Farbrausch im Engadin
Künstlerresidenz in Maloja von Kueng Caputo
Die Farbwahl ist mutig, die Materialien sind ungewöhnlich und die Gesamtwirkung begeistert: In Maloja im Oberengadin haben die Designerinnen Sarah Kueng und Lovis Caputo gemeinsam mit dem Architekturbüro Alder Clavuot Nunzi eine alte Scheune in ein Studio für Künstler*innen verwandelt.
Die alte Scheune bei Maloja im Engadin lag traumhaft und bot einen Panoramablick ins Tal sowie auf den Silsersee. Die Züricher Designerinnen Sarah Kueng und Lovis Caputo, die zum Bekanntenkreis der Eigentümer*innen gehören, schlugen deshalb vor, den kleinen Bau zu einem Studio umzugestalten und dort ein Artist-in-Residence-Programm ins Leben zu rufen. Das Eigentümerpaar, das selbst seit Langem in der Kunstszene unterwegs ist, stimmte zu – und beauftragte Kueng Caputo mit der Realisierung des Umbaus.
„Uns war aber sofort klar, dass wir einen Architekten mit ins Boot holen müssen, der sich mit dem Bauen im Engadin auskennt“, erinnert sich Sarah Kueng. „Schließlich kann das Klima in knapp 1.800 Metern Höhe ziemlich extrem sein.“ Die Designerin bezeichnet es als „großes Glück“, dass sie mit Matthias Alder vom Büro Alder Clavuot Nunzi aus Soglio einen Mitstreiter gefunden haben, der ihre Begeisterung für Materialität und Handwerkskunst teilt. „Er hat sich in all unsere Spinnereien immer voll reingekniet und versucht, Lösungen zu finden“, sagt sie.
Dämmen mit Hanf und Kalk
Äußerlich präsentiert sich die Scheune heute praktisch unverändert: Auf einem gemauerten Sockel, der das Gefälle ausgleicht, ruht das Hauptgeschoss, bei dem nur die Eckpartien in Stein ausgeführt sind. Die übrigen Wandabschnitte wurden ebenso wie der Dachstuhl und die Giebelverkleidung aus roh zugehauenen Holzstämmen in Blockbauweise errichtet. Um die ehemalige Scheune zum Wohnen und Arbeiten nutzen zu können, doppelten Kueng, Caputo und Alder die historischen Wände im Inneren mit Hanfstein auf. Die Zwischenräume füllten sie mit Hanfkalk. Ein Kalkputz dient als zusätzliche Windsperre.
Das Dach wurde innen mit Steinwolle gedämmt und mit MDF-Platten verkleidet. Hinter dem zur Talseite gelegenen Scheunentor wurde eine bodentiefe Glasschiebetür eingebaut. Diese Tür dient als Zugang zum Gebäude, ist aber zugleich auch seine einzige richtige Lichtöffnung. Nur durch die Spalten zwischen den Holzbalken im darüber liegenden Giebelfeld tritt ebenfalls gedämpftes Tageslicht ein. Zur Isolation ist es mit Glas hinterfangen.
Der durch den Umbau entstandene knapp 40 Quadratmeter große Innenraum besitzt eine nahezu quadratische Grundfläche. Zwei hohe gekurvte Einbauten unterteilen die Fläche. Sie flankieren die Fenstertür und rahmen so den Blick ins Tal. Die Elemente wurden als Holzständerkonstruktionen ausgeführt, die mit gestampftem Hanfkalk aufgefüllt sind. Der eine Flügel nimmt eine kleine Einbauküche auf, die durch einen Rollladen verborgen werden kann. Im anderen Flügel führt eine schmale Treppe auf eine Empore, die auf der Talseite rund ein Drittel des Raums überspannt.
Inszenierter Blick ins Tal
In den Raumzwickeln zwischen den gekurvten Einbauten und den Außenwänden sind ein WC und ein Duschbereich untergebracht. Der Innenwand zur Hangseite ist auf voller Länge eine Sitzbank vorgelegt. Sie ist ein wesentlicher Teil der Inszenierung. Wer vom niedrigeren Eingangsbereich in die giebelhohe Zone im hinteren Raumteil gelangt, kann sich dort niederlassen und den Blick durch die Fenstertür in die Landschaft erleben.
Marmorino in Rosa und Grün
Eine zentrale Rolle für die Wirkung des Innenraums spielen die ungewöhnlichen Materialien und Farben, die Sarah Kueng, Lovis Caputo und Matthias Alder verwendet haben. Fast alle Oberflächen einschließlich des Bodens haben sie mit Marmorino überziehen lassen, einem Kalkspachtel, der mit Steinmehl eingefärbt wird. Die leichten Reflexionen des Putzes leiten und zerstreuen das Licht, das durch die große Fensteröffnung strömt. Unterstützt wird diese Wirkung durch den zarten Rosaton, in dem die Wände und Einbauten gehalten sind.
Die beiden inneren Dachflächen sind dagegen in zwei unterschiedlichen Grüntönen gestrichen. Die exakten Farbtöne seien im Zusammenspiel mit den Handwerker*innen vor Ort bestimmt worden, erzählt Sarah Kueng. Ziel sei eine Stimmung von Geborgenheit und Schwere gewesen. „Nachdem der Farbschock verflogen ist, stellt sich bei den Besuchenden ein Gefühl völliger Ruhe ein“, hat sie beobachtet.
Ein flexibler Ort für Kunst
Damit das Gebäude seine Funktion als Atelier und Wohnung erfüllen kann, haben Sarah Kueng und Lovis Caputo einen großen Tisch für die ehemalige Scheune entworfen. Seine mehrfarbigen Beine variieren die Tonalität der Wände und des Bodens. Der Tisch wurde so konstruiert, dass er einfach zu bewegen ist, denn der Raum wird auch für Ausstellungen genutzt. Vor Kurzem hat die niederländische Künstlerin und Designerin Sabine Marcelis dort Arbeiten gezeigt. Eingeladen hat sie die Kopenhagener Galerie Etage Projects, die 2026 für das Artist-in-Residence-Programm verantwortlich ist. Man darf gespannt sein, wer zukünftig die „Künstlerresidenz auf Zeit“ beziehen wird. Denn für einen Aufenthalt in der alten Scheune mit dem malerischen Blick werden sich bestimmt viele Kunstschaffende interessieren.
FOTOGRAFIE Paola Caputo
Paola Caputo
| Projektname | Stalla Capolago |
| Architektur | Alder Clavuot Nunzi |
| Interiordesign | Kueng Caputo |
| Bauherrschaft | Claudia Groeflin & André Ziltener |
| Ort | 7516 Maloja, Schweiz |
| Fläche | 40 Quadratmeter |
| Fertigstellung | 2025 |
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