Stories

Mit Arne Jacobsen am Strand

von Claudia Simone Hoff, 16.10.2007


Es ist Herbst. Die Blätter färben sich und eine gewisse Melancholie breitet sich aus. Genau die richtige Stimmung, um nach Klampenborg zu fahren. Klampenborg liegt ein paar Kilometer nördlich von Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen, direkt am Øresund. Dort, am berühmten Strandvejen mit seinen kleinen Orten und Villen und bevorzugter Nobel-Wohnort der Kopenhagener, liegt ein Architektur- und Designjuwel von Arne Jacobsen (1902 – 1971): das Anfang der 1930er Jahre entworfene Seebad Bellevue mit einer dazugehörigen Wohnsiedlung, dem Bellevue-Theater, einer Reitanlage und einem Restaurant. Von hier aus genießt man einen wunderbaren Ausblick auf Strand, Meer und die schwedische Küste.
Ja es stimmt, im Herbst ist es zum Baden schon zu kalt. Dafür hat man den Strand und die Badeanlage aber auch fast ganz für sich allein. Nur ein paar waghalsige, wetterfeste Dänen genießen noch die letzten Sonnenstrahlen und schauen versonnen auf die blau-weiß gestreiften Rettungsschwimmer-Türme. Einige Sonnenhungrige legen sich auch gleich auf die hölzernen Badestege, während andere sich am breiten Sandstrand oder zwischen den Umkleidekabinen aufhalten.
Von Umkleidekabinen, gestreiften Türmchen und designten Eistüten
Die Bauaufgabe bestand darin, ein Strandbad mit Umkleidekabinen, Sanitäranlagen, Schließfach-Räumen, Kiosken, Zelten, einem Klubhaus für Kajakfahrer und Rettungsschwimmer-Türmen zu errichten. Obwohl die Anlage unter Denkmalschutz steht, ist der Erhaltungszustand marode. Weiß ist die vorherrschende Farbe, auch die der dahinter liegenden Wohnsiedlung, die sich mit Restaurant und Theater hinter dem Strand empor türmt und auch heute noch modern wirkt, insbesondere durch die horizontale Ausrichtung und geometrischen Grundformen. Der Bau der Anlage entsprang der Notwendigkeit, Umkleidemöglichkeiten für die badenden Ausflügler zu schaffen, denn allzu große Freizügigkeit der Städter am Strand wurde von den Behörden nur ungern gesehen.

