Stories

Biennale 2014 – Stückwerk in der Lagune

Die 14. Architekturbiennale verliert sich in der Regie von Rem Koolhaas zwischen Kleinteilig- und Beliebigkeit.

von Norman Kietzmann, 11.06.2014

Die 14. Architekturbiennale in Venedig will das Bauen wieder erden. Fundamentals lautet der Titel der Schau, die unter der Regie von Rem Koolhaas den Komponenten des Bauens auf den Grund geht. Doch trotz der verlängerten Vorbereitungszeit und der Einbindung der Biennale-Disziplinen Tanz, Theater und Musik: Es bleibt ein fader Nachgeschmack vom Rundgang durch die von Koolhaas kuratierte Hauptausstellung zurück, die sich in Kleinteiligkeit und Beliebigkeit verliert.

Eine Biennale ohne Architekten sollte es werden. Kein Raum für Egos und altbekannte Seilschaften. Doch dafür ein umso detaillierterer Blick in die Trickkiste des Bauens. Auch wenn Rem Koolhaas im Vorfeld mit seinen Studenten an der Harvard Graduate School eine umfassende Recherche unternommen hatte, die als mehrbändige Publikation durchaus den Anspruch an ein neues Standardwerk erfüllt, lässt sich daraus nicht automatisch eine Ausstellung formen.

Zu nah am Objekt
Zu bruchstückhaft und zufällig wirken die ausgestellten Fenster, Türklingen oder Pissoirs im Hauptpavillon in den Giardini. Das Sezieren der Einzelteile des Bauens mündet in einem Sammelsurium, das hier mal eine viktorianische Tür und dort mal ein venezianisches Fenster einfängt. Natürlich haben technische Innovationen wie die Rolltreppe, der Aufzug, die Klimaanlage und eine flächige Verkabelung (und damit das Phänomen von abgehängten Decken und erhöhten Böden) die Planung von Gebäuden grundlegend verändert. Doch der Blick bleibt zu nah am Objekt, um darüber hinauszugehen. 


Verengter Diskurs
Wenn diese Biennale schon nicht über Architekten sprechen will, dann sollte sie es zumindest über Architektur tun. Und die ist bekanntlich mehr als eine Ansammlung von Einzelteilen. Ob ein Gebäude räumliche Qualitäten und damit einen Mehrwert für seine Nutzer entfaltet, ist schließlich nicht nur eine Frage seiner Komponenten. Es ist die richtige Mischung der Zutaten, die darüber entscheidet, ob ein architektonisches Gericht schmackhaft wird oder eben nicht. Dass diese Biennale das Bauen verhandelt, ohne den Menschen einzubeziehen, wirkt wie ein Gegenpol zu Kazuyo Sejimas Inszenierung vor vier Jahren. Hatte die Japanerin das Bauen bewusst in die Öffentlichkeit getragen (und damit auch die Besucherzahlen der Architekturschau deutlich in die Höhe schnellen lassen), verengt Rem Koolhaas den Diskus auf die eigene Branche.

Filmreifer Auftakt
Diese sparsame Betrachtungsweise ist schade, weil der Rundgang durchaus kraftvoll beginnt. Der achteckige Ehrensaal des einstigen italienischen Pavillons wird mittels einer abgehängten Decke auf das Raumgefühl einer gewöhnlichen Büroetage herabgestutzt. Die sich darüber erhebende, mit Fresken überzogene Kuppel lässt den technischen Überbau aus Lüftungsrohren, Lichtleisten und Kabeln wie eine notgelandetes Raumschiff erscheinen. Zwei Teleskope ragen von der Decke herab und erlauben einen Blick durch eine ebenso in die Decke integrierte Überwachungskamera. Im folgenden Raum zeigt der Film Elements von Davide Rapp eine Montage von mehr als 100 Ausschnitten aus Spielfilmen, in denen architektonische Elemente eine Rolle spielen. Schwarzlicht bringt nicht nur die weißen Texte an den abgedunkelten Wänden zum Leuchten. Es lässt auch die Kleidung der Biennale-Besucher wie in einem Technoclub der neunziger Jahre aufleuchten. 

