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Gedächtnis der Materialien

Ausstellung über Stahl und Transformation auf der Milan Design Week 2026 von Wilkhahn

Ausgehend von seinem für die Kreislaufwirtschaft entwickelten WiChair präsentierte Wilkhahn während der Milan Design Week 2026 die Ausstellung „What the surface remembers". Im Zentrum steht Stahl als Medium von Transformation, in dem industrielle Präzision auf künstlerische Interpretation trifft.

von Kathrin Spohr, 04.05.2026

Im Kleinen zeigt sich oft das Große. So auch beim kürzlich vorgestellten, zirkulären Bürostuhl WiChair von Wilkhahn. Sein zentrales Element ist eine einzelne Schwinge aus Stahl. Dieses Konstruktionsteil macht den Drehstuhl besonders kompakt, komfortabel und nachhaltig: Die Stahlschwinge ermöglicht die dreidimensionale Beweglichkeit beim Sitzen und ersetzt dabei komplexe Mechaniken. So wird das Konstruktionsprinzip des Sitzmöbels radikal vereinfacht, sein minimalistischer Look definiert und zugleich Reparierbarkeit, Lebensdauer und Recyclingfähigkeit maßgeblich verbessert.

Genau dieses Stahlgestell bildete den Ausgangspunkt der Ausstellung What the surface remembers, die während der Milan Design Week gezeigt wurde. Sie ging der Frage nach, wie Materialien auf Zeit, Nutzung und Umwelt reagieren und was diese Veränderungen über Gestaltung aussagen. Positionen der japanischen Künstlerin Aya Sasakura und des deutschen Fotografen Frank Schinski rundeten diese Auseinandersetzung ab.

Spuren statt Perfektion
Mitten im belebten Brera-Viertel, in einem typischen historischen Stadthaus, entfaltete sich die Ausstellung in zwei ineinander übergehenden Raumbereichen. Anstatt eines perfekten „White Space“ bezog die Inszenierung die Spuren vorheriger Raumnutzungen bewusst ein – etwa durch von Farbresten geprägte Wände.

Der Rundgang begann an einem Wandboard: Einzelteile des Bürostuhls WiChair in rohem Stahl, die die Vielfalt seiner Oberflächen sichtbar machten. „Wir wollten zeigen, wie der Werkstoff auf unterschiedlichste Kräfte reagiert und diese visuell erfahrbar macht. Daher zeigen wir die rohen Stahlelemente mit allen Spuren des Entstehungsprozesses – egal ob Schleiftexturen, Hitzeeinflüsse oder Roststellen durch Feuchtigkeit", erklärt Alina Schnizler, Designerin bei Wilkhahn. „Diese wurden lediglich transparent versiegelt, um sie in ihrem jeweiligen Bearbeitungszustand quasi einzufrieren.“

Technischer Werkstoff, elegantes Material
Sofort fiel der Blick auf zwei große, organisch geformte Objekte aus hochglanzpoliertem Edelstahl. Sie hingen nebeneinander an einer Wand und trugen jeweils eine dunkle, raue Stelle aus eingebranntem Ton. „ebb“ und „full“ stammten von der japanischen Künstlerin Aya Sasakura und erinnerten an Fragmente einer Welle. Typisch für ihre Arbeiten ist ein Umgang mit Stahl, der das Material fließend erscheinen lässt. „Edelstahl hat das Potenzial, Meer zu werden – so glaube ich. Ob durch Erhitzen, Hämmern, Brennen oder Polieren ausgelöst: Edelstahl reagiert auf meine bewussten Handlungen", erklärt die Künstlerin. Aufgewachsen in Japan direkt am Meer, prägt diese Erfahrung sie bis heute. Entdeckt wurde Sasakura von Alina Schnizler über die Plattform Behance, wo Schnizler gezielt nach Kreativen suchte, die mit Stahl arbeiten. „Ich habe mich sofort in die Skulpturen verliebt. Sasakura vereint Gegensätze – hochglänzend polierte wie auch raue Oberflächen. Sie verformt das für uns eher technische Material so, dass es weich und fließend wirkt."

Beständigkeit, Vergänglichkeit
Gegenübergestellt waren den Arbeiten der WiChair aus rohem Stahl in zwei Zuständen: einmal als „reines“ Industrieprodukt mit sichtbaren Spuren der Fertigung und transparent versiegelt, um diesen Zustand zu konservieren. Und daneben derselbe industriell gefertigte Stuhl als natürlich gealtertes Objekt ohne Versiegelung und daher mit oxidierter Oberfläche. Hier wurde das Zusammenwirken von Mensch, Maschine und Natur schnell deutlich: Bereits nach nur vier Tagen im Freien war der Stuhl vollständig von einer rostigen Patina überzogen – eine Farbigkeit, die in subtiler Harmonie mit den Farbresten an den Wänden stand.

Die Differenz zwischen den beiden Zuständen der Stühle erzählte dabei keine klassische Vorher-Nachher-Dramaturgie, sondern vielmehr von einem offenen Spannungsfeld zwischen präziser Ingenieurskunst und der natürlichen Veränderung von Materialien und Oberflächen. Der Stuhl wurde damit Träger von Prozessen, und Stahl zugleich funktionales wie „lebendiges“ Medium des Designs.

Momentaufnahmen und Stillstand
Ergänzt wurde die Ausstellung im zweiten, hinteren Raum durch vier großformatige Fotografien von Frank Schinski. Auf andere Art und Weise griffen sie das Konservieren von Zuständen auf: Schinskis Arbeiten dokumentierten Spuren eines gelebten Alltags in einem Landhaus in der Toskana, das mitsamt den zurückgelassenen Gegenständen der ursprünglichen Bewohner vererbt wurde und nun von Stillstand geprägt ist. Ein Bild machte diesen Zwischenstand besonders deutlich: Es zeigte zwei Stühle in einer Zimmerecke – einander zugewandt, als säßen dort zwei Menschen. Schinski, der seit Langem mit Wilkhahn kooperiert, zeichnet sich durch eine ruhige, präzise Dokumentarfotografie aus. „Ich hatte das Gefühl, etwas bewahren und gleichzeitig verstehen zu wollen. Die Dinge erzählten von einem Leben, das sich im engen Radius eines abgelegenen Dorfes abspielte", so Schinski. Auch hier traten die Farbwelten der Fotografien in Verbindung zum warmen Kolorit des Ausstellungsraums und des patinierten Stuhls.

Plädoyer für das Prozesshafte
Am Ende blieb weniger ein abgeschlossenes Narrativ als ein offener Blick: Zwischen der Klarheit industrieller Präzision und der Poesie natürlicher Patina entfaltete sich ein Bild davon, wie unterschiedliche Oberflächen auf verschiedenste Weisen zu Trägern von Geschichte werden. Wilkhahn gelang damit ein Beitrag, der durch subtile Tiefe überzeugte – und gerade dadurch im Kontext der Milan Design Week 2026  nachhaltig wirkte. So ist What the surface remembers ein Plädoyer für die Schönheit von purem Material, für Transformationsspuren und Zwischenstände – sei es durch vergangene, aktuelle, industrielle, handwerkliche oder natürliche Prozesse.

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