Stories

Schaukeln und streicheln

Der 16. Designers' Saturday in Langenthal

von Jeanette Kunsmann & Stephan Burkoff, 08.11.2016

Riesenhafte Marionettentiere aus Armlehnen und Sitzschalen, schaukelnde Stühle und eine singende Waschmaschine: Der 16. Designers' Saturday in Langenthal war wie ein Parcours bei Alice im Wunderland und bewies auf seiner Suche nach dem „Making of Design“ den richtigen Swing.

Wenn sich der noch junge November über die Straßen und Felder des Schweizer Mittellands legt, und die Shuttlebusse durch die Kreisverkehre wippen, lockt wieder der Designers' Saturday nach Langenthal. Fünf Unternehmen aus der Glas-, Holz- und Textilindustrie inszenieren hier seit 1987 in ihren Produktionshallen zusammen mit anderen Firmen und Ausstellern Räume, Ideen sowie neue und bekannte Produkte. Dabei entsteht alle zwei Jahre ein eigenes Ausstellungsformat, das weder Messe noch eine Designbiennale ist, und sowohl Architekten, Designer und andere Kreative anzieht, als auch für Familien, Freunde und Schulklassen ein Ausflugsziel ist. Um die 15.000 Besucher zählte man am vergangenen Wochenende: etwas mehr als die Einwohner der Gemeinde im Schweizer Kanton Bern. Diese verteilten sich auf sechs Stationen und die Busse fuhren von der Teppichmanufaktur Ruckstuhl zu Glas Trösch, machten Halt bei Girsberger, fuhren weiter zum Textilhersteller Création Baumann und dem Sitz von Hector Egger Holzbau, um schließlich die Besucher wieder ins „City Center“ zu bringen.

Dort, auf dem Dachboden des Mühlehofs, erwartete einen die Installation A breathing grid, eine Kooperation zwischen USM und Studierenden der HEAD Genève, die die Module der Stahlrohrmöbel in ein kubistisches Wesen verwandelten und damit einen neuen, frischen Blick auf das etablierte Möbelbausystem aus den Sechzigerjahren eröffneten. Am Standort Ruckstuhl waren es Bachelor-Studierende der Ecal Lausanne, die allein mit Filzteppichen eine eigensinnige Märchenwelt aus monochromen Flächen in Thomas-Demand-Ästhetik geschaffen haben. Für die filzig-flauschige Oase aus Palmen, Ferngläsern, einer Hütte und Dromedaren, die man wie einen großen Hund hinter sich herziehen und streicheln konnte, erhielt die Ecal den Designers' Saturday Gold Award in der Kategorie „Carte Blanche“: einmal für die Leidenschaft, mit der die Studierenden an das Projekt herangegangen sind, und einmal für die „witzige Weise“, mit der sie die vielseitigen Möglichkeiten zur Verwendung des Materials Filz aufgezeigt haben, so das Statement der Jury.Bei Ruckstuhl entführte eine weitere Installation in eine andere Welt: Die Schweizer Stuhlmanufaktur Horgenglarus verzauberte die Besucher mit sechs Riesen und einem Zwerg, die der Architekt Stephan Hürlemann aus diversen Stuhlelementen wie Armlehnen, Stuhlbeinen und Rückteilen der Neueditionen von Hans Bellmann entwickelt hat. Die fantastischen Tierwesen hingen wie übergroße Marionetten an Seilen und ließen sich per Zug zum Leben erwecken – für diese „poetische und auch lustige Auseinandersetzung mit den Produkten von Horgenglarus“ gab es den Silver Award in der Kategorie „XL“. Gold erhielten übrigens – und das vielleicht nicht ganz so verdient, wie es eigentlich sein sollte – die Stuhlschaukeln von Dietiker, inszeniert von dem Züricher SDF Design Studio von Benjamin Moser und Debora Biffi in einer Halle des Möbelherstellers Girsberger. Die Jury überzeugte die „einfache Idee“ dieser „effektvollen Produktinszenierung“: Herbstlaub bedeckte den Boden, darüber schwangen verschiedene Stühle von Dietiker in neuen Le-Corbusier-Farben die Besucher in die Luft. Schaukeln befreit den Kopf und so wundert es nicht, dass auch andere Aussteller ihre Bänke und Leuchten zu Schaukeln umfunktioniert haben, um sie erlebbar werden zu lassen. Wer nicht nur schaukeln wollte, konnte bei Intertime auf einem Stuhl- und Sessel-Karussell fahren. Entworfen vom Atelier Oï bewegten sich die Besucher hier im Kreis, natürlich nicht ohne eine Tüte Popcorn, die in den Werkhallen der Création Baumann Jahrmarktstimmung aufkommen ließ. Ein Kettenkarussell wäre sicher aufwendiger, aber auch ein stärkeres Bild gewesen.