Kein Fokus auf Ökologie
Dass räumliche Qualitäten ausgeklammert werden, unterstreicht einen weiteren Aspekt. Denn ist der Einfluss der Architekten nicht ohnehin marginal? Wurden vor einigen Jahren lediglich sechs Prozent aller weltweiten Neubauen von Architekten geplant, ist dieser Wert heute auf knapp die Hälfte gesunken. Der Blick auf die Einzelteile der Architektur hätte helfen können, architektonische Qualitäten umso präziser herauszuarbeiten. Stattdessen entsteht ein Nebel aus Daten und Fakten, der weder als Summe ein stimmiges Ganzes ergeben will noch genügend in die fachliche Tiefe geht. Wäre es nicht spannend gewesen, genau zu erklären, was ein wärme- und schalldichtes Fenster in seinem Aufbau von anderen Modellen unterscheidet? „Es ist doch seltsam, dass Themen wie Nachhaltigkeit, Reduzierung von Stromkosten oder Wasserersparnis überhaupt nicht angesprochen werden“, kommentierte Riccardo Bofill Jr. am Rande der Biennale.
Mediterranes Potpourri 
Kaum besser wird es im Arsenale. Auch hier ein bildgewaltiger Auftakt in Form eines hell erleuchteten Tores, das einem Lunapark des 19. Jahrhunderts entsprungen sein könne. Doch gleich im Anschluss geht der Schau die Luft aus. Wiederholt hatte Rem Koolhaas keinen Hehl daraus gemacht, dass er den über einen Kilometer langen Ausstellungsparcour durch die einstige Schiffswerft überhaupt nicht bespielen wollte. Als er sich dennoch dem Druck der Biennale-Leitung beugen musste, ging alles ganz schnell. Mit Monditalia wurde ein Thema gefunden, das dem Gastgeber schmeichelt und einen vollständigen Scan der Apenninhalbinsel erschaffen soll. „Italien ist sehr lang. Und auch das Arsenale ist sehr lang. Trotz seines kulturellen Reichtums hat das Land heute eine Vielzahl von schwerwiegenden Problemen. Ich denke, dass Italien exemplarisch für viele Regionen die Welt ist“, begründet Koolhaas seine Themenwahl.

In der Klischeefalle
Dennoch war kein Klischee platt genug, um in einen – in diesem Falle ausgesprochen langen – Topf geworfen zu werden. Ein wenig Mafia hier. Ein wenig Berlusconi da. Dolce Vita und Sophie Loren dürfen auch nicht fehlen. Und mittendrin ein Film, der Stefano Boeri beim Rundgang durch sein zur Neubauruine verkommenes Zentrum des G8-Gipfels zeigt. Dass Koolhass die anderen Biennale-Disziplinen Tanz, Theater und Musik mit einbinden wollte, liest sich gut auf dem Papier. Doch auch hier geht das Konzept in der Praxis nicht auf. 

Wie Lückenfüller schieben sich die Tanzflächen und Bühnen zwischen das thematische Raumgefüge, das das Arsenale als Ausstellungsort so besonders, aber auch schwierig macht. Und auch die Filmsektion, die von einer einen Kilometer langen Italienlandkarte von der übrigen Ausstellung abgetrennt wird, wirkt wie ein lustloses Anhängsel. Die eingespielten Filmschnipsel erinnern an eine in die räumliche Dimension erweiterte Youtube-Bibliothek, die im Zufallsmodus neue Bilder generiert. Dass die Besucher immer wieder daran scheitern, die Übergänge zur (Architektur)-Ausstellung zu finden, macht den medialen Überfluss schließlich perfekt. 

Überfrachtung statt Inhalt
Was bleibt von dieser Biennale, sind mehrere Erkenntnisse: Erstens sind große Namen nicht automatisch dazu befähigt, interessante Arbeiten zu schaffen (selbst wenn sie dazu die ebenso prominenten Kollegen ausladen). Zweitens stiften endlose Schautafeln und Diagramme keinen Inhalt, sondern vor allem Verwirrung. Und drittens sind Gebäude weit mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Dass Rem Koolhaas die Architekten ausgeklammert hat, ergibt als Essenz nicht automatisch Architektur. Im Falle dieser Biennale bleibt einfach nur ein vages Nichts.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

La Biennale di Venezia

www.labiennale.org

Architekturbiennale 2012

Auf Grund gelaufen

www.designlines.de

Architekturbiennale 2010

Verbindende Räume

www.designlines.de

Architekturbiennale 2008

Club der müden Visionäre

www.designlines.de

Mehr Stories

Licht als Plattform

Light + Building 2026: Vom Leuchtenprodukt zur vernetzten Infrastruktur in der Architektur

Light + Building 2026: Vom Leuchtenprodukt zur vernetzten Infrastruktur in der Architektur

