Abschied vom Dauerlärm
Warum der Open Space in der Arbeitswelt ausgedient hat
Offene Räume sollten Teams näher zusammenbringen. Stattdessen treiben sie viele in den Rückzug. Ist das Großraumbüro am Ende? Kehrt das klassische Einzelbüro zurück? Und wie muss heute ein Office aussehen, in dem Menschen wieder gern zusammenarbeiten?
Das Versprechen von Großraumbüros klingt verlockend: maximale Flächeneffizienz, transparente Hierarchien und zufällige Begegnungen. Für Beschäftigte bringen die sogenannten Open Spaces jedoch meist Ernüchterung. Statt inspirierendem Austausch dominieren Ablenkung, Reizüberflutung und der Verlust jeglicher Privatsphäre. Seit der Coronapandemie, die das hybride Arbeiten für viele zum Standard gemacht hat, sehnen sich immer mehr Menschen nach ungestörtem Arbeiten in den eigenen vier Wänden. Doch wäre eine Rückkehr zum Einzelbüro die Antwort?
Um das Umdenken in der heutigen Arbeitswelt besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit: Der Trend zum Open Space entwickelte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts. Angetrieben durch ökonomischen Druck, technologischen Wandel und neue Management-Philosophien wurde Büroarbeit wie eine industrielle Produktion organisiert: Angestellte saßen in schier endlosen Reihen nebeneinander und malochten unter der Aufsicht ihrer Vorgesetzten.
Arbeitswelten im Umbruch
In den 1950er-Jahren brachten die deutschen Brüder Eberhard und Wolfgang Schnelle mit ihrem weltberühmten Konzept der „Bürolandschaft“ einen demokratischeren Ansatz in die Innenarchitektur der Arbeitswelt, der die starren Interiors durch organisch angeordnete Tischgruppen aufbrach.
Ein halbes Jahrhundert später führte die Entwicklung im Silicon-Valley-Boom der 2000er-Jahre zu sogenannten „Playground Offices“: Büros wurden seitdem immer öfter so entworfen, dass sich Wege zwangsläufig kreuzen, Führungskräfte neben Praktikant*innen sitzen und Besprechungsräume aus komplett verglasten Wänden bestehen, um maximale Zugänglichkeit zu signalisieren. Hinzu kamen Rutschen, Schaukeln, Tischtennisplatten oder bunte Sitzsäcke, die das Büro in einen wahren Spielplatz verwandelten.
Pandemie und Harvard-Realität
Einen kräftigen Dämpfer erfuhr der Hype um die kreativen Großraumbüros allerdings durch die Coronapandemie: Zum einen wurden Räume mit hoher Personendichte und gemeinschaftlich genutztem Mobiliar als Gesundheitsrisiko wahrgenommen, zum anderen erlebten Millionen Beschäftigte durch das erzwungene Großexperiment „Homeoffice“ erstmals, wie ungestörtes Arbeiten in den eigenen vier Wänden funktioniert.
Während die akustische und visuelle Ruhe zu Hause seitdem bei vielen für kognitive Entlastung sorgt, empfinden die Menschen das Arbeiten in Großraumbüros immer öfter als permanente Reizüberlastung. Mentaler Abstand wird lediglich durch das Tragen von Noise-Cancelling-Kopfhörern gewonnen – oder durch längeres Verweilen auf der Toilette.
Regelmäßige Beachtung findet in diesem Zusammenhang auch die bereits 2018 veröffentlichte Harvard-Studie mit dem Titel The Impact of the 'Open' Workspace on Human Collaboration. Sie liefert ein wissenschaftliches Ergebnis, das dem eigentlichen Ziel von Open-Office-Konzepten komplett widerspricht: Der Studie zufolge sanken nach dem Umzug in ein Großraumbüro die persönlichen Gespräche um rund 70 Prozent, während die digitale Kommunikation – selbst für einfache Absprachen – massiv anstieg.
Warum das Gestern keine Zukunft hat
Die Vorzüge des Homeoffice haben den Anspruch an die Qualität des physischen Arbeitsplatzes also deutlich erhöht. Nach Jahren des hybriden Arbeitens wollen viele Unternehmen ihre Beschäftigten allerdings wieder öfter im Büro sehen – und müssen Arbeitsraum nun völlig neu denken.
Die flächendeckende Rückkehr zum klassischen Einzelbüro wäre für die Büroarchitektur jedoch ein organisatorischer und räumlicher Rückschritt. Einzelbüros verbrauchen enorm viel Grundfläche und damit Ressourcen, die Unternehmen finanziell nicht (mehr) aufbringen können oder wollen.
Aber auch die Ära des kompromisslosen Großraumbüros ist endgültig vorbei. Das starre Konzept, bei dem möglichst viele Schreibtische auf einer Fläche aneinandergereiht werden und lediglich kleine Telefonboxen als temporäre Ausweichstelle für vertrauliche Gespräche dienen, gilt in der modernen Arbeitsweltarchitektur als überholt. Wie sollen Büroräume also heutzutage konzipiert werden?
Vielfalt statt Einheitsgröße
Die Antwort auf das klassische Großraumbüro ist keine Pendelbewegung von einem Extrem ins andere, sondern ein dynamisches Ökosystem. Statt starrer Großraumstrukturen gliedert sich das Büro der Zukunft in präzise definierte Zonen: Schalldichte Mikrobüros und geschlossene Fokus-Räume bieten einen Rückzugsort für Konzentrationsaufgaben und vertrauliche Gespräche. Demgegenüber stehen offene Flächen für Teamarbeit und einladende Social Hubs, die den interdisziplinären Austausch fördern.
Flankiert wird dieses flexible Raumkonzept von einer durchdachten Akustikplanung, die Lärm als zentralen Stressfaktor minimiert, sowie einer naturorientierten Raumgestaltung mit natürlichem Tageslicht, Holz und Pflanzen, die das mentale Wohlbefinden stärkt.
Zusammenfassend könnte man das Büro der Zukunft also mit einer gut sortierten Garderobe vergleichen: Für jede Aufgabe gibt es das passende Teil, alles lässt sich neu kombinieren, und im Mittelpunkt stehen stets die Bedürfnisse der Menschen, die dort arbeiten.
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