Seit dem Bau der S-Bahn 1934 und der Errichtung eines Schiffspendelverkehrs von Kopenhagen nach Klampenborg ist der Ort eine beliebte Sommerfrische – auch heute fahren, radeln oder skaten viele Kopenhagener den Strandvejen entlang. Zur Errichtungszeit des Strandbades war es in einen unendgeldlichen südlichen Abschnitt und einem kostenpflichtigen nördlichen Abschnitt unterteilt. Dafür konnte man die Infrastruktur des Bades nutzen. Dieses unterschied zwischen einem Männer- und Frauen-Bereich, der aus jeweils sechs Flügeln mit je 16 Umkleidekabinen bestand. Am kurzen Ende dieser sechs Flügel war jeweils ein Duschraum mit zwei Bänken an den Seiten untergebracht. Umkleidekabinen und die in den Hang gebauten Schließfach-Räume waren aus einer verputzten Beton-Konstruktion errichtet. Jacobsen entwarf nicht nur die Architektur der Strandanlage, sondern kümmerte sich um jedes noch so kleine Entwurfsdetail: Eintrittskarten, Saison-Pässe und sogar das Eispapier, mit dem das Eis umhüllt war, das auf dem Grundstück verkauft wurde, tragen seinen Gestalter-Stempel.
Die Wohnsiedlung „Bellevue“, die sich hinter dem Strand erhebt, umfasst insgesamt 68 Apartments, die als Ein-, Zwei- oder Drei-Zimmerwohnung gestaltet waren. Ganz wie das moderne Äußere war auch das Innendesign der Wohnungen in das Gesamtkonzept integriert, gut durchdacht und mit dem damals aktuellen Wohnstandard versehen. So wurden beispielsweise der Herd und der Kühlschrank elektrisch und nicht mit Gas betrieben. Die Konstruktion des fast futuristisch anmutenden Gebäudes mit den abgerundeten Balkonen und großen Fensterfronten besteht überraschenderweise aus verputztem Ziegelmauerwerk und nicht aus Beton.
In die Wohnanlage integriert ist das Restaurant „Jacobsen“, in dem man nach einem Strandspaziergang einen Kaffee trinken oder etwas essen kann. Eingerichtet ganz im Stil des dänischen Designers sitzt man auf lederbezogenen braunen Jacobsen-Stühlen der Serie „3107“ (1955), trinkt aus Gläsern des Schweizer Designers Alfredo Häberli und isst Hering oder Hühnchen mit Jacobsens 1958 für Georg Jensen entworfenen Besteck „AJ“. Zwar ist dies nicht unbedingt praktisch, dafür aber ein echter Augenschmaus, genau wie die gesamte Inneneinrichtung. Das Restaurant war ursprünglich als ein Sommer- und ein Winter-Restaurant gestaltet, bis der Architekt Niels Rohweder das Sommer-Restaurant 1952 in private Räume umwandelte. Das heutige Restaurant „Jacobsen“ befindet sich im ehemaligen Winter-Restaurant.
Ein Ei, ein Schwan und eine Ameise
Arne Jacobsen arbeitete an der Idee eines Gesamtkunstwerks: Seine Aufgabengebiet als Gestalter reichte von Architektur und Innendesign bis hin zu Garten- und Landschaftsgestaltung. Projekte wie das Kopenhagener SAS-Hotel (1958 – 1961) sind ein Beispiel für diesen Anspruch: Hier designte er nicht nur die Hochhausarchitektur des Hotels, sondern auch die gesamte Einrichtung, von der Lobby bis zu den Zimmern. Für dieses Projekt entstanden auch seine berühmten Sessel „Ei“ und „Schwan“. Jacobsens Renommee als Architekt stützt sich neben dem SAS-Hotel, der Wohnsiedlung „Bellevue" (1933/34) und dem Bellevue-Theater (1935/36) vor allem auf Bauten wie den Reihenhäusern in Klampenborg (1956) oder der dänischen Nationalbank in Kopenhagen (1965). Seine klare Architektursprache ist ausgerichtet an Geometrie und Material, während seine berühmten Möbelentwürfe aus den 1950er Jahren wie der Stuhl „Ameise“ oder die erwähnten Sessel „Schwan“ und „Ei“ sich durch eine organische Formgebung auszeichnen.
Jacobsens Erbe ist auch heute noch prägend für die dänische Architektur- und Designszene. Bei einem Ausflug nach Klampenborg lassen sich viele Kunststücke des Designers auf einmal entdecken. Sollte auf dem Weg dorthin der Benzinvorrat zur Neige gehen, kann man in Skovshoved Havn in Charlottenlund stilvoll tanken: Denn dort entwarf Jacobsen 1936 eine Tankstelle für Texaco mit weit auskragendem Dach, die neugierig auf mehr macht.
Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Restaurant Jacobsen