Bunt und metallisch

JUNG kooperiert mit Melon Breakers und DORNBRACHT

JUNG kooperiert mit Melon Breakers und DORNBRACHT

Textile Grammatik

Wie Stoffe zu Architektur werden

Wie Stoffe zu Architektur werden

Unter Spannung

Textile Bezüge für Mart Stams Freischwinger-Legende von Thonet

Textile Bezüge für Mart Stams Freischwinger-Legende von Thonet

Die Mischung macht’s

Ein Besuch auf der Pariser Designmesse Matter and Shape

Ein Besuch auf der Pariser Designmesse Matter and Shape

Textile Architektur

Bodenbeläge im Objektbereich als strategisches Gestaltungselement

Bodenbeläge im Objektbereich als strategisches Gestaltungselement

Vom Möbel zur Infrastruktur

Warum das flexible Büro oft scheitert

Warum das flexible Büro oft scheitert

Best-of Boden

Teppiche, Fliesen, Holz und Linoleum – die Bodentrends 2026

Teppiche, Fliesen, Holz und Linoleum – die Bodentrends 2026

Best-of Tableware 2026

Von Achtzigerjahre-Wolken, handwerklichen Fundstücken und braun-beigem Mainstream

Von Achtzigerjahre-Wolken, handwerklichen Fundstücken und braun-beigem Mainstream

Talentwettbewerb in der Arbeitswelt

Warum Büroplanung zum strategischen Erfolgsfaktor wird

Warum Büroplanung zum strategischen Erfolgsfaktor wird

Wo Raum und Mensch sich berühren

Was die Ergonomie von Türbeschlägen ausmacht

Was die Ergonomie von Türbeschlägen ausmacht

Olympia und Design

Ausstellung White Out in der Mailänder Triennale

Ausstellung White Out in der Mailänder Triennale

Schluss mit Schluss mit lustig?

Die Rückkehr des Humorvollen auf der Dutch Design Week

Die Rückkehr des Humorvollen auf der Dutch Design Week

Zweite Chance für den Boden

Nachhaltige Beläge zwischen Materialinnovation, Rückbau und Wiederverwendung

Nachhaltige Beläge zwischen Materialinnovation, Rückbau und Wiederverwendung

Mit Farbe gestalten

Studio Wok und India Mahdavi über Atmosphäre, Zurückhaltung und Emotion

Studio Wok und India Mahdavi über Atmosphäre, Zurückhaltung und Emotion

Farbe als Entwurfswerkzeug

Wie Architekt*innen Farbe im Interior Design strategisch einsetzen

Wie Architekt*innen Farbe im Interior Design strategisch einsetzen

Revisiting the Classics

Unsere Eindrücke von der Maison & Objet 2026 und der Déco Off

Unsere Eindrücke von der Maison & Objet 2026 und der Déco Off

Wenn Details Farbe bekennen

Mehr Gestaltungsspielraum für die Profile von Schlüter-Systems

Mehr Gestaltungsspielraum für die Profile von Schlüter-Systems

Wenn Möbel wachsen lernen

Myzel im Interior zwischen Hightech und Handwerk – Teil 2

Myzel im Interior zwischen Hightech und Handwerk – Teil 2

Möbel à la carte

Myzel im Interior zwischen Hightech und Handwerk - Teil 1

Myzel im Interior zwischen Hightech und Handwerk - Teil 1

Countdown zur DOMOTEX

Die wichtigsten Facts in der Übersicht

Die wichtigsten Facts in der Übersicht

Leiser Visionär

Neuauflagen der Entwürfe von Pierre Guariche bei Ligne Roset

Neuauflagen der Entwürfe von Pierre Guariche bei Ligne Roset

Essbare Städte

Urbane Gärten und Wälder für alle

Urbane Gärten und Wälder für alle

Grüner Stahl fürs Bad

CO₂-neutrale Duschflächen und Waschtische für die Sanitärplanung

CO₂-neutrale Duschflächen und Waschtische für die Sanitärplanung

Besonders hart und kratzfest

PVD-Beschichtungen für stark frequentierte Bäder

PVD-Beschichtungen für stark frequentierte Bäder

Offenes Zukunftslabor

Frankfurt RheinMain ist World Design Capital 2026

Frankfurt RheinMain ist World Design Capital 2026

Re-Use, das neue Normal

Das Klimafestival rückt erstmals Innenarchitektur in den Fokus der Bauwende

Das Klimafestival rückt erstmals Innenarchitektur in den Fokus der Bauwende

Wenn Wand und Boden die Wohnung heizen

Energieeffiziente Wärmelösungen von Schlüter-Systems

Energieeffiziente Wärmelösungen von Schlüter-Systems

Im Kreis gedacht

Strategien für lang lebende Möbel bei Brunner

Strategien für lang lebende Möbel bei Brunner

Wenn Räume Geschichten erzählen

Wie der Traditionseinrichter Christmann mit digitaler Technik Wohnlichkeit erzeugt

Wie der Traditionseinrichter Christmann mit digitaler Technik Wohnlichkeit erzeugt