Stories

Taste this: Wie man in London auf den Geschmack kommt

Inszenierungen, Installationen, Interventionen: das London Design Festival jenseits der Neuheiten.

von Jörg Zimmermann, 25.09.2013

„Where Creativity works“ behauptet ein Baustellenbanner im Zentrum von London. Dort trifft sich nach der Sommerpause die internationale Szene zum London Design Festival. Für ein paar Tage konzentrierte sich in der britischen Hauptstadt die Aufmerksamkeit auf neue Produkte und vielversprechende Designtalente. Ein paar Tage, dann zog der Zirkus weiter, zur nächsten Zwischenstation.

Doch warum eigentlich London als Szenetreffpunkt? Spielt die Musik im Designbusiness nicht hauptsächlich in Mailand? Der britische Designer Benjamin Hubert versteht die Frage nicht: „London ist doch das Zentrum der Kreativität.“ Daran könne kaum Zweifel bestehen. London, New York – an diesen Orten schlage der kreative Puls. „Mailand ist gut fürs Marketing“, sagt Hubert. Vielleicht ist die Aussage mehr als nur eine spezielle britische Perspektive. Vielleicht ist sie ein Hinweis darauf, dass sich die Schwerpunkte in Europa, gar international verschieben könnten. Allerdings ist das London Design Festival ein gehöriges Stück davon entfernt, im Konzert der Designevents mehr als ein kurzes Solo zu spielen.

Mangelware Überraschungseffekte
Die Messe 100% Design in Earls Court bleibt überschaubar und Designersblock hat die Erwartungen über die Jahre nicht erfüllt. Designjunction ist in Central London in einem alten Sortiergebäude der Britischen Post auf mehrere Etagen angewachsen. Im Erdgeschoss herrscht unüberschaubare Marktplatzstimmung, in den höheren Stockwerken mischen sich die Präsentationen von etablierten Marken, jungen Professionals und allerlei Projekten. Business as usual also, und selbst im hippen Osten, in Shoreditch lassen die Shows Superbrands London und Tent London die großen Überraschungseffekte vermissen.

Unterhaltung im V&A
Das eigentlich Interessante beim London Design Festival sind die Inszenierungen: in den kleinen Locations, in den Galerien, den Studios der Designer und auch in den großen Institutionen. Das Victoria & Albert Museum gilt als Bastion, als „Speerspitze der Designwelt“, wie Direktor Martin Roth formuliert. Eine Institution, die mit ihren Interventionen unterhalten will, aber auch die Zusammenarbeit mit Unternehmen nicht scheut. 30 Meter ist der Eingangsbereich des V&A hoch, ein riesiger Luftraum, der gekonnt bespielt werden will. Bocci-Creative Director Omer Arbel hat mit seinem Team einen Leuchter aus 280 der Bocci-typischen farbigen Glaskugeln am höchsten Punkt des Gebäudes installiert. Eine mannigfaltige Hommage an Raum und Licht, die konzeptionelle Kraft der Vorjahresinszenierung The journey of a drop von Rolf Sachs jedoch erreicht der Leuchter nicht.

Poetische Momente scheinen eher bei der Betrachtung des amorphen Objekts von Julia Lohmann auf. Grün schimmernd aus Seegras gefertigt, steht Oki Naganode vor einem großen Sprossenfenster am Abgang in ein Treppenhaus. Julia Lohmann versteht das künstlerisch anmutende Experiment als Forschungsprojekt zu den Gestaltungsmöglichkeiten mit Naga Kombu. Das Wind Portal von Najla El Zein ist auf Interaktion angelegt. Sensoren registrieren die Luftströme im Durchgang und setzen die weißen Papier-Windmühlen in Bewegung. Die begehbare Installation mit einer Höhe von acht Metern kann als ästhetisch gelungenes Statement gelten.


Marketing und Spaß dabei
Auf der anderen Seite der Themse geht es noch höher hinaus. Mit Endless Stair haben dRMM Architects eine Laubholz-Skulptur zwischen das Museum Tate Modern und das Flussufer gestellt, die 15 Treppensegmente ineinandergreifen und gen Himmel streben lässt. Man denkt an die paradoxen Bilder von M.C. Escher, steigt höher und höher, um am Ende aber doch wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen. Skulpturen wie diese sind Marketingaktionen, die gehörigen Spaß machen. Warum auch nicht?

Dänische Kontraste, mexikanische Blüten
Der dänische Möbel- und Accessoirehersteller Hay macht seit einiger Zeit durch eine clevere Produktstrategie auf sich aufmerksam. Hätte es noch eines Beleges bedurft, dass das Label sich auch auf beeindruckende Inszenierungen versteht, ist er mit der Präsentation des neuen Sublabels Wrong For Hay nun erbracht. In einem prächtigen Stadthaus gegenüber dem St. James Park bildet die Kollektion von Designer Sebastian Wrong einen wunderbaren Kontrast zu den historischen Einrichtungsgegenständen und Gemälden. Bethan Laura Wood versteht die Kunst der Selbstinszenierung und präsentiert in The Aram Gallery eine Installation mit Lichtobjekten. Crisscross sei von der mexikanischen Kultur inspiriert, erzählt die aus den Midlands stammende Designerin. „Eine Kaskade fließender und leuchtender Blumen.“