www.restaurantjacobsen.dk

Bellevue Teatret

www.bellevueteatret.dk

Mehr Stories

Technik-Upgrade für den Wohnraum

News und Trends von der Elektronikmesse IFA

News und Trends von der Elektronikmesse IFA

Salone del Mobile 2022

Unsere Highlights aus Mailand

Unsere Highlights aus Mailand

Arbeitsräume der Zukunft

Brunner stellt die Onlineplattform Future Works vor

Brunner stellt die Onlineplattform Future Works vor

Best-of Bad 2022

Sanitärobjekte, Armaturen, Möbel & Accessoires

Sanitärobjekte, Armaturen, Möbel & Accessoires

Mission Nachhaltigkeit

Über Nachhaltigkeit und zirkuläres Wirtschaften bei GROHE

Über Nachhaltigkeit und zirkuläres Wirtschaften bei GROHE

Badezimmer nach Maß

Flexible Badlösungen BESPOKE von LAUFEN für mehr Individualität

Flexible Badlösungen BESPOKE von LAUFEN für mehr Individualität

Diven mit Tiefgang

Die Trends der Keramikmesse Cersaie 2021

Die Trends der Keramikmesse Cersaie 2021

Zeitloser Funktionalismus

Mid-Century in der zeitgenössischen Innenarchitektur

Mid-Century in der zeitgenössischen Innenarchitektur

Supersalone 2021

Die Highlights aus Mailand

Die Highlights aus Mailand

Maßstab Mensch

Rückblick auf unsere Veranstaltung zu Themen der Innenarchitektur

Rückblick auf unsere Veranstaltung zu Themen der Innenarchitektur

Schwarze Magie im Bad

Dunkler, matter Farbtrend für Wannen & Co

Dunkler, matter Farbtrend für Wannen & Co

Renaissance der Schalter

Zukunftsgerichtete Gebäudetechnik jenseits des Smart Home

Zukunftsgerichtete Gebäudetechnik jenseits des Smart Home

Best-of Salone del Mobile

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Material der Wahl

Vier Designstudios und ihre aktuellen Werkstofffavoriten

Vier Designstudios und ihre aktuellen Werkstofffavoriten

Metallische Metamorphosen

Interiors mit Aluminium, Stahl & Co

Interiors mit Aluminium, Stahl & Co

Fliese, Fliese an der Wand

Fünf Designstudios stellen ihre Lieblingsfliese vor

Fünf Designstudios stellen ihre Lieblingsfliese vor

Neustart in Mailand

Streifzug durch die Milano Design City 2020

Streifzug durch die Milano Design City 2020

German Design Graduates 2020

Award geht in die zweite Runde

Award geht in die zweite Runde

Berührungslos im Bad

Lösungen von Vola für ein Händewaschen ohne Ansteckungsrisiko

Lösungen von Vola für ein Händewaschen ohne Ansteckungsrisiko

Bad, Bette, bunt

Auf Entdeckungsreise mit Farben in allen Schattierungen

Auf Entdeckungsreise mit Farben in allen Schattierungen

Wie Vola die Farbe ins Badezimmer brachte

Der dänische Hersteller als Trendsetter

Der dänische Hersteller als Trendsetter

Salone del Mobile 2020 wird verschoben

Mailänder Möbelmesse findet im Juni statt

Mailänder Möbelmesse findet im Juni statt

Best-Of Materialien: Bad mit Persönlichkeit

Jenseits der funktionalen Nasszelle: unsere fünf Materialfavoriten im Bad.

Jenseits der funktionalen Nasszelle: unsere fünf Materialfavoriten im Bad.

Blauer Hoffnungsträger

Vom Umweltgift zum Wertstoff: Wie EOOS unsere Toilette revolutioniert.

Vom Umweltgift zum Wertstoff: Wie EOOS unsere Toilette revolutioniert.

Making of: Badetuch

Wir sind nach Portugal gereist, um zu sehen, wie ein Frottierhandtuch entsteht.

Wir sind nach Portugal gereist, um zu sehen, wie ein Frottierhandtuch entsteht.

ISH 2019: Not so Bad

Die Weltleitmesse der Sanitärbranche zeigt: Das Bad ist im Wohnzimmer angekommen.

Die Weltleitmesse der Sanitärbranche zeigt: Das Bad ist im Wohnzimmer angekommen.

Wasser und Wohlbefinden

Kurzfilm von Vola über das flüssige Element im Design

Kurzfilm von Vola über das flüssige Element im Design

Glitter, Glamour und Schimmer im Badezimmer

Bette fällt mit einer üppigen Farbpalette auf

Bette fällt mit einer üppigen Farbpalette auf

Wiederbelebt

Materialrecycling des dänischen Herstellers Vola

Materialrecycling des dänischen Herstellers Vola

Zuhause bei Vola

Eine Hommage an die Mitarbeiter des dänischen Armaturenherstellers

Eine Hommage an die Mitarbeiter des dänischen Armaturenherstellers