Stories

imm cologne 2015: The Dark Turn

Warum viele Hersteller in Köln auf gedämpfte Farb- und Materialpaletten setzten und was das über den Zeitgeist verrät.

von Jasmin Jouhar, 28.01.2015

Klares Licht, Pastelltöne von Altrosa bis Himmelblau, fröhliche Muster, naturbelassenes Holz, und ab und an blitzt Messing: So sieht das nordische Interior-Klischee aus – und so wurde es in den vergangenen Jahren eifrig gepflegt in der Möbelindustrie, auch weit südlich von Kopenhagen, Stockholm oder Helsinki. Das ist vorbei. Die Stimmung war zwar gut während der imm cologne 2015, aber viele Standinszenierungen und Produktneuheiten sprachen eine andere Sprache: Dunkel war es, die Hersteller setzten auf gedämpfte Farb- und Materialpaletten. Ernst ist das neue Heiter.

Und wer würde sich wundern über einen Dark Turn? In Zeiten, in denen man vor lauter Krisen, Katastrophen und Kriegen gar keine Nachrichten mehr schauen oder lesen mag, wirkt unbeschwerte Heiterkeit irgendwie daneben. Offensichtlich scheint die Gegenwart so bedrückend, dass Eskapismus auch keine Lösung ist. Statt uns eine bessere Welt vorzustellen, richten wir uns lieber Schutzräume im Hier und Jetzt ein. Denn nichts Anderes sind sie ja, die Interieurs, die das Publikum vergangene Woche zur 66. Ausgabe der Möbelmesse in Köln besichtigen konnte. Schwarze Wände, schwarze Küchen, schwarze Tische, schwarze Regale, Polstermöbel in Dunkelgrau, Nachtblau oder Weinrot, kuschelig bezogen mit dreidimensionalen Wollstoffen, Samt oder kostbar-plüschigem Mohairvelours. Solche Interieurs erzeugen ein Gefühl von Geborgenheit, denn dunkle Umgebungen wirken tiefer, weicher und bieten verschattete Ecken. Gehäuse, um darin zu versinken, Höhlen, um sich darin zu verstecken. Selbst Spiegel sind nun abgedunkelt oder gar verschleiert: Als könnten wir der Realität nicht mehr ins Auge sehen.

Zwischen Geborgenheit und Vereinzelung
Den Ton der Messe getroffen hat Das Haus. Die von der Koelnmesse initiierte Interior-Inszenierung in Halle 2.2 verantwortete in diesem Jahr das chinesische Architektenpaar Neri&Hu aus Shanghai. Während Louise Campbell 2014 mit ihrer offenen Scheune die Fröhlichkeit und Gemeinschaftlichkeit skandinavischer Mittsommernächte beschworen hatte, schickten Neri&Hu die Besucher in die Gassen ihrer Heimatstadt, wo es eng und dunkel ist und für Europäer vielleicht auch bedrückend. Sie inszenierten überreiche Räume, angefüllt mit Möbeln und Objekten, die die Besucher jedoch nicht betreten, sondern nur durch Öffnungen betrachten durften. Das Haus war voller erzählerischer Details, in die man sich vertiefen, die man aber oft gar nicht entschlüsseln konnte. Eine dichte, tiefe, geheimnisvolle Atmosphäre entstand so, changierend zwischen China und Europa, zwischen Geborgenheit und Vereinzelung. Keine Möbelausstellung, auch kein Eins-zu-eins-Architekturmodell, eher eine Szenografie zum Innehalten und Eintauchen.

