Stories

160 Jahre Ligne Roset

Von der Sonnenschirm-Manufaktur zur Designmarke

Ligne Roset feiert 2020 sein 160-jähriges Bestehen. Über 70 Designer*innen – bekannte Namen wie junge Talente – arbeiten aktuell für den französischen Möbelhersteller. In fünfter Generation steuert das Familienunternehmen weiter nach vorne.

von Norman Kietzmann, 16.12.2020

Das Wörtchen „Ose“ steht im Französischen für einen Imperativ: „Wage es!“. Antoine Roset hatte das Glück, dass ihm diese drei Buchstaben sogar in den Namen geschrieben wurden. Nach der Pfeife anderer zu tanzen, kam für den jungen Forstwirt nicht in Frage. Also gründete er 1860 im Ort Montagnieu einen kleinen Betrieb zur Holzverarbeitung. Der in den Ausläufern des Juragebirges entspringende Fluss Brivaz lieferte genügend Wasser, um die Schaufelräder der Säge anzutreiben. Das Holz kam aus den umliegenden Wäldern. Dass daraus einmal die weltbekannte Marke Ligne Roset werden sollte, war anfangs nicht zu erahnen. Zumal das Unternehmen zunächst keine Möbel, sondern Griffe für Sonnenschirme und Gehstöcke produzierte.

Aus der Region in die Welt
Das Geschäft florierte und schon bald wuchs die kleine Manufaktur auf 30 Mitarbeiter an. Als Sonnenschirme in den 1890er-Jahren langsam aus der Mode kamen, sattelte Antoine Roset in ein weiteres Segment um: Er fertigte Bauteile für Holzstühle wie Sprossen oder Beine. Schließlich ging er dazu über, ganze Stühle aus Holz zu fertigen. Antoine Rosets Sohn Emile begann 1893 mit der Entwicklung erster Polstermöbel – und gab damit eine entscheidende Richtung vor. In den Fünfzigerjahren trat mit Jean Roset die dritte Generation in das Unternehmen ein. Er stellte die Produktion auf industrielle Fertigungsmethoden um und lieferte mit inzwischen 50 Mitarbeiter*innen Möbel für Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Pflegeheime. Ab den Sechzigerjahren rückte das private Wohnen in den Mittelpunkt.

Mäandernde Spielwiese
Der Enkel des Firmengründers wollte jedoch nicht mehr an die Stilmöbel der Vorkriegsjahre anknüpfen, sondern einen Neuanfang wagen. Und genau der wurde in den Sechzigerjahren von neu entwickelten Schaumstoffen beflügelt, die eine gänzlich neue Formensprache zuließen. Jean Roset begann, mit zeitgenössischen Gestaltern wie Bernard Govin zu arbeiten, der 1966 die ikonische Sitzlandschaft Asmara entwarf, die seit 2020 wieder aufgelegt wird. Statt steif und gerade Platz zu nehmen, kann man sich locker in das tiefe, bodennahe Möbel hineinfallen lassen. Es setzt sich aus einer Vielzahl wellenartiger Module zusammen, die das Wohnzimmer in eine mäandernde Spielwiese verwandeln.

Dreifacher Neustart
Später traf Jean Roset auf den Designer Michel Ducaroy. Der junge Absolvent der Kunsthochschule von Lyon entwarf das Polsterprogramm Togo, das ebenso der Idee der Sitzlandschaft verhaftet war. Ducaroy vermochte daraus eine Familie von Sofas, Sesseln und Hockern abzuleiten, die sich flexibel an die Grundrisse anpassen und den Grundstein für einen enormen wirtschaftlichen Erfolg legten. Bis heute ist Togo mit über 1,5 Millionen Exemplaren das meistverkaufte Möbel des Unternehmens. Das Jahr 1973 markierte neben der Markteinführung von Togo noch zwei weitere Schritte: Der Firmenname wurde von Veuve A. Roset S.A.R.L. in Ligne Roset geändert. Zudem wurde der Firmensitz ins nahe gelegene Briord verlegt – nur wenige Meter vom Ufer der Rhône entfernt.

