Taste this: Wie man in London auf den Geschmack kommt
Inszenierungen, Installationen, Interventionen: das London Design Festival jenseits der Neuheiten.
„Where Creativity works“ behauptet ein Baustellenbanner im Zentrum von London. Dort trifft sich nach der Sommerpause die internationale Szene zum London Design Festival. Für ein paar Tage konzentrierte sich in der britischen Hauptstadt die Aufmerksamkeit auf neue Produkte und vielversprechende Designtalente. Ein paar Tage, dann zog der Zirkus weiter, zur nächsten Zwischenstation.
Doch warum eigentlich London als Szenetreffpunkt? Spielt die Musik im Designbusiness nicht hauptsächlich in Mailand? Der britische Designer Benjamin Hubert versteht die Frage nicht: „London ist doch das Zentrum der Kreativität.“ Daran könne kaum Zweifel bestehen. London, New York – an diesen Orten schlage der kreative Puls. „Mailand ist gut fürs Marketing“, sagt Hubert. Vielleicht ist die Aussage mehr als nur eine spezielle britische Perspektive. Vielleicht ist sie ein Hinweis darauf, dass sich die Schwerpunkte in Europa, gar international verschieben könnten. Allerdings ist das London Design Festival ein gehöriges Stück davon entfernt, im Konzert der Designevents mehr als ein kurzes Solo zu spielen.
Mangelware Überraschungseffekte
Die Messe 100% Design in Earls Court bleibt überschaubar und Designersblock hat die Erwartungen über die Jahre nicht erfüllt. Designjunction ist in Central London in einem alten Sortiergebäude der Britischen Post auf mehrere Etagen angewachsen. Im Erdgeschoss herrscht unüberschaubare Marktplatzstimmung, in den höheren Stockwerken mischen sich die Präsentationen von etablierten Marken, jungen Professionals und allerlei Projekten. Business as usual also, und selbst im hippen Osten, in Shoreditch lassen die Shows Superbrands London und Tent London die großen Überraschungseffekte vermissen.
Unterhaltung im V&A
Das eigentlich Interessante beim London Design Festival sind die Inszenierungen: in den kleinen Locations, in den Galerien, den Studios der Designer und auch in den großen Institutionen. Das Victoria & Albert Museum gilt als Bastion, als „Speerspitze der Designwelt“, wie Direktor Martin Roth formuliert. Eine Institution, die mit ihren Interventionen unterhalten will, aber auch die Zusammenarbeit mit Unternehmen nicht scheut. 30 Meter ist der Eingangsbereich des V&A hoch, ein riesiger Luftraum, der gekonnt bespielt werden will. Bocci-Creative Director Omer Arbel hat mit seinem Team einen Leuchter aus 280 der Bocci-typischen farbigen Glaskugeln am höchsten Punkt des Gebäudes installiert. Eine mannigfaltige Hommage an Raum und Licht, die konzeptionelle Kraft der Vorjahresinszenierung The journey of a drop von Rolf Sachs jedoch erreicht der Leuchter nicht.
Poetische Momente scheinen eher bei der Betrachtung des amorphen Objekts von Julia Lohmann auf. Grün schimmernd aus Seegras gefertigt, steht Oki Naganode vor einem großen Sprossenfenster am Abgang in ein Treppenhaus. Julia Lohmann versteht das künstlerisch anmutende Experiment als Forschungsprojekt zu den Gestaltungsmöglichkeiten mit Naga Kombu. Das Wind Portal von Najla El Zein ist auf Interaktion angelegt. Sensoren registrieren die Luftströme im Durchgang und setzen die weißen Papier-Windmühlen in Bewegung. Die begehbare Installation mit einer Höhe von acht Metern kann als ästhetisch gelungenes Statement gelten.
Marketing und Spaß dabei
Auf der anderen Seite der Themse geht es noch höher hinaus. Mit Endless Stair haben dRMM Architects eine Laubholz-Skulptur zwischen das Museum Tate Modern und das Flussufer gestellt, die 15 Treppensegmente ineinandergreifen und gen Himmel streben lässt. Man denkt an die paradoxen Bilder von M.C. Escher, steigt höher und höher, um am Ende aber doch wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen. Skulpturen wie diese sind Marketingaktionen, die gehörigen Spaß machen. Warum auch nicht?
Dänische Kontraste, mexikanische Blüten
Der dänische Möbel- und Accessoirehersteller Hay macht seit einiger Zeit durch eine clevere Produktstrategie auf sich aufmerksam. Hätte es noch eines Beleges bedurft, dass das Label sich auch auf beeindruckende Inszenierungen versteht, ist er mit der Präsentation des neuen Sublabels Wrong For Hay nun erbracht. In einem prächtigen Stadthaus gegenüber dem St. James Park bildet die Kollektion von Designer Sebastian Wrong einen wunderbaren Kontrast zu den historischen Einrichtungsgegenständen und Gemälden. Bethan Laura Wood versteht die Kunst der Selbstinszenierung und präsentiert in The Aram Gallery eine Installation mit Lichtobjekten. Crisscross sei von der mexikanischen Kultur inspiriert, erzählt die aus den Midlands stammende Designerin. „Eine Kaskade fließender und leuchtender Blumen.“
Sozialkritische Teller
An der Ecke zur Exhibition Road, am Anfang des Weges zur Serpentine Gallery mit dem diesjährigen Pavillon von Sou Fujimoto, hat Nigel Coates seine erste große Ausstellung. Schwungvolle und lebendige Handzeichnungen geben einen tiefen Eindruck von der Vorstellungs- und Schaffenskraft des Architekten. Nur ein paar Meter weiter bekommt das London Design Festival in einem niedrigen Kellergeschoss dann fast noch eine politische, zumindest sozialkritische Dimension. Für das Label 1882 hat das Designbüro Pentagram eine achtteilige Serie mit typografisch gestalteten Wandtellern aufgelegt. Taste this heißt es dort. Wenn man beim London Design Festival ein wenig abseits des Mainstream schaut, kann man durchaus auf den Geschmack kommen.
Mehr vom London Design Festival 2013
Prähistorisch – Ein Nachbericht zum London Design Festival 2013
www.designlines.deLondon Design Festival
www.londondesignfestival.comMehr Stories
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