Raus aus dem Versteck!
Und wir haben ja auch allen Grund, uns zu verstecken. Nicht nur vor dem Chaos der Welt da draußen. Auch zu Hause sind wir nicht mehr unbeobachtet, seit wir mit einer breiten Datenspur bereitwillig Auskunft geben über Gewohnheiten, Konsumverhalten oder Beziehungen. Unsere Identität ist Handelsware und Überwachungsgegenstand, und in diesem Sinne verschieben sich die Grenzen zwischen privat und öffentlich zusehens. Selbst unter der Bettdecke sind wir nicht mehr unsichtbar, wenn wir auf dem Smartphone Nachrichten tippen oder ein letztes Mal Facebook checken. Dass eine gemütlich-dunkel eingerichtete Wohnung da auch nicht weiterhilft, versteht sich von selbst. Interessantere Perspektiven bot in dieser Hinsicht die Ausstellung Domestic Affairs. New Voices in Dutch Design, die während der imm cologne in Köln Exponate aus den Grenzbereichen zwischen experimentellem Design, Kunst und Aktivismus zeigte. Einige Arbeiten thematisierten die Eigenproduktion im Kontext von 3-D-Druck und DIY-Spirit und den Versuch, sich damit unabhängig von Industriefertigung und Konzernmarketing zu machen. Andere Arbeiten setzten sich mit Fragen von Sichtbarkeit auseinander: Wie kann man der Überwachung durch Google oder NSA entgehen? Und lassen sich die kursierenden Datenmengen eigentlich auch für eigene Interessen nutzen? Bezeichnenderweise war die Stimmung der Ausstellung auch nicht gedämpft-dunkel wie auf der Messe. Es vermittelten sich eher ein nerdiger Erfindergeist, der Wille zum Aufbruch, aber auch Wut und Aggression.

Neues wagen!
Der Dark Turn ist eine denkbar defensive Reaktion auf die Zeit, in der wir leben. Emotional natürlich mehr als nachvollziehbar. Doch der Reflex, sich im Dunkel zu verstecken, hilft nicht weiter, wenn zumindest gefühlt mal wieder die Welt ein bisschen untergeht. Und das wünschen wir uns ja, dass die gerade so ängstliche und restaurative Möbelindustrie mal wieder nach vorne schaut, den Aufbruch sucht, Neues wagt jenseits von Farbkonzepten, Gestellvarianten oder Bezugsstoffen.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Special: imm cologne 2015

Das große Designlines-Special zur Kölner Möbelmesse

www.designlines.de

Mehr Stories

Best-of Tableware 2026

Von Achtzigerjahre-Wolken, handwerklichen Fundstücken und braun-beigem Mainstream

Von Achtzigerjahre-Wolken, handwerklichen Fundstücken und braun-beigem Mainstream

Talentwettbewerb in der Arbeitswelt

Warum Büroplanung zum strategischen Erfolgsfaktor wird

Warum Büroplanung zum strategischen Erfolgsfaktor wird

Wo Raum und Mensch sich berühren

Was die Ergonomie von Türbeschlägen ausmacht

Was die Ergonomie von Türbeschlägen ausmacht

Olympia und Design

Ausstellung White Out in der Mailänder Triennale

Ausstellung White Out in der Mailänder Triennale

Schluss mit Schluss mit lustig?

Die Rückkehr des Humorvollen auf der Dutch Design Week

Die Rückkehr des Humorvollen auf der Dutch Design Week

Zweite Chance für den Boden

Nachhaltige Beläge zwischen Materialinnovation, Rückbau und Wiederverwendung

Nachhaltige Beläge zwischen Materialinnovation, Rückbau und Wiederverwendung

Mit Farbe gestalten

Studio Wok und India Mahdavi über Atmosphäre, Zurückhaltung und Emotion

Studio Wok und India Mahdavi über Atmosphäre, Zurückhaltung und Emotion

Farbe als Werkzeug

Burr Studio und Keßler Plescher Architekten über ein strategisches Entwurfsinstrument

Burr Studio und Keßler Plescher Architekten über ein strategisches Entwurfsinstrument

