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Ankommen und bleiben

Wie Vitra und Artek Gastfreundschaft gestalten

Was macht einen Ort gastfreundlich? Nicht nur Hotels und Restaurants, sondern auch Health Resorts und Pflegeeinrichtungen nutzen Hospitality heute als Gestaltungsprinzip. Vier Projekte von Vitra und Artek zeigen, wie Möbel, Materialien und räumliche Organisation Orientierung, Komfort und Identität schaffen.

von Stephan Redeker, 19.08.2026

Noch bevor ein Gespräch beginnt, entscheidet der Raum darüber, ob Menschen sich willkommen fühlen. Licht, Materialien, Gerüche und Möbel vermitteln in wenigen Augenblicken, ob ein Ort zum Verweilen einlädt oder kühl und distanziert wirkt. Für diese Qualität hat sich der Begriff Hospitality etabliert. Ursprünglich stammt er aus der Hotellerie und bedeutet wortwörtlich „Gastfreundschaft“.

„Räume kommunizieren permanent mit uns, auch ohne Worte“, sagt Corina Meroth, Director Hospitality beim Schweizer Designmöbelhersteller Vitra. Entscheidend sei nicht allein die ästhetische Wirkung, sondern eine Gestaltung, die intuitiv funktioniert und unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigt. Wie sich dieser Anspruch umsetzen lässt, zeigen Projekte von Vitra und Artek aus Health, Care und Gastronomie.

Ruhe als Teil der Architektur
Im Lanserhof Sylt verschmelzen Architektur, Gesundheit und Interior zu einem Gesamtkonzept. Das von ingenhoven associates entworfene Health Resort versteht Regeneration nicht allein als medizinische Leistung, sondern als räumliches Erlebnis: Große Verglasungen öffnen den Blick in die Dünenlandschaft, natürliche Materialien und eine reduzierte Formensprache sorgen für ein harmonisches Gesamtbild.

Die Möblierung unterstützt diesen Ansatz mit gemütlichen Sitzgelegenheiten und klar definierten Rückzugsorten. „In einem Umfeld wie dem Lanserhof müssen Möbel höchste Anforderungen an Komfort, Ergonomie und Langlebigkeit erfüllen und gleichzeitig eine ruhige, leichte Atmosphäre schaffen“, so Meroth. Entscheidend sei das Zusammenspiel von Funktion und Ästhetik.

Gastlichkeit im Care-Bereich
Dass Hospitality-Prinzipien auch im Care-Bereich an Bedeutung gewinnen, zeigt illerSENIO. Die Einrichtung für ältere Menschen versteht sich nicht als klassische Pflegeinstitution, sondern als Lebensraum: Aufenthaltsbereiche fördern Austausch, Rückzugsmöglichkeiten sichern Privatsphäre und die Möbel orientieren sich stärker am Charakter eines Wohnhauses als an einer institutionellen Umgebung.

Hier wird deutlich, dass Gastlichkeit nicht vom Anlass eines Aufenthalts abhängt. Vielmehr entsteht sie dort, wo Räume Orientierung, Sicherheit und Selbstbestimmung fördern. Angesichts des demografischen Wandels gehe es zunehmend darum, Lebensräume statt Pflegeeinrichtungen zu gestalten, sagt Meroth: Design müsse „Sicherheit vermitteln, ohne fürsorglich zu wirken, und Geborgenheit bieten, ohne an Eigenständigkeit einzubüßen“.

Bühne für die Kulinarik
Im Düsseldorfer Restaurant La Vie werden die Vitra-Möbel Teil einer präzise komponierten räumlichen Dramaturgie. Das von Kitzig Design Studios gestaltete Interior lebt von markanten Materialien und Natursteinobjekten. Die Sitzmöbel treten dagegen bewusst zurück und schaffen eine Bühne für Architektur und Kulinarik.

Herzstück ist die Vitra-Stuhlfamilie Mikado von Edward Barber und Jay Osgerby. Die erstmals in Barhöhe realisierte Ausführung des Produkts ergänzt die Stühle, Lounge-Sessel und Tische zu einem durchgängigen Konzept. „Die Einrichtung des La Vie folgt der Handschrift der Küche: präzise, klar und sinnlich“, beschreibt Meroth den Ansatz. Mikado funktioniere dabei wie eine „Leinwand“, die die Wirkung der Materialien unterstreiche, statt mit ihnen zu konkurrieren.

Unterschiedliche Charaktere
Hospitality folgt keiner einheitlichen Designsprache. Das Restaurant Müllers auf Norderney zeigt, wie unterschiedlich diese aussehen kann. Dort prägen die warmen Holzoberflächen und das indirekte Licht von Artek-Produkten den Gastraum. Möbel und Leuchten verleihen dem Restaurant eine zurückhaltende, nordisch inspirierte Atmosphäre, die den Charakter des Ortes unterstreicht, ohne sich aufzudrängen.

Für Meroth liegt darin die Stärke des Portfolios: Unterschiedliche Hospitality-Konzepte verlangen nach eigenen gestalterischen Antworten. Während Vitra ein heterogenes Produktportfolio aus Klassikern von beispielsweise Charles und Ray Eames, Jean Prouvé oder Verner Panton und aus Entwürfen zeitgenössischer Designer*innen pflegt, eröffnet Artek mit nordischer Formensprache und Materialität andere Möglichkeiten, die Identität eines Ortes zu betonen.

Langfristig denken
Neben Atmosphäre und Komfort gewinnt die Lebensdauer der Ausstattung in Hospitality-Projekten an Bedeutung. Hotels, Restaurants und öffentliche Einrichtungen nutzen Möbel intensiv. Entsprechend wichtig sind belastbare Materialien, Reparierbarkeit und die Möglichkeit zur Wiederaufbereitung.Für Planer*innen wird damit die Lebenszyklusbetrachtung ebenso wichtig wie Anschaffungskosten und ästhetische Fragen. Kreislauffähige Lösungen und Angebote wie „Vitra Circle for Contract“ reagieren auf die wachsende Nachfrage nach langlebigen, wiederverwendbaren Einrichtungskonzepten.

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