.
Headquarter von Transa, Zürich: Ortsbegehung mit der Bauteiljägerin
Dass das Lebenswerk bei in situ auch nach dem Ausstieg der Gründer*innen weitergeht, wird in dem Film ebenfalls deutlich. Zum Beispiel anhand der jungen Architektin Laia Sofia Meier, die erste Erfahrungen bei in situ als Bauteiljägerin in einer „Mine“– der interne Begriff für Rückbauprojekte – sammelte. Gemeinsam mit Barbara Buser stellt Laia Sofia Meier im Film die gebrauchten Materialien in einem Zero-Waste-Projekt vor, das 2022 zusammen mit dem Schweizer Travel- und Outdoor-Ausrüster Transa realisiert wurde. Die Kolleginnen zeigen, wie sie die heruntergehängten Decken des Baus herausgenommen und, in Stücke geschnitten, als Wände wiederverwendet haben.
CO₂-Reduktion first: Der Entwurf passt sich dem Bauteil an
Am Durchgang von einem Bürobereich zum anderen sagt Meier: „Hier sieht man sehr schön, wie sich der Entwurf an das Material anpassen musste. Wir hatten es mit einem sehr CO₂-intensiven Bauteil aus Stahl und Glas zu tun. Es lohnte sich also, das Element wiederzuverwenden.“ Besonders stolz ist Meier auf den Fund einer Forster-Küche, die im Transa-Büro verbaut wurde. In einer Siedlung in Altstätten stieß sie auf 80 dieser hochwertigen Schweizer Stahlküchen. Mit Nomol gibt es inzwischen auch ein Unternehmen, das sich nur um die Wiederverwendung dieser Küchen kümmert.
Der Film Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit zeigt nicht nur den erfolgreichen Lebensweg einer außerordentlichen Architektin, sondern bietet auch tiefgehende Informationen darüber, wie sich die Bauwende gestalten lässt – in einzelnen Gebäuden und in ganzen Stadtquartieren.
Barbara Buser beim Klimafestival:
Am 19. November 2026 hält Barbara Buser einen Vortrag beim Klimafestival für die Bauwende in Berlin. Programm und Tickets unter klimafestival.heinze.de.
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