Stilistische Vielfalt  
Den Fokus auf zeitgenössisches Design setzten Jean Rosets Söhne Pierre und Michel in den kommenden Jahren weiter fort. Das Unternehmen arbeitet heute mit über 70 Gestalter*innen zusammen, darunter bekannte Namen wie die Brüder Bouroullec, Inga Sempé, Marie Christine Dorner, Didier Gomez, Eric Jourdan, Pascal Mourgue, Yabu Pushelberg, Sebastian Herkner, Philippe Nigro, Pierre Charpin oder Keiji Takeuchi und Christian Werner. Aber ebenso viele Nachwuchstalente erhalten bei Ligne Roset ein Sprungbrett für den Karrierestart. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Ikonen der französischen Design-Avantgarde: Seit 2007 werden zahlreiche Entwürfe von Pierre Paulin bei Ligne Roset in Produktion genommen – darunter auch jene Möbel, die er für den Amtssitz des damaligen französischen Präsidenten Georges Pompidou entwarf, und die selbst zu ihrer Entstehungszeit in den Siebzigerjahren nicht in Serie erhältlich waren.

Neuer Lebenszyklus
In Frankreich wurde jüngst das Pilotprojekt gestartet, gebrauchte Togo-Sitzmöbel zurückzunehmen. Diese werden aufgearbeitet und zu neuem Leben erweckt, was Ressourcen schont und die Kreislaufwirtschaft vorantreibt. „Die zeitlosen Formen, das sorgfältige Savoir-faire verbinden Eleganz und Robustheit in unseren Produkten, die entworfen wurden, um lange zu überdauern, ein ganzes Leben lang, manchmal länger. Unsere Fertigungsbetriebe in Briord freuen sich, wenn sie Modelle aus ganz Europa restaurieren können“, sagt Pierre Roset, der heute das Unternehmen mit seinem Bruder Michel leitet. Die fünfte Generation ist aber auch längst mit an Bord: Die Söhne von Michel und Pierre Roset, Olivier und Antoine, treiben die Digitalisierung voran und bauen die Präsenz der Marke in den USA, China und Japan aus. Immer nach vorne schauen und etwas Neues wagen gilt auch weiterhin – nach 160 Jahren.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Ligne Roset

Fertigungsstandorte von Ligne Roset mit ca 800 Mitarbeitern. 95% der Sitz-, Kasten-, Kleinmöbel und Accessoires werden hier gefertigt. Das seit 1860 bestehende Familienunternehmen exportiert in 5. Generation weltweit in 70 Länder und begeistert überall Menschen für hochwertige französische Möbel. Anspruchsvolle und zeitlose Ästhetik prägen die Marke sowie ein hohes Maß an Innovation und Kreativität. Möbel von Ligne Roset werden im gehobenen stationären Handel, in Exklusivgeschäften sowie über einen eigenen Onlineshop vertrieben. Darüber hinaus sind Hotels, Sternerestaurants, Kreuzfahrtschiffe und Luxusboutiquen ein wichtiges Geschäftsfeld.