Es gab auch ruhigere Momente: Mit seiner Installation für Kvadrat Soft Cells in der Produktionshalle von Girsberger hat der Designer Moritz Schmid einen Raum im Raum mit einer stark gedämpften Akustik geschaffen: Den ovalen, schwebenden Raum aus den farbigen Soft Cells-Elementen würdigte die fünfköpfige Fachjury mit dem Bronze Award in der Kategorie „M“. Ein weiterer der insgesamt zwölf Preise ging an die museale Inszenierung von INCHfurniture, die mit puppenhausgroßen Modellen den Entstehungsprozess der Möblierung für Projekte wie dem Christ & Gantenbein-Neubau des Kunstmuseums Basel verbildlichten.Eigentlich ähnele der Designers' Saturday einem großen Theater, das auf einer Vielzahl von Schauplätzen spielt, wo die Zuschauer miteinbezogen werden und sich unversehens selber auf der Bühne finden, meint die Architektin Elisabeth Boesch, die 2016 zum dritten Mal Mitglied des Auswahlgremiums war. Wie unterschiedlich sich die Geschichte eines Produkts erzählen lässt, hat die 16. Ausgabe des Designers' Saturday mal wieder gezeigt. Und so passt es auch, wenn Bauknecht am Ausgang von Glas Trösch seine superleise Waschmaschine singen ließ (Bronze in der Kategorie „XL“). Dornbracht und Alape überraschten die Besucher mit Bubble Clouds: Der Züricher Szenograf Simon Husslein ließ dazu Schaumblöcke, im wechselnden Rhythmus aus leuchtenden Stelen ausgestoßen, in die Dunkelheit des Ausstellungsraums schweben – eine sich wiederholende Geste zum Ritual der Reinigung.

Das Thema „The Making of Design“ ernst genommen hat der Designer Stefan Westmeyer bei Girsberger. Ein wahrer Zettelwald an Ideen erwartete hier die Besucher – eine Sammlung von Skizzen, die Designer und Architekten in Projekten für das Unternehmen angefertigt haben. Zudem nutze das seit 127 Jahren existierende Unternehmen die Gelegenheit, um eine waschechte Neuheit in seinen Räumen zu präsentieren, den von Jonathan Prestwich entworfenen Bürostuhl Linq. Für Création Baumann hat der Designer Benjamin Thut aus Garn eine textile Architektur entstehen lassen, die den Raum mehr und mehr erobert und die Besucher mit Fäden und Garnspulen, Licht und Bewegung mit auf eine Reise nimmt. Der Stoff der besten Geschichten ist auch in Langenthal immer die Idee.

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Girsberger

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USM

Das USM Möbelbausystem Haller wurde zwischen 1962 und 1965 entwickelt. Der bekannte Klassiker wird in der Bürowelt, in öffentlichen Bauten wie auch im privaten Bereich eingesetzt. Die Ende 2001 erfolgte Aufnahme in die Design-Sammlung des Museums of Modern Art MoMA in New York (USA) ist eine hohe Auszeichnung und bestätigt den Kunst-Charakter des Produkts.

Zum Showroom

Création Baumann

www.creationbaumann.com

Glas Trösch

www.glastroesch.de

Hector Egger Holzbau

www.hector-egger.ch

Ruckstuhl

www.ruckstuhl.com

Designers' Saturday

www.designerssaturday.ch

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