Sozialkritische Teller
An der Ecke zur Exhibition Road, am Anfang des Weges zur Serpentine Gallery mit dem diesjährigen Pavillon von Sou Fujimoto, hat Nigel Coates seine erste große Ausstellung. Schwungvolle und lebendige Handzeichnungen geben einen tiefen Eindruck von der Vorstellungs- und Schaffenskraft des Architekten. Nur ein paar Meter weiter bekommt das London Design Festival in einem niedrigen Kellergeschoss dann fast noch eine politische, zumindest sozialkritische Dimension. Für das Label 1882 hat das Designbüro Pentagram eine achtteilige Serie mit typografisch gestalteten Wandtellern aufgelegt. Taste this heißt es dort. Wenn man beim London Design Festival ein wenig abseits des Mainstream schaut, kann man durchaus auf den Geschmack kommen.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Mehr vom London Design Festival 2013

Prähistorisch – Ein Nachbericht zum London Design Festival 2013

www.designlines.de

Auf leisen Sohlen

Ein Nachbericht vom London Design Festival 2012

www.designlines.de

London Design Festival

www.londondesignfestival.com

Mehr Stories

German Design Graduates 2020

Award geht in die zweite Runde

Award geht in die zweite Runde

London Design Festival 2020

Handwerk, limitierte Editionen und neue Schulterschlüsse 

Handwerk, limitierte Editionen und neue Schulterschlüsse 

Atmosphärische Zeiten

Arbeiten von Hermann August Weizenegger im Berliner Kunstgewerbemuseum

Arbeiten von Hermann August Weizenegger im Berliner Kunstgewerbemuseum

3 Days of Design 2020

Neuheiten aus Kopenhagen

Neuheiten aus Kopenhagen

Co-Kreation mit Seidenraupen

Neri Oxman will unsere Welt nach dem Vorbild der Natur gestalten

Neri Oxman will unsere Welt nach dem Vorbild der Natur gestalten

Post-Corona-Office

Drei Office-Guides für eine neue Büroorganisation

Drei Office-Guides für eine neue Büroorganisation

Einstieg ins Smart Home

Modulare Gira-Produkte setzen neue Impulse

Modulare Gira-Produkte setzen neue Impulse

Best-of Holz

Ein Werkstoff mit inneren Werten und Potential im Sinne der Nachhaltigkeit

Ein Werkstoff mit inneren Werten und Potential im Sinne der Nachhaltigkeit

Landschaft und Kunst

Ausstellung Solo Group Show im spanischen Hinterland

Ausstellung Solo Group Show im spanischen Hinterland

Visuelle Poolparty

Die Publikation Lido ist eine Ode an das gezähmte Wasser

Die Publikation Lido ist eine Ode an das gezähmte Wasser

Smarte Pedale

Fahrräder sind das Transportmittel der Stunde

Fahrräder sind das Transportmittel der Stunde

Mit Herz von Hand

Im Werk von Brunner trifft Industrie auf Manufaktur

Im Werk von Brunner trifft Industrie auf Manufaktur

Unsere besten Bücher

Ans Herz gewachsene Lektüre über Design und Gestaltung

Ans Herz gewachsene Lektüre über Design und Gestaltung

Rollende Schönheiten

Seit 90 Jahren entwirft Pininfarina Träume für die Straße 

Seit 90 Jahren entwirft Pininfarina Träume für die Straße 

Materialising Colour

Giulio Ridolfos Reise zu den Farben der Welt

Giulio Ridolfos Reise zu den Farben der Welt

Jung, kreativ, bietet...

Eine von der Möbelwirtschaft unabhängige Gestaltergeneration

Eine von der Möbelwirtschaft unabhängige Gestaltergeneration

Schlafen bei den Stars

Unterwegs in den Hotels berühmter Architekten

Unterwegs in den Hotels berühmter Architekten

Textile Bodenbeläge

Zwischen Technologie, Gestaltung und Nachhaltigkeit

Zwischen Technologie, Gestaltung und Nachhaltigkeit

Heiter bis wolkig

Drei Fotografen auf Deutschlandreise

Drei Fotografen auf Deutschlandreise

Homeoffice 2.0

Utensilien für eine neue Dauerhaftigkeit

Utensilien für eine neue Dauerhaftigkeit

Geschichte trifft Gegenwart

Ausstellung von Muller Van Severen in der Villa Cavrois in Lille

Ausstellung von Muller Van Severen in der Villa Cavrois in Lille

Das neue deutsche Design

Eine Gestaltergeneration auf der Bugwelle der vierten industriellen Revolution

Eine Gestaltergeneration auf der Bugwelle der vierten industriellen Revolution

Deutscher Lichtdesign-Preis 2020

Die Shortlist der Jubiläumsausgabe steht

Die Shortlist der Jubiläumsausgabe steht

Textilien, Teppiche und Tapeten

Wohnratgeber über schnelle Raumverwandler

Wohnratgeber über schnelle Raumverwandler

Best-of Leuchten 2020

Licht im Dunkel der Produktneuheiten

Licht im Dunkel der Produktneuheiten

Berührungslos im Bad

Lösungen von Vola für ein Händewaschen ohne Ansteckungsrisiko

Lösungen von Vola für ein Händewaschen ohne Ansteckungsrisiko

Wohnratgeber 20: Licht im Freien

Von illuminierten Bäumen zu effektvoll inszenierten Häuserwänden

Von illuminierten Bäumen zu effektvoll inszenierten Häuserwänden

An die Wand gebeamt

Jung launcht digitales AR-Planungstool

Jung launcht digitales AR-Planungstool

Die Kunst der Isolation

Mikroarchitekturen als Orte der Inspiration

Mikroarchitekturen als Orte der Inspiration

Light + Building verschoben

Die nächste Ausgabe findet erst im März 2022 statt

Die nächste Ausgabe findet erst im März 2022 statt