Zum Showroom

Mehr Stories

Unknown Unknowns

Die XXIII. Internationale Ausstellung der Mailänder Triennale ist eröffnet

Die XXIII. Internationale Ausstellung der Mailänder Triennale ist eröffnet

Best-of Pools

Vom Mini-Tauchbecken bis zum grenzenlosen Schwimmerlebnis

Vom Mini-Tauchbecken bis zum grenzenlosen Schwimmerlebnis

Lockruf des Nordens

Die Neuheiten vom Festival 3daysofdesign in Kopenhagen

Die Neuheiten vom Festival 3daysofdesign in Kopenhagen

Meister der Zweitnutzung

Neues Design aus alten Möbeln von Girsberger Remanufacturing

Neues Design aus alten Möbeln von Girsberger Remanufacturing

Kiesel-Hocker & Hörnchen-Sofas

Die Neuheiten der 60. Mailänder Möbelmesse

Die Neuheiten der 60. Mailänder Möbelmesse

Salone del Mobile 2022

Unsere Highlights aus Mailand

Unsere Highlights aus Mailand

Von der Fläche in den Raum

Formholzmöbel feiern ein Comeback bei Thonet

Formholzmöbel feiern ein Comeback bei Thonet

Catwalk & Disco

Ausstellung Memphis Again in der Mailänder Triennale

Ausstellung Memphis Again in der Mailänder Triennale

Die Welt als Bühne

Design-Ausstellung über Aldo Rossi in Mailand 

Design-Ausstellung über Aldo Rossi in Mailand 

Der Sommer kann kommen

Die neuen Outdoor-Möbel von Royal Botania

Die neuen Outdoor-Möbel von Royal Botania

Motion. Autos, Art, Architecture

Norman Foster kuratiert Ausstellung im Guggenheim Bilbao 

Norman Foster kuratiert Ausstellung im Guggenheim Bilbao 

Innovationsfreu(n)de

Brunner und Stefan Diez präsentieren den Schalenstuhl mudra

Brunner und Stefan Diez präsentieren den Schalenstuhl mudra

Planet Plastik

Neue Ausstellung im Vitra Design Museum

Neue Ausstellung im Vitra Design Museum

Best-of Maison & Objet 2022

Die Neuheiten der Pariser Einrichtungsmesse

Die Neuheiten der Pariser Einrichtungsmesse

Alpine Sinnlichkeit

Entdeckungen auf der Sammlermesse Nomad St. Moritz

Entdeckungen auf der Sammlermesse Nomad St. Moritz

Best-of Outdoor 2022

Die schönsten Neuheiten für Garten, Terrasse und Balkon

Die schönsten Neuheiten für Garten, Terrasse und Balkon

Wohnen als Gesamtkunstwerk

Ettore Sottsass’ Casa Lana in der Mailänder Triennale

Ettore Sottsass’ Casa Lana in der Mailänder Triennale

Die Teppicharchitekten vom Niederrhein

Raumzonen schaffen mit Materialien, Mustern und Farben

Raumzonen schaffen mit Materialien, Mustern und Farben

Spielerische Spekulationen

Die Ausstellung New Normals von Konstantin Grcic in Berlin

Die Ausstellung New Normals von Konstantin Grcic in Berlin

Prägnante Softies

Die ersten Neuheiten des Möbeljahres 2022

Die ersten Neuheiten des Möbeljahres 2022

Best-of Raumausstattung 2022

Neue Farben, Tapeten, Textilien & Teppiche

Neue Farben, Tapeten, Textilien & Teppiche

Keramik, Pop und NFT

Neues von der Sammlermesse Design Miami 2021

Neues von der Sammlermesse Design Miami 2021

Von nachhaltig bis vernetzt

Aktuelle Wohntrends auf der imm cologne 2022

Aktuelle Wohntrends auf der imm cologne 2022

Wohnvisionen zwischen Flexibilität und Radikalität

Das Apartment HAUS auf der imm cologne 2022

Das Apartment HAUS auf der imm cologne 2022

Inspiration, Innovation, Interiordesign pur

Die imm cologne vom 17. - 23. Januar 2022 in Köln

Die imm cologne vom 17. - 23. Januar 2022 in Köln

Die Frauen kommen!

Wie Unternehmerinnen und Designerinnen das traditionelle Teppich-Business aufwirbeln

Wie Unternehmerinnen und Designerinnen das traditionelle Teppich-Business aufwirbeln

Design als Evolution

Neues von der Dutch Design Week 2021 in Eindhoven

Neues von der Dutch Design Week 2021 in Eindhoven

Best-of Leuchten

Wie dekorative Leuchten den Wohnraum aktivieren

Wie dekorative Leuchten den Wohnraum aktivieren

Diven mit Tiefgang

Die Trends der Keramikmesse Cersaie 2021

Die Trends der Keramikmesse Cersaie 2021

3 Days of Design 2021

Die Highlights aus Kopenhagen

Die Highlights aus Kopenhagen