Revisiting the Classics

Unsere Eindrücke von der Maison & Objet und der Déco Off in Paris

Unsere Eindrücke von der Maison & Objet und der Déco Off in Paris

Wenn Details Farbe bekennen

Mehr Gestaltungsspielraum für die Profile von Schlüter-Systems

Mehr Gestaltungsspielraum für die Profile von Schlüter-Systems

Wenn Möbel wachsen lernen

Myzel im Interior zwischen Hightech und Handwerk – Teil 2

Myzel im Interior zwischen Hightech und Handwerk – Teil 2

Möbel à la carte

Myzel im Interior zwischen Hightech und Handwerk - Teil 1

Myzel im Interior zwischen Hightech und Handwerk - Teil 1

Countdown zur DOMOTEX

Die wichtigsten Facts in der Übersicht

Die wichtigsten Facts in der Übersicht

Leiser Visionär

Neuauflagen der Entwürfe von Pierre Guariche bei Ligne Roset

Neuauflagen der Entwürfe von Pierre Guariche bei Ligne Roset

Essbare Städte

Urbane Gärten und Wälder für alle

Urbane Gärten und Wälder für alle

Grüner Stahl fürs Bad

CO₂-neutrale Duschflächen und Waschtische für die Sanitärplanung

CO₂-neutrale Duschflächen und Waschtische für die Sanitärplanung

Besonders hart und kratzfest

PVD-Beschichtungen für stark frequentierte Bäder

PVD-Beschichtungen für stark frequentierte Bäder

Offenes Zukunftslabor

Frankfurt RheinMain ist World Design Capital 2026

Frankfurt RheinMain ist World Design Capital 2026

Re-Use, das neue Normal

Das Klimafestival rückt erstmals Innenarchitektur in den Fokus der Bauwende

Das Klimafestival rückt erstmals Innenarchitektur in den Fokus der Bauwende

Wenn Wand und Boden die Wohnung heizen

Energieeffiziente Wärmelösungen von Schlüter-Systems

Energieeffiziente Wärmelösungen von Schlüter-Systems

Im Kreis gedacht

Strategien für lang lebende Möbel bei Brunner

Strategien für lang lebende Möbel bei Brunner

Wenn Räume Geschichten erzählen

Wie der Traditionseinrichter Christmann mit digitaler Technik Wohnlichkeit erzeugt

Wie der Traditionseinrichter Christmann mit digitaler Technik Wohnlichkeit erzeugt

Architects Space

Treffpunkt für Architektur, Planung und Design auf der DOMOTEX 2026 in Hannover

Treffpunkt für Architektur, Planung und Design auf der DOMOTEX 2026 in Hannover

„Alles auf Anfang“

100 Jahre Bauhaus Dessau und 100 Jahre Stahlrohrmöbel

100 Jahre Bauhaus Dessau und 100 Jahre Stahlrohrmöbel

GREENTERIOR

Auftakt für das Sonderformat von BauNetz id beim Klimafestival in Berlin

Auftakt für das Sonderformat von BauNetz id beim Klimafestival in Berlin

Die Humanistin

Erste Retrospektive von Charlotte Perriand in Deutschland eröffnet

Erste Retrospektive von Charlotte Perriand in Deutschland eröffnet

Aufbruchstimmung in Köln

Mit der idd cologne versucht der einstige Treffpunkt der internationalen Möbelindustrie einen Neuanfang

Mit der idd cologne versucht der einstige Treffpunkt der internationalen Möbelindustrie einen Neuanfang

Werkzeugkasten der Möglichkeiten

Rückblick auf die Dutch Design Week 2025

Rückblick auf die Dutch Design Week 2025

Harmonische Kompositionen

Durchgefärbtes Feinsteinzeug als verbindendes Element im Raum

Durchgefärbtes Feinsteinzeug als verbindendes Element im Raum

Green Office als Komplettpaket

Assmann gestaltet zirkuläre Arbeitswelten und nachhaltige Lösungen für die Zukunft

Assmann gestaltet zirkuläre Arbeitswelten und nachhaltige Lösungen für die Zukunft