Ade Palais
Zirkuläre Arbeitsgarage von Caramel ArchitektInnen in Wien
Caramel ArchitektInnen tauschten ihre mondäne Wiener Stadtrepräsentanz gegen eine alte Garage mit 5,50 Meter hohem Tonnengewölbe. Was sie dort vorfanden, wurde zum Ausgangspunkt für ein ungewöhnliches Büro – mit freigelegter Pferderampe, maisgelben Markisen und einem Arbeitsbereich, der als Dorfplatz dient.
Bis vor Kurzem arbeiteten Caramel ArchitektInnen mit ihren rund zwanzig Mitarbeiter*innen in der Wiener Türkenstraße, nur ein paar Blocks vom Zentrum entfernt. Das Büro befand sich in einem historischen Mietpalais mit Raum auf drei Ebenen. Sein Architekt Franz Neumann war ein bedeutender Vertreter des Wiener Historismus. Der Standort diente als räumliche Repräsentanz für Caramel, bis sich das Team für den Umzug – und eine konträre Arbeitsumgebung – entschied. Aus dem Gründerzeit-Altbau ging es in eine Lagerhalle, aus der pittoresken Gasse in einen Hinterhof und vom neunten Bezirk in den vierten. Dort stand ein Tonnengewölbe aus den 1950er-Jahren mit einer lichten Höhe von 5,50 Metern und mehr als 600 Quadratmetern Nutzfläche, aber auch mit einem Rucksack von mehreren Jahrzehnten Leerstand. Genutzt wurde es erst als Stall. Später wurde der historische Bau durch die heutige Garage mit Werkstatt ersetzt, einen rohen Bau ohne räumliche Unterteilungen. Das Team von Caramel begann seinen Neustart an diesem Ort mit einem funktionsoffenen Grundriss, der ihnen die Chance gab, Räume maßgeschneidert auf den eigenen Arbeitsalltag zu gestalten.
Offen für neue Räume
Das Projekt namens Carage begann also mit der einfachen Frage: Wie wollen wir arbeiten? „In der Türkenstraße waren wir auf zwei Ebenen verteilt, akustisch und visuell verbunden, aber doch getrennt. Diesmal entschieden wir uns bewusst für das Gegenteil: gemeinsames Arbeiten auf einer Ebene, ohne Hierarchien“, resümieren die Planenden. Das Zentrum der Halle bleibt frei für die Gemeinschaftsarbeitsplätze, darum gruppieren sich Besprechungsräume, soziale Treffpunkte und Rückzugsräume auf mehreren Ebenen. Bevor die neuen Funktionen allerdings einzogen, wurde entkernt, Garagentore, Türen und Sanitärkeramik wurden zurückgebaut. Unter den Trockenbauwänden kam nicht nur unverputztes Ziegelmauerwerk zum Vorschein, sondern auch Malereien, Dekorationen und Schilder. Im Keller wartete eine noch größere Überraschung: Die Baufirma fand eine zugemauerte Öffnung, die noch aus Stallungszeiten stammt. Sie führte einst auf eine Rampe und von dort in den Kutschenhof.
Bauen, was ist
„Die Geschichte lässt uns nicht los“, sagt das Caramel-Team. Nachdem die Rampe freigelegt war, wurde sie zum Impulsgeber für das Metathema. Die Architekt*innen interpretierten ihr Büro als eine auf- und absteigende Landschaft mit mehreren Ebenen, Raumnischen, Tribünen, zentraler Arena und verschiedensten Rückzugs-, Interaktions- und Konzentrationsräumen. Die Begeisterung für die Archäologie in der Architektur prägte auch die weitere Vorgehensweise. Alle Rückbauten, Funde und Relikte wurden zwischengelagert und später wieder eingebaut. „Wir wenden das Prinzip des Weiterverwertens an. Nicht abstrakt, sondern ganz konkret. Wir arbeiten mit dem, was da ist, und dem, was sich finden lässt“, beschreiben die Architekt*innen ihre Arbeitsweise. Dafür brauchten sie Verbündete. Ein Schlosser mit Gebrauchtwarenlager lieferte alte Stahlträger und Geländer, passte sie in den Bestand ein und baute auch das ursprüngliche Garagentor nach der Modernisierung wieder ein. In den Waschräumen wurden die alten Sanitärkeramiken wiederverwendet. Das Stuckateurunternehmen setzte auf einen Putz aus recyceltem Altpapier, der den Raum effizient akustisch beruhigt. Und statt Gipskarton wurden Platten aus gepressten Tetrapacks verbaut, die von einer Ausstellung übrig geblieben waren.
Dorfplatz unter dem Kuppeldach
Viele der anderen Bauelemente verblieben so roh, wie sie vorgefunden wurden. Der Estrich liegt nackt, Leitungen sind unverkleidet, Installationen laufen offen. Um dem industriellen Flair etwas entgegenzusetzen, verwendete Caramel die Farbe Maisgelb. Mal dezent, wie bei den gelben Lichtkabeln und Türrahmen, mal als Akzent, wie bei den gestreiften Markisen und lackierten Geländern. Die Kolleg*innen arbeiten im offenen Herzen, unter den Oberlichtern und im großzügigen Luftraum der Halle, die sie „Dorfplatz“ getauft haben. Um ihn gruppieren sich die große, gesellige Küche, Druckerraum, Bibliothek und Besprechungsräume hinter Wänden aus Glasbausteinen. Von dort geht es außerdem in den von den Seiten eingeschlossenen Garten und hinauf auf die Galerie mit Materialarchiv und Modellbautisch. Die freigelegte Pferderampe führt heute in den Keller, der mal als Partylocation, mal als Eventspace genutzt wird. Dann fungiert die Rampe – dank flexibel positionierbarer gelber Treppenmodule – als Tribüne. So wird die räumliche Offenheit nicht nur zur architektonischen Qualität, sondern auch zur Voraussetzung für ein Büro, das sich immer wieder neu nutzen und aneignen lässt.Teaser//BU:Vom Wiener Mietpalais in die Garage: Caramel Architektinnen haben sich eine offene Arbeitslandschaft im Bestand mit Pferderampe, Dorfplatz und maisgelben Akzenten gestaltet.
FOTOGRAFIE Otto Hainzl Otto Hainzl
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